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Literarisches Litauen : Wahnsinn Vilnius

„Freiheit“ steht in großen Lettern vor dem Präsidentenpalast in Vilnius. Das bedeutet auch die Freiheit, Bukowski verlegen zu dürfen. Bild: dpa

Litauen ist ein kleines Land. Aber dass es so klein ist, dass die gesamte literarische Szene in eine Buchhandlung passt und dort auch ständig anwesend ist, das hätte man dann doch nicht gedacht.

          Ich stehe in der Buchhandlung Eureka in Vilnius und blättere in einem dicken Band mit den späten Gedichten von Adrienne Rich, wie ich vorher schon in den ausgewählten Gedichten von Theodor Roethke geblättert habe oder noch früher im „ABC of Reading“ von Ezra Pound. Wahnsinn. Ich bin wirklich in Litauen. Aber die Auswahl in diesem Laden wirkt so persönlich wie in einer New Yorker Autorenbuchhandlung. Es heißt, litauische Dichter kämen gern hierher, ein paar sind auch da, die Buchhändlerin (ihr Name ist Eurika) lächelt und schenkt Rotwein aus, ein Regal weiter drängeln sich welche und knabbern Paprika.

          Kurz zuvor habe ich mir einen Band mit Bukowski-Gedichten ausgesucht, der Titel gilt wohl uns allen: „You get so alone at times that it just makes sense“. Im Regal stehen aber auch sechs Bukowski-Bücher auf Litauisch, darunter „Das Liebesleben der Hyäne“. Die Bücher sind schön gestaltet. Da stupst mich jemand an und sagt: „Da vorne steht der Mann, der sie gestaltet hat.“ Ich sage: „Entschuldigung. Sind Sie wirklich der Mann, der die litauischen Ausgaben von Bukowskis Büchern gestaltet hat?“ Der Mann nickt. Er heißt Tom, aber sein Künstlername lautet Vario Burnos. Er erzählt, wie er im postsowjetischen Litauen zum ersten Mal Charles Bukowski veröffentlicht hat, „Notes From a Dirty Old Man“. Ohne Lizenz. Illegal. Underground. „Samisdat“, sagt Tom. „So kam Bukowski 2002 nach Litauen.“ Sie druckten hundert Exemplare, und das Cover war aus alten Damenstrümpfen gefertigt, passend zu den Aufzeichnungen eines dirty old man, und da, wo ein Riss im Strumpf war, stand der Name des Autors. „Wie viele Strümpfe habt ihr dafür gebraucht?“, frage ich. „Zwanzig“, sagt Tom.

          „Da vorne steht übrigens der Verleger, der Bukowski heute in Litauen legal herausbringt. Bukowski ist sein Bestsellerautor.“ Wahnsinn. Wir trinken Rotwein und sprechen über das Leben. Tom hat auch Gedichte geschrieben. Es sieht so aus, als hätte jeder in dieser Buchhandlung Gedichte geschrieben. Ich sollte Eurika fragen, ob sie auch Gedichte schreibt. Später unterhalte ich mich noch mit dem litauischen Dichter Laurynas Katkus, der gerade Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ ins Litauische übersetzt hat, davor Walter Benjamin, und als ich ihn frage, was denn von Benjamin, sagt er: „zwölf Bände“, und er fängt an aufzuzählen. Noch etwas später sagt ein Freund zu mir: „He, hast du auch noch mit dem litauischen Dichter gesprochen, der Konfuzius übersetzt?“ Ich schüttele den Kopf. Zuviel des Wahnsinns in Vilnius.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

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          Quelle: F.A.Z.

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