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Literatur Abaufwärts

12.06.2006 ·  „Aufgabe der Kunst ist es, die Schönheit des Scheiterns darzustellen“, wird Oscar Wilde gern zitiert, und in der Tat hat sich gerade in letzter Zeit eine ganze Reihe erfolgreicher und bemerkenswerter Bücher mit dem Phänomen des Verlierers beschäftigt.

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„Aufgabe der Kunst ist es, die Schönheit des Scheiterns darzustellen“, wird Oscar Wilde gern zitiert, und in der Tat hat sich gerade in letzter Zeit eine ganze Reihe erfolgreicher und bemerkenswerter Bücher mit dem Phänomen des Verlierers beschäftigt. Beides scheint Hand in Hand zu gehen: die unerschütterliche Konjunktur der säkularisiert-protestantischen Selbstverbesserungsliteratur in der Nachfolge von Dale Carnegie, also auch Lee Iacoccas Lebensgeschichte und Seiwerts/Küstenmachers „Simplify your Life“, und die Freude an der literarischen und intellektuellen Betrachtung des umgekehrten Weges, des unaufhaltsamen Abstiegs.

Wie sonst erklärt sich ein Erfolg wie der von Sven Regeners „Herrn Lehmann“ sowohl im Roman wie im Kino, ja selbst noch der Schilderung seiner vom Scheitern durchwehten Jugendjahre in der „Neuen Vahr Süd“, einem tristen Hochhausgebiet in Bremen? Ist das Interesse an seinen Abenteuern in der unteren Mittelschicht ein Zeichen für ein neues soziales Gewissen der Leser in Zeiten von Hartz IV? Oder im Gegenteil der Ausdruck einer sadistischen Dialektik: Je härter es für Herrn Lehmann kommt, desto wohler ist dem bürgerlichen Leser im Sessel? Sicher ist aber der nicht wertende, weder verurteilende noch glorifizierende Blick des Autors auf seinen Protagonisten ein wesentlicher Grund für den Charme des Buches. Verlierer sind nicht zu bemitleiden und nicht zu glorifizieren, sie haben aber einiges zu erzählen.

Kultur der Niederlage

In Alexander Masters bemerkenswerter Biographie eines englischen Penners, „Das kurze Leben des Stuart Shorter“, wird die klassische Abstiegsgeschichte, umgekehrt erzählt: Der Leser lernt Stuart zu Beginn des Buches als unberechenbaren Wüterich kennen und folgt ihm in seine beschwerte Kindheit. Der Clou dabei ist auch hier, daß der Autor das Scheitern nicht als Resultat der sozioökonomischen Umstände schildert, daß er nicht Tony Blair die Schuld gibt, sondern es beschreibt wie einen naturwissenschaftlichen Vorgang, eine prototypische Erfahrung in der westlichen Moderne.

Noch weiter zurück in der kulturwissenschaftlichen Analyse der Niederlage ging vor einigen Jahren Wolfgang Schivelbusch in seiner komparatistischen Studie über „Die Kultur der Niederlage“, in der er drei Varianten des soziokulturellen Umgangs mit militärischen Niederlagen untersucht: den des amerikanischen Südens 1865, Frankreichs 1871 und Deutschlands 1918. Er endet bei Fortbewegungsmitteln: Eisenbahn, Fahrräder und schließlich Autos trösteten die Menschen in ein neues Zeitalter: „Könnte es sein, daß die Sehnsucht nach Bewegung bei der Verarbeitung des nationalen Niederlagentraumas das zentrale Element ist?“ Nicht allein der Sieg, gerade auch das Verlieren entfaltet dynamische Wirkungen, manchmal für eine ganze Nation.

Sven Regener: „Herr Lehmann“ und „Neue Vahr Süd“. Eichborn Berlin.

Wolfgang Schivelbusch: „Die Kultur der Niederlage“. Alexander-Fest-Verlag.

Alexander Masters: „Das kurze Leben des Stuart Shorter“. Kunstmann-Verlag.

Quelle: mink/Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.06.2006, Nr. 23 / Seite 26
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