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Literatur aus Litauen Aus den Wäldern in die Welt

09.10.2002 ·  In den Büchern eines Landes, sagt der litauische Schriftsteller Teodoras Cetrauskas, kann man die Seele seines Volkes spüren.

Von Paul Brodowsky
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„Der letzte Partisan ist erst 1993 aus seinem Bunker gekommen.“ Die Rede ist nicht von Vietnam, nicht vom Golfkrieg oder von Afghanistan, sondern von Litauen, dem Gastland der diesjährigen Buchmesse. „Waldbrüder“ nannte man jene Menschen, die - im Westen kaum wahrgenommen - seit dem Ende des zweiten Weltkriegs der russischen Besatzung erbitterten Widerstand leisteten, wie der litauische Schriftsteller Teodoras Cetrauskas in einem Interview mit FAZ.NET erzählt. Besonders in den Nachkriegsjahren gab es in den schwer zu durchdringenden litauischen Wäldern regelrechte Partisanen-Heere, bei denen einzelne „Generäle“ bis zu 30.000 Mann unter sich vereinigen konnten.

Über diese Epoche in der baltischen Geschichte schreibt Cetrauskas in seinem neuen Roman „Als ob man lebte“. Uns westlichen Lesern mag diese weit zurückliegende Epoche als verstaubtes Thema erscheinen. „Dass ich mit dem Blick soweit zurückgehe, hat mit meiner Biografie zu tun, mein Vater starb auf solche Weise wie der Held des Buches. Zugleich wollte ich so etwas wie eine Geschichte von ganz Litauen aufschreiben.“

Unbewältigte Vergangenheit

Ähnliche Rückblicke auf das vergangene Jahrhundert haben zahlreiche Autoren des ehemaligen Ostblocks in den 90ern veröffentlicht (etwa Olga Tokarczuk mit ihrem Roman „Ur und andere Zeiten“). In diesen Ländern herrscht, was die Vergangenheitsbewältigung angeht, Nachholbedarf. Cetrauskas selbst vergleicht es mit Nachkriegsdeutschland, wo die Auseinandersetzung mit dem Nazi-Regime erst zehn, fünfzehn Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs mit Romanen wie Grass' „Blechtrommel“ verstärkt Einzug in die deutsche Literatur erhielt.

Cetrauskas berührt mit seinem Thema so etwas wie einen Nationalmythos des modernen Litauen, ohne dabei in Nationalpathos zu verfallen. So ungeschönt er die grausamen Sanktionsmaßnahmen der „Bratoks“ - Brüderchen, wie er die russischen Besatzer mit abgründigem Sarkasmus nennt - schildert, so unverstellt erzählt er auch von der schrecklichen Lynchjustiz, die unter den „Waldbrüdern“ üblich war.

Die grausamen Brüderchen

In einer Szene des Buches eliminiert eine russische Patrouille-Einheit den Stab des Partisanen-Generals „Teufel“ im Obergeschoss eines dörflichen Kinderheimes. Minutenlang feuern die „Brüderchen“ aus allen Rohren vom Erdgeschoss aus durch die Decke, bis an fünf Stellen das Blut der Eingeschlossenen durch die Deckenhölzer tropft. Nach diesem Massaker wird der Dorfschuster des Verrats bezichtigt, weil er mit einem Korb Pilzen aus der gleichen Richtung aus dem Wald kam wie zuvor die Patrouille. Noch am gleichen Tag ist der Schuster verschwunden, er wird kurze Zeit später im Fluss gefunden, „und alle sahen, dass der Schuster sich kopfüber im Wasser befand, als suchte er irgendetwas auf dem Grund des Flusses, als könnten dort Perlen sein. (...) Er tauchte so seltsam auf, weil er einen Stein um den Hals trug.“

Das Bemerkenswerte an Cetrauskas' neuem Buch ist die Form, in der er seine Schauergeschichte erzählt: Die Grausamkeit wird immer wieder von einem schelmischen Erzählton gebrochen, durch Ironie und schwarzen Humor konterkariert. „Ich wollte die Details nicht aussparen, ich verbinde gern das Lächerliche mit dem Grausamen.“ Man könne dem Leser so mehr zumuten, erklärt Cetrauskas. Mit der Form der Groteske knüpft er an osteuropäische Literaturtraditionen an, seine literarischen Vorbilder sieht Cetrauskas aber mehr in den deutschsprachigen Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts: Grass, Bernhard und Edgar Hilsenrath.

Diese Orientierung hat ihre Hintergründe: Cetrauskas hat Germanistik studiert, in den 80ern als Lektor für deutschsprachige Literatur in dem staatlichen Verlag Vagas gearbeitet, und er verdient bis heute sein Brot mit Übersetzungen aus dem Deutschen. Unter anderem hat er Grass, Bernhard und Kafka ins Litauische übertragen, im Moment arbeitet er an Döblins „Berlin Alexanderplatz“. Insgesamt sei die deutsche Literatur in Litauen seit 1991 der zweitwichtigste Einfluss nach der englischsprachigen, so Cetrauskas.

Poesie der Wälder und ein innerer Emigrant

Die Wende 1991 habe er in Hinsicht auf sein Schreiben als „Schock“ empfunden. „Man musste plötzlich neue Formen finden, konkreter werden. Die litauische Poesie war zuvor viel mit Symbolen, mit Wald verbunden, jetzt konnte man plötzlich sagen, wo einem der Schuh drückt.“ Er habe in der Sowjetzeit die Haltung eines „inneren Emigranten“ eingenommen. (Seine harmlos anekdotischen Texte aus dieser Zeit sind in dem Bändchen mit dem bezeichnend unkonkreten Titel „Irgendwas, irgendwie, irgendwo“ dokumentiert.) Cetrauskas betont aber, er habe „niemandem die Hand geküsst“. Andere Schriftsteller wichen vor der Wende in die Lyrik aus, der größere ästhetische Freiheiten zugestattet wurden; vor 1991 nahm die Lyrikproduktion in Litauen dementsprechend einen sehr hohen Stellenwert ein. Inzwischen hat sich das radikal geändert - und Gedichte haben jetzt einen ähnlich marginale Bedeutung wie in westlichen Literaturen.

Ganz frei von staatlicher Kontrolle ist das litauische Buchwesen bis heute nicht. Da der Buchmarkt seit 1991 aufgrund der niedrigen Einkommen - zumindest im belletristischen Bereich - regelrecht implodiert ist, sind die Verlage für die Veröffentlichung von Büchern im allgemeinen auf staatliche Zuschüsse angewiesen. Cetrauskas' neuem Roman wurde dieser Zuschuss verweigert; so erscheint das Buch zuerst in deutscher Übersetzung, in Litauen ist die Veröffentlichung bis auf weiteres nicht in Sicht.

Das muss einen schon stark wundern, wenn man in Betracht zieht, dass der Roman im Vergleich mit seiner Kurzprosasammlung, die schon vor Jahren in Litauen erschien, das bei weitem spannendere und formbewusstere Buch darstellt. Der Verdacht liegt nahe, dass sein Buch nicht auf das Wohlwollen der staatlichen Fördergelder-Kommission stieß, weil es ungeschönt von den grausamen Praktiken der sowjetischen Besetzer erzählt. In der Kommission säßen teilweise noch dieselben Leute wie vor 1991, erklärt Cetrauskas; er wisse sogar, wer in seinem Fall das Veto gesprochen habe, wolle aber keine Namen nennen.

„Die Seele des Volkes spüren“

Die Rolle der litauischen Literatur auf der Weltbühne schätzt er bescheiden als gutes Mittelmaß ein. „Sie ist nicht unbedingt Weltspitze, aber auch nicht so schlecht.“ Das Wertvolle sei aber, dass man mehr über Land und seine Menschen erfahre, als wenn man es eine Woche bereise. „Man kann die Seele des Volkes spüren“, erklärt er zu seinem eigenen Buch und fügt mit einem Lächeln hinzu: „Ich finde, Bücher sind praktisch.“

Teodoras Četrauskas: „ Als ob man lebte“. Athena-Verlag, Oberhausen 2002. 88 Seiten, broschiert, 12,90 EUR.

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