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Literatur aus Litauen : Exil und Mutterland, zwei Welten

Mehr als fliegende Blätter: Litauen als Gastland auf der Buchmesse Bild: dpa

Die Litauische Gegenwartsliteratur steht vor großen Aufgaben. Die neuesten Publikationen zeigen, dass sie bestens gerüstet ist.

          Mit dem Tod zweier Schriftsteller ist in diesem Sommer das 20. Jahrhundert in der litauischen Literatur zu Ende gegangen - ein Jahrhundert, das von Exil, Unterdrückung, von der erzwungenen und zwanghaften Auseinandersetzung mit dem Totalitarismus und mehreren Neuanfängen geprägt war. Zum zweiten Mal seit dem Jahrzehnt nach der Ausrufung des ersten litauischen Staats 1918 hat eine junge Generation von Schriftstellern die Möglichkeit, sich unbedrängt von der Politik zu entwickeln - und sie scheint gewillt, diese Chance zu nutzen und dabei zugleich die schwierige litauische Geschichte nicht zu vergessen.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Lyriker war der eine der beiden Toten dieses Sommers; er hat fast das ganze vergangene Jahrhundert durchlebt, mehr als die Hälfte davon im Exil. Der andere schrieb Prosa und wurde nur einundfünfzig Jahre alt. Beide erlebten 1989 Triumphe, die nur in jenem Jahr, auf dem Höhepunkt der Unabhängigkeitsbewegung, möglich waren: Dem einen jubelten bei Lesungen seiner Gedichte Zehntausende zu, für den ersten Roman des anderen standen die Menschen vor den Buchläden Schlange. Der Erfolg der beiden Autoren hatte eine gemeinsame Ursache: Beider Werk war eine Auseinandersetzung mit der Unfreiheit und der Lüge, die die Litauer damals gerade zu überwinden versuchten. Doch damit hören alle Gemeinsamkeiten auf. Der Roman des jüngeren war ein radikaler Bruch mit der literarischen Tradition und ein frontaler Angriff auf die Werte, für die der ältere stand.

          Zuerst starb am 5. Juli in Los Angeles der fünfundneunzigjährige Bernardas Brazdzionis. Seit er 1944 vor der Roten Armee in den Westen geflohen war, hatten seine Gedichte nur ein Thema: die unterdrückte Nation und ihr Streben nach Freiheit. Als er 1989 nach Litauen zurückkehrte, wurden solche Verse benötigt. Um Literatur ging es dabei nur in zweiter Linie - die Auftritte von Brazdzionis waren politische Demonstrationen, seine Gedichte die Losungen dazu. Diese Reihenfolge gilt für sein ganzes in der Emigration entstandenes Werk: Es stand im Dienst einer Sache, die ihm wichtiger war als literarisch-ästhetische Kriterien. Sein Verständnis von der Rolle des Dichters und der Dichtung faßte Brazdzionis vergangenes Jahr in einem Satz zusammen, mit dem er ankündigte, daß er keine Gedichte mehr schreiben werde: "Meine Mission ist erfüllt."

          Am 18. August starb in Vilnius vollkommen unerwartet Ricardas Gavelis. Sein 1989 erschienener Roman "Vilniusser Poker" markiert den Beginn einer neuen Epoche in der litauischen Literatur: Mit ihm trat nicht nur die Prosa aus dem Schatten der bis dahin beherrschenden Lyrik heraus, mit ihm verließ auch die Literatur das stille Einvernehmen mit den Erwartungen des Volkes. In "Vilniusser Poker" standen unerhörte Dinge in einer obszönen Sprache. Doch die ohne ihren Kontext reichlich pubertär wirkenden Beleidigungen waren nur Teil eines umfassenderen Angriffs, der nicht nur dem Kommunismus, sondern auch dem Nationalismus, der litauischen Mentalität und den patriotischen Legenden galt, die Brazdzionis in schöne Verse faßte.

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