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Literatur : Der „Berlinroman“ - Forderung, Fluch und Versprechen

  • -Aktualisiert am

... und hinter jedem Fenster sitzt ein Autor. Bild: dpa

Gibt es ihn, den großen neuen Berlinroman? Warum wird er so oft versprochen? FAZ.NET hat sich in der Literatur-Metropole umgesehen.

          „Ich steh auf Berlin“, sang Annette Humpe vor knapp 20 Jahren. Seit die Mauer gefallen ist und ein verblasster Metropolengeist mit einiger Verbissenheit beschworen wird, hat diese Parole wieder Konjunktur. Auch Schriftsteller zieht es in Scharen nach Berlin.

          Und natürlich wollen die Verlage, wer könnte es ihnen verübeln, ebenfalls vom Berlin-Hype profitieren. Jedes Programm muss pro Saison mindestens einen Titel vorweisen, dem das Label „Berlinroman“ aufgestempelt werden kann. Das Gütezeichen bürgt für Aufbruch, große Welt und Hipness. Und so wird die ehemalige Frontstadt fleißig als Kulisse durch die Romanwelten geschoben. Gibt es aber so etwas wie spezifische Berlinromane oder stimmt Frank Schirrmachers Verdikt aus dem Jahr 1989 noch, demzufolge es seit Döblins „Berlin Alexanderplatz“ keine deutsche Metropolenliteratur mehr gegeben habe?

          Mythischer Fluchtpunkt

          Nun hat sich seit 1989 ja einiges in und an der Stadt verändert. Und verändert haben sich auch die Voraussetzungen, wie „Stadt“ organisiert und zu beschreiben ist: Privatisierung des öffentlichen Raumes, Gentrifizierung und soziale Verdrängung, immer ausdifferenziertere Subkulturen, marktwirtschaftliches Denken statt Berliner Ökonomie lauten einige Stichworte. Und überhaupt: Berlin ist ein Pop-Phänomen ersten Grades geworden. Jener große, alles umfassende literarische Wurf ist kaum zu erwarten, wenn sich einem ein in tausend Teile zersplittertes Universum dartut. Der Berlinroman als Beschreibung eines ganzen Kosmos' - das ist der immer wiederkehrende Traum des Verlegers und Kritikers, der schwerlich wahr wird.

          Nach Mitte

          Berlin als Metapher, als Ort vieler Sehnsuchtsprojektionen dieser Republik, mehr mythischer Fluchtpunkt als reales Zentrum, zog schon immer Träumer und Glückssucher an. „Nach Mitte“ lautet denn auch seit geraumer Zeit die nicht nur lokal zu verstehende Losung. Je mehr man sich aber ins Herz der Stadt sehnt, desto eher scheint man sich auf dem Weg dorthin zu verheddern. Die Schriftstellerin Kathrin Röggla hat das in ihrem Internetprojekt „Nach Mitte“ schön dargestellt: Man klickt sich durch einen großstädtischen Raum und verliert sich immer mehr an dessen Rändern.

          Potsdamer Platz vs. Prenzlauer Berg

          Ein Puzzle aus diversen Erfolgsfantasien hat Norbert Zähringer in seinem glänzenden Berliner Angestellten-Roman „So“ zusammengebastelt - und ist dabei auf ziemlich viele Verlierer gestoßen. In Berlin treffen ungebremst West und Ost zusammen, Regierung und Stimmenlose, Geld und Scheitern, Potsdamer Platz und Prenzlauer Berg. Indem die hier konzentriert auftretenden Spannungen erzählt werden, vermittelt sich auch so etwas wie eine Topographie der Stadt - und nicht dadurch, dass die Figuren auch mal über den Alexanderplatz schlendern.

          An einer komplexen Auffassung von Raum mit seinen diversen Diskursschichten arbeitet auf ganz eigene Weise die schon erwähnte Wahl-Berlinerin Kathrin Röggla. In ihrem Erzählband „Irres Wetter“ werden die Imaginationen, die mit Berlin verbunden sind, auseinandergenommen. „Mir ging es darum, einer gewissen Inszenierung der Stadt Berlin etwas entgegenzusetzen: die Perspektive einer anderen Stadtwandlung, die nicht auf Events setzt, nicht auf Zentralisierung, nicht auf New Business und auf Neue Mitte“, sagte sie kürzlich in einem Interview. Rögglas Programm: keine Beteiligung an Mythifizierung und Inszenierung, sondern deren Dekonstruktion.

          Generation Berlin

          Auf der Pariser Buchmesse vor einigen Wochen wurde von den französischen Feuilletons eine neue Berliner Schriftstellergeneration ausgemacht, zu der kurioserweise Christoph Hein und Tim Staffel, Georg Klein und Judith Hermann, Thomas Brussig und Felicitas Hoppe gehören sollen - Autoren ganz unterschiedlichen Alters und mit ganz unterschiedlichen Schreibprogrammen.

          Dass allerdings für all diese Autoren und Hunderte mehr Berlin eine große Anziehungskraft besitzt, ist bezeichnend. Man scheint hier die Konflikte, Reibungen und Voraussetzungen vorzufinden oder zumindest zu imaginieren, aus denen heraus Literatur entstehen kann. Die Stadt boomt dementsprechend literarisch: In manchen Stadtteilen, so hat man den Eindruck, treten sich die Autoren auf die Füße; Lesungen gibt es en masse, eine rege Presse interessiert sich selbst für verlagslose Hinterhofliteraten. Literaturfestivals, Poetenstammtische und Salons sprießen aus dem weiten literarischen Feld. Norbert Zähringer hält dieses kunterbunte Treiben allerdings eher für eine von den Medien gestiftete Illusion.

          Katerstimmung?

          Vereinzelt macht sich eine gewisse Ernüchterung breit, die Phase der künstlerischen Euphorie scheint bereits wieder verflogen. Nochmal Kathrin Röggla: „Ich habe den Eindruck, dass in Berlin in den letzten zehn Jahren sukzessive eine Einbetonierung der Stadt und der dort vorhandenen Möglichkeiten stattgefunden hat. Die ganzen Nischen im Bereich der Kunst oder Subkultur sind immer weiter zurückgedrängt worden.“ Gerade darin aber liegt eine Chance für die Literatur: Die Stadt samt aller Widersprüche könnte tatsächlich eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Wirklichkeit, Gegenwart und Metropolenentwürfen provozieren, und das Image, das Berlin offiziell von sich entwirft, ließe sich so ein bisschen ankratzen. Das ergibt dann vielleicht nicht den großen Berlinroman, dafür aber viele, sich zu einem Bild zusammenfügende Berliner Geschichten.

          Quelle: @urue

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