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Literarische Blogs Nicht abschreiben! Selber leben! Selber schreiben!

12.02.2010 ·  Den Blogger Airen zu beklauen, ist wie Robin Hood in die Tasche zu greifen, meint der mit Airen befreundete Blogger Glam. Er beschreibt am Beispiel seines Lieblings-Netzautors, was einen literarischen Blog ausmacht und ihn von der Originalitätssucht einer Helene Hegemann unterscheidet.

Von Glam
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Tod Spango, Kitty Koma, Melancholie Modeste, Lucky Strike, 500Beine, Bomec und Airen – das sind nicht etwa die Namen von Superhelden in einem Comic, von dem Sie noch nie gehört haben, sondern die Pseudonyme von Autoren, die ihre Texte im Internet veröffentlichen, auf sogenannten Blogs. Superhelden sind sie jedoch insofern, als sie das tun, ohne dafür bezahlt zu werden, einige zahlen sogar Miete für ihren Blog, ihr Internettagebuch, ihr virtuelles Plateau der Darstellung und Selbstdarstellung.

Ein guter Blog zeichnet sich vor allem durch eine Qualität aus: Echtheit. Durch die Art und Weise, wie Menschen über ihr Leben und Erleben berichten, schimmert in den besten Fällen etwas hindurch, das man als Authentizität bezeichnen könnte, womit aber nur ein Teilaspekt erfasst ist. Ein Blog erscheint echt, wenn der Blogger offen über sich berichtet, was, mit dem Namen eines Superhelden versehen, eher gelingt – die Anonymität erleichtert es, über heikle oder intime Details zu berichten, Sachen loszuwerden, über die man unter bürgerlichem Namen nur im engsten Freundeskreis, wenn überhaupt, sprechen würde. Fangen Sie an zu bloggen – Sie werden sehen, das Mitteilungsbedürfnis wird zur Lawine.

Jetzt kommt er mit Wordsworth

„It has been said, by someone far wiser than myself, that nobody is boring who is willing to tell the truth about himself. To narrow this down further, someone equally wise said that the things that make us ashamed are also the things that make us interesting.“ Das schreibt Douglas Coupland in „Eleanor Rigby“. Dieser Satz steht als Credo und Vorwort, Bedienungsanleitung und Verständniserklärung oben rechts auf meinem Blog. So handhabe ich mein eigenes Schreiben, und so bewege ich mich lesend durch die Bloggosphäre.

Zu meinen Lieblingsbloggern gehören die Herren Bomec und Airen. In ihren Texten berichten sie unter anderem von Exzessen im Kultclub Berghain, so plastisch beschrieben, so schamlos und berauschend, dass man sich in den Laden katapultiert fühlt. Ihre Texte sind fast zwanghaft perfekt, verstörend, präzise, geschliffen, krank, traumhaft, schön. Die Reinform dessen, was Wordsworth im Vorwort der „Lyrical Ballads“ als Maxime postuliert: „Emotion recollected in tranquility“.

Ein Erlebnis so wiederzugeben, dass der Leser sich fühlt, als wohne er ihm bei. Jetzt kommt er mit Wordsworth - die Rede ist doch von Blogs? Das ist doch keine Literatur? Doch. Für umsonst. Im Netz. Superhelden, remember?

Es wird immer etwas Schreckliches passieren

Die (vermeintliche) Anonymität des Internets, das Wählen eines Pseudonyms - das hat einer neuen Literaturgattung den Weg geebnet, die man, bis jemandem ein besseres Wort dafür einfällt, als literarische Blogs bezeichnet. Die Autoren sind Menschen, die so über ihr Leben schreiben, dass es sich liest wie eine Reihe von Kurzgeschichten oder Romanfragmenten. Informationskunst. Es wäre kein Netz, wenn nicht eine Vernetzung unter den Bloggern stattfinden würde - die meisten literarischen Blogger verlinken auf ihrer Seite Kollegen, die sie gern lesen. Und früher oder später, nachdem man schon eine Weile lesend am Leben des anderen teilgenommen hat, da möchte man den Menschen hinter dem Pseudonym treffen. Und hier kriegt der Autor-dieser-Zeilen-eigentlich-Blogger-und-mit-einem-Mal-Reporter die Kurve zum Thema Authentizität.

Die Herren und Damen, die sich Airen nennen oder Frau Fragmente oder Spreepiratin, sind genauso exquisit menschlich und wunderbar wie ihre Blogs. Erste Treffen laufen ab wie die Zechtouren bester Freunde. Da kommt eine Blondine die Treppe hoch, die man zum ersten Mal sieht, und man fällt sich in die Arme, als habe man sich einfach nur zu lange nicht gesehen. Bei einer Blog-Lesung strahlt einen ein Typ an, dessen Charisma blitzt wie eine Supernova, und erst achtundvierzig Stunden später trennen sich die Wege wieder, weil man sich so viel zu erzählen hatte. Und dann steht einem Airen gegenüber, und er ist genauso, wie Bomec ihn beschrieben hat, und genauso wie seine Texte - schnell, unmöglich, ein Stakkatosprecher mit einer dann doch überraschend kindlichen Stimme.

Die Brutalo-Pupillen, die nach krassem Konsum aussehen, mit denen der gute Mann aber Tag und Nacht gesegnet ist - ohne irgendwelche Substanzen. Kaum ist man mit ihm unterwegs, ist man im Strudel des Airen-Kosmos, es wird immer etwas Schreckliches passieren, blaue Flecken, Tränen, Blut, und man wird gerade so die Kurve kriegen. Der erste Kontakt mit ihm kam als Message in einem Internetforum: „Du Sau, noch son geiler Text und ich verlink Dich.“ Dann trifft man sich, dann landet man im Text des anderen und ist ein weiterer Superheld in der geschilderten Realität des anderen. Beim ersten Treffen haben wir gerauft.

Das Leben von Superhelden

Großen Autoren gelingt es, Figuren zu schaffen, deren Handlungen nachvollziehbar, deren Charaktere plausibel sind. Wordsworths Dichter-Kollege Coleridge sprach von der „willing suspension of disbelief“. Dafür sind ja große Autoren große Autoren: Sie erfinden eine Realität, in die der Leser eintaucht, die er als wahr akzeptiert. Sie kopieren nicht etwa „echte“ Textpassagen aus einem Blog, setzen sie zwecks Authentizierung der eigenen Fiktion in ihr Textdokument ein und nennen das Ganze Sampling oder literarischen Mash-up. Blogger geben Quellen an. Intertextualität in der Blog-Sphäre entsteht durch wissentliches willentliches gegenseitiges Inspirieren. Wir fliegen von Blog-Blüte zu Blog-Blüte und saugen Nektar. Blog-Texte sind keine geschlossene literarische Form wie der Roman, sondern eine Collage von Chroniken. Diese leben, wie jede Form von Belletristik, von ihrer Sprache. Die Texte sind nicht weniger Kunst als ein Gedicht. Bei einem schlecht schreibenden Blogger bleibt man nicht hängen. Ebenso wenig bei einem gut schreibenden, der lügt. Man entwickelt ein Gespür dafür, wer die Wahrheit schreibt und wer fabuliert. Wer fabuliert, fliegt auf, es ist ähnlich wie bei denen, die stehlen.

Airens „Strobo“ trägt fälschlich das Etikett „Roman“. „Strobo“ ist kein Roman, sondern ein Bericht. Wäre ich sein Verleger, würde ich auf der nächsten Auflage einen Sticker anbringen: „KEIN Roman“. Blog-Texte sind nicht wertlos, weil sie kostenlos im Internet zu finden sind und weil sie „nur“ Wahrheit abbilden. Es sind sprachlich Chroniken, die das Leben von Superhelden thematisieren, die für ihre Kunst keine Bezahlung verlangen. Außer ein wenig Anerkennung. Und nur weil sie das Leben in glorioser Echtheit beschreiben und durch ein paar Klicks erreichbar sind, sind sie keine Word-Bastelvorlage für Autoren, deren Fähigkeiten für die Schöpfung einer glaubhaften fiktiven Realität nicht ausreichen. Airen zu beklauen ist wie Robin Hood in die Tasche zu greifen. Selber leben! Selber schreiben! Echt SEIN, nicht originell.

Abschließend noch ein Aufruf an alle jungen Leser: Wenn schon Schule schwänzen, dann bitte nicht den Ethikunterricht!

Volker Ludewig betreibt seit fünf Jahren den Blog glamourdick.twoday.net.

Quelle: F.A.Z.
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