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Lippenkunde : Ein Scheck liegt in der Galerie

Um Besucher anzulocken, versteckt ein britischer Künstler einen Geldscheck in seiner Ausstellung. Von armen Künstlern, Erwerbsnötigung und britischen Oberlippen.

          Man kann England lieben und sich dennoch über die Engländer wundern. Fast kein Tag vergeht, an dem nicht wundersame Nachrichten den Weg über den Ärmelkanal fänden. Nicht selten geht es dabei um wahnwitzige Wetten, absurde Umfragen, schockierende wissenschaftliche Untersuchungen und irgendwelche Listen, auf denen Bedeutung, Beliebtheit und Blödsinn ungeahnte Allianzen schmieden. Während die Liste der fünfzehn bedeutendsten Schriftsteller der Literaturgeschichte, die Linkshänder waren, zumindest unter schreibenden Linkshändern als sinnvoll betrachtet wird, erfreut sich die Liste der kommerziell erfolglosesten Künstler gerade in Kreisen darbender Künstler keiner allzu großen Beliebtheit.

          Auf der Liste der Listen, auf denen niemand stehen will, steht diese Liste vermutlich ziemlich weit vorn. Ein Anwärter auf einen ihrer vorderen Ränge dürfte zweifellos jenes englische Schlitzohr sein, das jetzt in einer Ausstellung seiner eigenen Werke einen Scheck über achttausend Pfund versteckt hat, um das widerspenstige Publikum in Scharen anzulocken. Wie es heißt, dürfe der glückliche Finder das Geld behalten, aber man kann sich die Sache ja mühelos vorstellen: Kaum ist der Scheck gefunden, wird sein neuer Besitzer mit sanfter Gewalt bedrängt, sofort einige Objekte aus der ausgestellten Schmonzesproduktion zu erwerben.

          Vorzüge einer schlaffen Oberlippe

          Da heißt es hart bleiben, Haltung bewahren und so tun, als habe man gar nicht verstanden, mit welcher Zumutung man gerade konfrontiert wird. Briten können das. Sie können es so gut, dass sie für dieses Verhaltensmuster sogar einen eigenen Begriff geprägt haben, den der stiff upper lip. Aber leider erreicht nun all jene Engländer, die zur gewohnheitsmäßigen Versteifung ihrer Operlippenmuskulatur neigen, die traurige Nachricht, dass ihresgleichen weitaus öfter an Krebs stirbt als der schlafflippige Teil ihrer Landsleute. Wie das King‘s College und das University College London gemeinsam herausgefunden haben, neigen britische Strafflippler dazu, Krebssymptome so lange zu ignorieren, bis es zu spät ist.

          Das ist bedauerlich, gehört aber zu jenen Problemen, die sich mit der Zeit von selbst erledigen. Denn wie ein englischer Kommentator seufzend bemerkt, sei die stiff upper lip ohnehin vom Aussterben bedroht und bei Engländern unter Vierzig kaum noch anzutreffen. Einschlägige Umfragen werden in Kürze nachgereicht. Zum Schluss noch eine kleine Wette: acht Pfund, dass der erwähnte Künstler unter vierzig Jahren alt ist und eine sehr, sehr schlaffe Oberlippe hat. Hält jemand dagegen?

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

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