Home
http://www.faz.net/-gqz-36k0
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Literatur Dann eben ein Pornografie-Vorwurf: Die Kampagne gegen Vladimir Sorokin geht weiter

11.07.2002 ·  Die Kampagne der russischen Jugendbewegung „Gemeinsamer Weg“ gegen die Bücher Vladimir Sorokins geht in die dritte Runde.

Artikel Lesermeinungen (0)

Als die russische Jugendbewegung „Gemeinsamer Weg“ Anfang des Jahres die Bücher der russischen Gegenwartsautoren Vladimir Sorokin, Viktor Pelewin und Viktor Jerofejew aus dem Verkehr ziehen wollte, konnte Sorokin einen Gegencoup landen. Jetzt hat die vom Kreml unterstützte Bewegung Strafanzeige wegen Verbreitung pornografischer Texte gegen den international anerkannten Autor erstattet.

In seinem Roman „Der himmelblaue Speck“ schildert Sorokin eine Kopulationsszene zwischen den Klonen von Hitler, Stalin und Chruschtschow. Der Autor wies den Pornografie-Vorwurf mit der Begründung zurück, sein Text verfolge im Unterschied zu echter Pornografie nicht das Ziel, den Leser sexuell zu erregen.

Das gegen Sorokin eingeleitete Verfahren traf in der russischen Öffentlichkeit auf gemischte Reaktionen. Kritiker werfen Sorokin seit Jahren vor, er ziehe mit seinen Büchern russische Literatur-Ikonen wie Puschkin, Tolstoi oder Achmatowa in den Schmutz. Im Einband der deutschen Ausgabe von „Der himmelblaue Speck“ ist der verbale Angriff auf den Autor abgedruckt, er sei entweder geisteskrank oder er müsse für seine Schmierereien vor Gericht gestellt werden.

Nach „traditionsfremd“ jetzt „pornografisch“

In der russischen Öffentlichkeit traf die Strafanzeige gegen Sorokin auf Zustimmung und Ablehnung. Schriftsteller und Journalisten dürften nicht alles schreiben, sagte der vom Kreml eingesetzte Menschenrechtsbeauftragte Oleg Mironow. „Sie sollten einer inneren Zensur folgen, die durch die eigene Moral bestimmt wird“, forderte Mironow. Die Bürgerrechtlerin Ljudmila Alexejewa sprach dagegen von einem Skandal: „Dieses Strafverfahren ist eine Schande für unser Land. Mit einer derart erschütternden Dummheit konnte man nicht rechnen.“

Dabei hatte die Jugendbewegung schon Ende Juni bei einer Kundgebung „für die körperliche und geistige Gesundheit“ der Bevölkerung die Werke Sorokins kritisiert und Bücher des Autors symbolisch in eine übergroße Toilette geworfen. Und schon im Januar hatte der „Gemeinsame Weg“ an russische Leser Bücher des Sowjetklassikers Boris Wassiljew verteilt, wenn sie dafür ihre Exemplare von Werken Sorokins, Pelewins und Jerofejews abgaben. Jene wurden vom „Gemeinsamen Weg“ mit dem Stempel „Zurück an den Autor“ versehen und an die Schriftsteller zurückgegeben: Die Bücher seien „traditionsfremd“ und würden nicht wegen ihrer literarischen Qualität geschätzt. Sorokin hatte darauf reagiert, indem er die retournierten Bücher signierte und erneut zum Kauf anbot. Zum doppelten Preis.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr