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Literatur des Herbstes Im Zwischenreich

12.10.2009 ·  Herta Müllers „Atemschaukel“ ist das Werk, das in dieser Saison alle anderen überragt. Doch die schöne Literatur des Herbstes hat noch mehr Entdeckungen, Bestätigungen und Erweiterungen zu bieten. Ein Überblick von Felicitas von Lovenberg.

Von Felicitas von Lovenberg
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Die Literatur dieses Herbstes betritt die Zwischenräume, jene Bereiche, die nicht ganz von dieser Welt sind und doch allgegenwärtig. Es sind die Gefilde des Traumes, der wilden Hoffnung, der Verzweiflung und der Trauer, und es tut gut, bei diesen Expeditionen ins Unbekannte einige höchst unterschiedliche, aber stets verlässliche Erzähler an seiner Seite zu wissen.

„Atemschaukel“ ist das eine Werk, das in dieser Saison alle anderen überragt; eine herzzerreißende, demütig und bescheiden machende Lektüre. Wer nicht immun ist gegen Wahrhaftigkeit und Poesie, dem schenkt dieses Buch das Erlebnis großer Literatur: das Zeugnis einer Menschlichkeit, die den Einzelnen transzendiert. Solch tiefe Wirkung lässt sich nicht beabsichtigen oder gar planen; sie ist die Essenz großer Kunst – und ihre Erkenntnis steht jedem zu Gebote. Als Herta Müller vor zwei Wochen im Rahmen einer Veranstaltung mit anderen Autoren der Shortlist zum Deutschen Buchpreis ihren Roman im Frankfurter Literaturhaus vorstellte, war diese Ausstrahlung unmittelbar spürbar. Ergreifend, schockierend, verstörend – der Eindruck, den „Atemschaukel“ hinterlässt, ist ein bleibender. Der Nobelpreis für Herta Müller hat das auf triumphale Weise nur bestätigt (Literaturnobelpreis 2009 für Herta Müller).

Wenn es also mit rechten Dingen zugeht, dann erhält die Schriftstellerin heute Abend in Frankfurt den Deutschen Buchpreis für den besten Roman des Jahres (siehe: Die Shortlist für den Deutschen Buchpreis steht fest). Sicher ist das keineswegs. Denn es gibt solche, die meinen, dass der Nobelpreis alle anderen Preise überflüssig mache. Sogar die abstruse Hoffnung, Herta Müller würde ihr Buch zurückziehen und der Jury so auch das Dilemma der Entscheidung abnehmen, wurde geäußert.

Segen und Unglück

Gleich, wie der Gewinner heißt – die Auszeichnung steht diesmal im Schatten der frohen Kunde aus Stockholm. Doch ändert diese kleine Entlastung nichts an der höchst zwiespältigen Wirkung der Auszeichnung insgesamt. Der Deutsche Buchpreis ist ein Segen und ein Unglück. Segen, weil die Auszeichnung in den letzten Jahren maßgeblich dazu beigetragen hat, die Aufmerksamkeit für die deutschsprachige Literatur spürbar zu erhöhen; von der lange vorherrschenden Herablassung gegenüber heimischen Produkten im Gegensatz zu exotischen, vorzugsweise angelsächsischen Gewächsen ist fast nichts mehr übrig.

Ein Unglück, weil der Preis im Buchhandel statt zu einem belebten Boulevard von Leseempfehlungen zu einer Sackgasse geworden ist, die, kurzfristig flankiert von zwanzig, dann von nur noch sechs Titeln, schließlich auf ein einziges Werk zuläuft. Das verkauft sich dann zwar wie verrückt, aber fast alle anderen Bücher fallen durch den Aufmerksamkeitsrost. Zu dieser verheerenden Wirkung tragen vor allem die großen Buchhandelsketten bei, bei denen Marketing alles und Selberlesen nichts gilt. Mit Veröffentlichung der Shortlist Anfang September räumen sie den sechs Finalisten absolute Dominanz über ihre Büchertische ein. So wird das breite literarische Angebot lange vor dem alles entscheidenden Weihnachtsgeschäft auf wenige Titel reduziert.

Denn auch abgesehen von der – abgesehen von „Atemschaukel“ zwar betont abseitigen, aber durchaus aussagekräftigen – Shortlist zum Buchpreis (zur Erinnerung und in parteiischer Reihung der Verfasserin: Herta Müller, „Atemschaukel“; Stefan Thome, „Grenzgang“; Kathrin Schmidt, „Du stirbst nicht“; Norbert Scheuer, „Vom Rauschen“; Clemens J. Setz, „Die Frequenzen“; Rainer Merkel, „Lichtjahre entfernt“, siehe auch: Interview mit Rainer Merkel über sein Leben in Liberia), ist dies eine an Entdeckungen, Bestätigungen und Erweiterungen reiche Saison. Urs Widmer etwa ist mit seinem abgefahrenen Roman „Herr Adamson“ nicht einmal auf die Longlist gekommen. Dabei beschreitet der Schweizer hier erneut Serpentinen, schwindelfrei und unbeirrt, die jeder andere für zu steil oder riskant erklären würde. Er aber geleitet den Leser so an Orte, von denen der vielleicht zu träumen, aber kaum zu sprechen gewagt hätte. „Herr Adamson“ entwirft nicht weniger als eine Vision der ewigen Jagdgründe. Wie man dorthin gelangt, ist nicht nur für jene aufregend, die schon als Kind indianische Tapferkeit und Stolz bewunderten.

Jeder Mensch sein schlimmster Feind

Ähnlich beunruhigend sind die Zwischenräume, die Thomas Glavinic in seinem radikalen Roman „Das Leben der Wünsche“ (Rezension: Thomas Glavinics „Das Leben der Wünsche“) erforscht, sind es doch Regionen, in denen sich das Unterbewusste für die täglich eingeübten Verdrängungsmechanismen seiner Bedürfnisse rächt – gründlich. Dass jeder Mensch sein eigener schlimmster Feind ist, ist nur eine Erkenntnis, die sich aus dem apokalyptischen Roman des Österreichers ziehen lässt. Glavinic erinnert daran, dass wir als Regisseure unseres eigenen Lebensfilms auch für das Ende selbst verantwortlich sind.

Parallel zur Realität hat es sich Darius Kopp, ein vierzigjähriger Kindskopf, bequem eingerichtet, als ihn gleich mehrere Krisen kalt erwischen. Terézia Moras Roman „Der letzte Mann auf dem Kontinent“, der, ebenso wie jener von Thomas Glavinic, nicht nur auf die Longlist, sondern auch auf die Shortlist zum Buchpreis gehört hätte, erzählt von der Vertreibung eines Angehörigen der Generation iPhone aus dem selbstprogrammierten Paradies. Die Autorin erzählt von einer kommunikationsfixierten Arbeitswelt, in der es immer schwerer fällt, vor lauter Spam-Mails das Wesentliche auszumachen. Es kommt zum Systemkollaps, zum Burnout – eine Lektüre zur Zeit.

Eine Familie, in der vor allem die Schwäche von Generation zu Generation weitergegeben wurde, steht im Zentrum der „Ängstlichen“ von Peter Henning (Rezension: Peter Hennings „Die Ängstlichen“). Doch was für ein starkes Romanpersonal gibt dieses Ensemble von Versagern, Kranken, Zauderern ab! Bevor sie ins Altenheim zieht, will Johanna, die Matriarchin der Janssens, noch einmal ihre Familie um sich versammeln, deren Mitglieder jegliche tiefe Bindung zueinander fast verloren haben. Es wird gelogen, betrogen und geheuchelt, was das Zeug hält – aber am meisten machen die Figuren sich selbst etwas vor. Peter Henning hat das Porträt einer zutiefst verunsicherten Familie geschaffen, gnadenlos, hochanalytisch und hyperrealistisch.

Angetroffen heißt nicht erreicht

Was früheren Autoren das Faszinosum Glenn Gould, ist heutigen Alfred Brendel. Kaum ist der Pianist im vergangenen Jahr von der Bühne abgetreten, heißt ihn die Literatur mit offenen Armen in ihrem Reich willkommen. Dass rückhaltlose Verehrung keineswegs der schlechteste Ausgangspunkt für eine Begegnung auf Augenhöhe ist, beweist Armin Thurnher. Der Wiener Journalist hat mit „Der Übergänger“ einen hinreißend amüsanten, intelligenten und äußerst unterhaltsamen Roman geschrieben, der Thomas Bernhards „Untergeher“ nicht nur im Titel, sondern auch in seinen herrlich ironischen Schilderungen der Wiener Kulturszene anklingen lässt. Der Ich-Erzähler, der seit Jahren Brendels Konzerte besucht und daheim all seine Einspielungen hat, hofft schon lange darauf, sein Idol einmal persönlich zu treffen. Nachdem er ihm einen Text schickt, den er über ihn geschrieben hat, willigt Brendel ein. Doch immer gerät etwas dazwischen. Als es schließlich doch zur ersehnten Begegnung kommt, muss der Ich-Erzähler feststellen: „Angetroffen ist noch lange nicht erreicht.“ Literarisch gilt das zum Glück nicht.

Der Weg von Wien in die chinesische Provinz ist nicht weiter als bis zur nächsten Buchhandlung. Ein Menschenleben ist dort 1979 nicht viel wert. Doch eine „Denunziationszeremonie“, gefolgt von der öffentlichen Hinrichtung einer jungen Antikommunistin, ist ein festliches Ereignis, das niemand verpassen darf. „Die Sterblichen“ heißt der verstörende Roman der 1972 in Beijing geborenen und heute in Kalifornien lebenden Autorin Yiyun Li über eine Gesellschaft am Minimum. Der Tag, an dem die achtundzwanzigjährige Shan sterben muss, führt zu einigen erstaunlichen Begegnungen und setzt eine Kette von Ereignissen in Gang, die den Verlauf vieler weiterer Leben verändern wird. Glück ist für die Menschen in dieser kargen, harten Welt keine Kategorie. Yiyun Li hat ein in altmeisterlich-lakonischer Manier dargebotenes Panorama des Leids geschaffen – und zugleich ein eindringliches Porträt Chinas nach der Kulturrevolution. Es wird länger als bis zum Ende der Buchmesse dauern, die Flut an chinesischen Titeln zu verdauen; aber unter den zahlreichen Werken ist „Die Sterblichen“ eines, dessen Bilder und Charaktere man nicht vergisst.

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