26.01.2004 · Heftigen Attacken war das Tagebuch einer Anonyma aus dem Jahr 1945 ausgesetzt. Für Hans Magnus Enzensberger, den Herausgeber des Buches, haben dabei Methoden der Inquisition die der Literaturkritik überflügelt.
In einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, der an diesem Dienstag veröffentlicht wird, reagiert Hans Magnus Enzensberger ein weiteres Mal auf die Vorwürfe, die gegen das von ihm veröffentlichte Tagebuch einer anonymen Autorin aus dem Frühjahr und Sommer 1945 erhoben worden waren.
In ihren Notaten, die sie vor neugierigen Nachbarn als „bloß privates Gekritzel“ herunterspielte, hielt die „Frau aus Berlin“ ebenso schonungslos wie unsentimental die Erlebnisse des Kriegsendes fest: Bombenalarm, Nahrungsbeschaffung, Wetter, Schlangestehen, Kellergespräche, Zwangsarbeit, Selbstmorde und, immer wieder, Vergewaltigungen. An eine Veröffentlichung - erstmals 1954 in Amerika - hatte sie die Bedingung geknüpft, anonym zu bleiben.
„Praktisch ein Schuldgeständnis“
Im September hatte ein Journalist nicht nur die Identität der Autorin aufgedeckt, sondern zugleich die Authentizität des Tagebuchs in Abrede gestellt. Enzensberger vergleicht das Vorgehen des Journalisten mit dem der Inquisition: Wie sonst nur bei Skandalisierungen der Boulevardpresse müsse hier der Verdächtigte die Vorwürfe entkräften.
„In Zukunft würde, sollte sich die inquisitorische Methode in der Literaturkritik durchsetzen, jeder Autor damit rechnen müssen, daß er seine Autorschaft notariell beglaubigen lassen muß; sämtliche Manuskriptfassungen wird er im Faksimile der Inquisition vorzulegen und möglichst auch in dieser Form zu veröffentlichen haben“, schreibt Enzensberger. „Der bloße Abdruck einer von ihm autorisierten Fassung wäre ungenügend, ja er käme praktisch einem Schuldeingeständnis gleich.“
Allerdings trage der gewählte Vergleich nicht unbeschränkt: „Im Gegensatz zu den Herren in den roten Roben ist es der Presseinquisition ja nicht vergönnt, Bücher aus dem Verkehr zu ziehen. Die Literatur wird sie zu ertragen haben - und zu ignorieren wissen. Sie wird auch eine Kritik überleben, die an die Stelle der Lektüre die Verleumdung setzt.“