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Literatur Die Rebellin: Zum Tod von Oriana Fallaci

Nichts konnte diese sture Frau aufhalten: Oriana Fallaci war Widerstandskämpferin, arbeitete als Reporterin und schrieb Pamphlete gegen den radikalen Islam. Zum Tod einer umstrittenen Publizistin.

© AP Vergrößern Oriana Fallaci, 1930 - 2006

Oriana Fallaci war eine Kämpferin, fast fünfzehn Jahre lang hat sie gegen den Krebs gefochten - ein endloser Kampf gegen „den anderen“, wie sie die Krankheit oft nannte, den sie in der Nacht in einer Klinik in ihrer Heimatstadt Florenz dann doch verloren hat. Aber schon die hochbegabte, 1930 geborene Schülerin erlernte das Kämpfen, als sie unter Nazi-Besatzung für ihren Vater Kassiber und Waffen des antifaschistischen Widerstandes schmuggelte und gleich nach dem Krieg als Reporterin für Lokalblätter durch die verarmte Toskana radelte. Danach hat es sie sechzig Berufsjahre lang immer an die Front gezogen: zuerst als Kriegsberichterstatterin für namhafte italienische Zeitungen wie den „Corriere della sera“, später für Weltblätter wie „Time Magazine“ und den „New Yorker“.

Dirk Schümer Folgen:  

Nichts konnte diese sture Frau aufhalten: 1968 wurde sie unter Rebellen in Mexiko von drei Schüssen verwundet. Nach der Iranischen Revolution war die Laizistin und Feministin die erste, die Ajatollah Chomeini befragen durfte. Daß sie am Ende des Gesprächs den vorgeschriebenen Schleier abnahm, war eine Geste gegen islamischen Fundamentalismus, deren Bedeutung sich erst im nachhinein voll erschließt. Zwar wurde die Reporterin mit weiteren respektlosen Interviews von Fidel Castro, Willy Brandt, Golda Meir, Henry Kissinger und Muammar Gaddafi berühmt, zwar erzielten ihre Krisenbücher und die Erinnerungen an ihre Lebensliebe, den vermutlich ermordeten griechischen Antifaschisten Alexandros Panagoulis, Millionenauflagen - doch ihre eigentliche Bestimmung schien die Autorin erst mit dem 11. September 2001, den sie in ihrer New Yorker Wohnung an der Upper East Side erlebte, gefunden zu haben.

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Antiislamische Pamphlete

In kurzer Folge erschienen antiislamische Pamphlete wie „Die Wut und der Stolz“ oder „Oriana Fallaci interviewt Oriana Fallaci“. Hier ließ sie ihrem Ressentiment gegen den vermeintlich widerstandslosen Linksliberalismus europäischer Prägung freien Lauf, solidarisierte sich rückhaltlos mit der Kriegspolitik der Vereinigten Staaten und beschuldigte „den Islam“, bei dem sie keine Schattierungen gelten ließ, es auf die Erniedrigung und Vernichtung der abendländischen Kultur abgesehen zu haben.

Oriana Fallaci 2 © AP Vergrößern Fallaci starb in ihrer Geburtsstadt Florenz

Zwischentöne waren ihre Sache nie gewesen, nun teilte sie genußvoll nach allen Seiten aus: George Bush erschien ihr zu lax, Berlusconi wie Prodi waren „fucking idiots“, und eine geplante Moschee im toskanischen Colle Val d'Elsa wollte sie am liebsten „in die Luft sprengen“. Ob solche Wutausbrüche, die vielleicht auch mit der sich verschlimmernden Krankheit zu tun hatten, als Gründungsmanifeste eines wehrhaften Liberalismus oder schlicht als eitler und polemischer Humbug zu gelten hatten - darüber schieden sich die Geister. Der von der Atheistin verehrte Benedikt XVI. gewährte ihr vor einem Jahr eine Privataudienz, eine große Unterschriftenaktion wollte sie zur Senatorin auf Lebenszeit machen.

Nun betrauert sie - neben Italiens Staatspräsident Napolitano, der ihre Stärke rühmt - allen voran die ausländerfeindliche Lega Lombarda als „Symbol der intellektuellen Redlichkeit und der Freiheit“. Der Vorsitzende von Italiens muslimischen Gemeinden kommentierte vielsagend: „Mohammed hat uns gelehrt, zu den Toten zu schweigen, weil sie sich bereits für ihre Taten verantworten.“

Quelle: F.A.Z., 16.09.2006, Nr. 216 / Seite 39

 
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