Home
http://www.faz.net/-gqz-pmhe
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Literatur Die Erweiterung der Welt: Warum Literatur lebensnotwendig ist

29.12.2004 ·  Am siebten April 2004 trat Susan Sontag zum letzten Mal in der Öffentlichkeit auf. In ihrer Dankesrede zur Verleihung des Literary Award erklärte sie, was einen Schriftsteller ihrer Meinung nach ausmacht.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Vor langer Zeit, im achtzehnten Jahrhundert, schrieb ein großer und eigenwilliger Verteidiger der Literatur, Samuel Johnson, im Vorwort seines "Dictionary of the English Language": "Der größte Ruhm eines Volkes erwächst aus seinen Schriftstellern." Eine ungewöhnliche These, selbst damals. Und heute noch viel ungewöhnlicher, obwohl sie, wie ich finde, zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts noch immer Gültigkeit hat. Ich spreche von bleibendem, nicht von vergänglichem Ruhm.

Manchmal werde ich gefragt, was einen Schriftsteller ausmacht. In einem Interview hörte ich mich kürzlich sagen: "Er sollte die Sprache lieben, um das richtige Wort ringen. Und aufmerksam sein für die Welt." Kaum war mir diese flotte Antwort über die Lippen gegangen, fielen mir noch andere Dinge ein. Beispielsweise: "Ernsthaft sein." Darunter verstand ich: niemals zynisch sein. Und noch etwas: "Man sollte zu einer Zeit geboren sein, als Dostojewski und Tolstoi und Tschechow einen noch begeistern und beeinflussen konnten." Aber ganz gleich, was einem auf die Frage nach dem idealen Schriftsteller einfällt, die Antwort ist nie erschöpfend.

„Literatur ist Wissen“

Große Romanschriftsteller erschaffen eine neue, einzigartige, individuelle Welt - durch die Vorstellungskraft, durch eine überzeugende Sprache, durch handwerkliches Können - und reagieren auf eine Welt, die sie mit anderen teilen, die vielen Menschen, eingeschlossen in ihrem jeweiligen Kosmos, unbekannt oder unverständlich ist. Nennen Sie es Geschichte oder Gesellschaft. Die wirklich bedeutenden Schriftsteller erweitern unser Bewußtsein, unser Mitgefühl, unser Wissen.

Literatur ist Wissen, wie beschränkt auch immer - wie alles Wissen. Doch sie ist nach wie vor einer der wichtigsten Wege, die Welt zu verstehen. Gute Schriftsteller verstehen viel von Komplexität, von der Komplexität der Gesellschaft, des privaten Lebens, der familiären Abhängigkeiten und Gefühle, von der Macht des Eros, von den unterschiedlichen Ebenen des Empfindens und Kämpfens.

„Eine Form von Verantwortung“

In unserer degenerierten Kultur werden wir fast überall dazu angehalten, die Realität zu vereinfachen, Weisheit zu mißachten. Es steckt viel Weisheit im kostbaren Erbe der Literatur, der Weltliteratur, die uns weiter ernähren kann, die einen unerläßlichen Beitrag zu unserer Menschlichkeit leistet, indem sie eine komplexe Sicht der menschlichen Empfindungen und der Widersprüche artikuliert, ohne die es in Literatur und in Geschichte kein Leben gibt.

Literatur ist eine Form von Verantwortung - gegenüber der Literatur selbst und der Gesellschaft. Literatur verstehe ich im normativen Sinn, als eine, die hohe Maßstäbe anlegt und verteidigt. Gesellschaft verstehe ich ebenfalls im normativen Sinn. Man könnte sagen, daß große Schriftsteller, indem sie wahrhaftig über ihre Gesellschaft schreiben, entwickeltere Begriffe von Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit evozieren, für die einzutreten wir das Recht, manche würden sagen, die Pflicht haben.

„Moralische Probleme“

Ein Schriftsteller, der sich der Literatur verpflichtet fühlt, beschäftigt sich natürlich mit moralischen Problemen, mit der Frage, was gerecht und ungerecht, was besser oder schlechter, was abstoßend, bewundernswert oder beklagenswert ist, was Freude bereitet und Beifall findet. Damit meine ich nicht krudes Moralisieren. Seriöse Schriftsteller setzen sich konkret mit moralischen Problemen auseinander. Sie erzählen Geschichten. Sie evozieren unser Menschsein in Erzählungen, mit denen wir uns identifizieren können, auch wenn uns die Figuren fremd sind. Sie regen unsere Phantasie an. Ihre Geschichten erweitern und vertiefen unser Mitgefühl. Sie bilden unsere moralische Urteilskraft aus.

Wenn ich von Erzählungen rede, meine ich, daß die Geschichte eine Form hat - einen Anfang, eine Mitte (also eine Entwicklung) und ein Ende. Jeder Schriftsteller möchte viele Geschichten erzählen, aber es ist klar, daß nicht alle Geschichten erzählt werden können - schon gar nicht auf einmal. Wir müssen eine Auswahl treffen. Die Kunst des Schriftstellers besteht darin, in dieser einen Geschichte, in dieser einen Passage, in dieser Zeitspanne, in diesem geographischen Raum möglichst viel auszudrücken. Wer eine Geschichte erzählt, sagt: Dies ist jetzt wichtig. Er reduziert die Fülle und Gleichzeitigkeit aller Dinge auf etwas Lineares, auf einen Pfad.

„Die Komplexität ihrer Gefühle und Gedanken“

Der moralisch denkende Mensch nimmt bestimmte Dinge wahr. Wenn wir moralische Urteile treffen, sagen wir nicht nur: Das eine ist besser als das andere. Wir sagen, daß es wichtiger ist. Wir ordnen die erdrückende Fülle und Gleichzeitigkeit der Dinge um den Preis, daß wir das meiste, was auf der Welt passiert, ignorieren oder ihm den Rücken zukehren.

Moralische Urteile beruhen auf unserer Wahrnehmungsfähigkeit, einer Fähigkeit, die natürlich begrenzt ist, aber erweitert werden kann. Vielleicht ist es der Beginn von Weisheit und Demut, sich vor dem niederschmetternden Gedanken zu verneigen, daß alles gleichzeitig geschieht und daß wir dies mit moralischen Begriffen, den Begriffen des Schriftstellers, nicht verstehen können. Lyriker, die nicht so recht an das Erzählen von Geschichten glauben, finden womöglich leichter zu dieser Erkenntnis. Fernando Pessoa schrieb in seinem "Buch der Unruhe": "Ich habe bemerkt, daß ich immer an zwei Dinge zugleich denke und ihnen Aufmerksamkeit schenke. Ich glaube, alle Menschen sind ein wenig so . . . Bei mir ist es so, daß die beiden Wirklichkeiten, auf die ich achte, gleiche Bedeutung besitzen. Darin besteht meine Originalität. Darin besteht vielleicht auch meine Tragödie und deren Komödie." Ja, alle Menschen sind ein wenig so - aber diese "doppelte Aufmerksamkeit" ist eine anstrengende Haltung, wenn man sie lange Zeit einnimmt. Es ist ganz normal, daß die Menschen die Komplexität ihrer Gefühle und Gedanken reduzieren und das, was außerhalb ihrer unmittelbaren Erfahrung liegt, von sich fernhalten.

Warum müssen Unschuldige leiden?“

Ist diese Abwehr eines erweiterten Bewußtseins, das mehr wahrnimmt als das, was in diesem einen Moment und an diesem einen Ort gerade passiert, nicht der Kern unserer unklaren Wahrnehmung des Bösen und der grenzenlosen Fähigkeit der Menschen, Böses zu tun? Weil es fraglos Dinge gibt, die nicht deprimieren, sondern erfreuen, ist es immer wieder ein Rätsel, daß es soviel Elend und Böses gibt. Ein Großteil der Literatur und all jener Überlegungen, die sich vom Erzählerischen zu lösen suchen und rein abstrakt werden, fragt: Warum existiert das Böse? Warum verraten und töten Menschen einander? Warum müssen Unschuldige leiden?

Vielleicht sollte man die Frage anders formulieren: Warum gibt es das Böse nicht überall? Noch genauer: Warum existiert es hier und dort, aber nicht überall? Und was sollen wir tun, die wir nicht davon betroffen sind? Als Voltaire von dem Erdbeben hörte, das Lissabon 1755 zerstörte, erschrak er über das Unvermögen, wahrzunehmen, was anderswo passiert. "Lissabon liegt in Trümmern", schrieb er, "aber hier in Paris tanzen wir."

„Schriftsteller sind oft Reisende“

Für die Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts, des Zeitalters des Völkermords, dürfte es weder paradox noch überraschend sein, daß man auf das, was zur gleichen Zeit an einem anderen Ort passiert, gleichgültig reagieren kann. Ist es nicht Teil der Grundstruktur von Erfahrung, daß das "Jetzt" sowohl "hier" als auch "dort" stattfindet? Dennoch behaupte ich, daß wir genauso überrascht sein können über die Unangemessenheit unserer Reaktion auf die Gleichzeitigkeit verschiedenster menschlicher Schicksale, wie es Voltaire vor zweieinhalb Jahrhunderten gewesen war. Vielleicht ist es unser Schicksal, überrascht zu sein angesichts der Gleichzeitigkeit der Dinge. Daß wir, die wir in Wohlstand und Sicherheit leben, heute abend nicht hungrig zu Bett gehen oder von einer Bombe zerfetzt werden, während anderswo, genau in diesem Moment, in Grosnyj, in Nadschaf, in Sudan, in Kongo, in Gaza, in den Favelas von Rio . . .

Ein Reisender zu sein - und Schriftsteller sind oft Reisende - heißt, ständig an die Gleichzeitigkeit der Ereignisse erinnert zu werden, in der eigenen Welt und der anderen Welt, die man besucht hat. Eine erste Antwort auf diese schmerzhafte Erkenntnis könnte darin bestehen, daß man sagt: es ist eine Frage der Einfühlung, der Grenzen unserer Vorstellungskraft. Man könnte auch sagen, daß es nicht "natürlich" ist, sich immer wieder bewußt zu machen, daß die Welt so groß ist. Daß das eine passiert, während gleichzeitig das andere passiert. Stimmt. Aber eben deswegen brauchen wir die Literatur - um unsere Welt zu erweitern.

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.

Susan Sontag hielt die Dankesrede zur Verleihung des Literary Award der Los Angeles Library am 7. April. Es war ihr letzter öffentlicher Auftritt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.12.2004, Nr. 305 / Seite 39
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Wieder federführend

Von Sandra Kegel

Immer mehr Menschen schwärmen für das Schreiben mit spitzer Feder, Füllhalter-Produzenten und Versandhändler verzeichnen eine Verdopplung der Nachfrage. Was ist zu halten von der neuen Liebe zur Tinte? Mehr 1 3