20.10.2007 · Auch dreißig Jahre nach den Ereignissen gilt der deutsche Linksterrorismus als eine Geschichte über verirrte Kinder aus bürgerlichen Familien. Nun erst erscheinen Zeugnisse der kleineren Linksterroristen, die nie Bürgerkinder waren.
Von Nils MinkmarWird er, wenn in der kommenden Woche in Berlin der Opfer des Deutschen Herbstes gedacht wird, wieder in der Kölner Südstadt unterwegs sein, wie immer? Wird er sich an diesem Tag an die Entführung erinnern, daran, dass er den schweren, unter Schock stehenden Schleyer kaum aus dem Wagen zu zerren vermochte und eine der Frauen zu Hilfe rufen musste?
Manchmal sehe ich Stefan Wisniewski im Kölner Alltag, vor dem Hauptbahnhof etwa, einmal hat er mich, mit beträchtlicher Geschwindigkeit, auf dem Fahrrad überholt. Ich kann es dann immer gar nicht fassen: Nicht weil er nach verbüßter Strafe nun in Freiheit wäre, einfach dass ihn niemand mit Fragen bestürmt. Aber niemand dreht sich nach ihm um.
Auch dreißig Jahre nach den Ereignissen ist die Geschichtsschreibung über den deutschen Linksterrorismus eine Geschichte von oben, die die weltbekannten Heroen und Schurken, die lebenden wie die toten, immer wieder inszeniert, als wäre der Linksterror ein Kammerspiel, in dem gebildete, aber tragische Frauen im siebten Stock des Gefängnisses Stammheim ihre Texte schreiben, während im beschaulichen Bonn Staatsmänner am Rande des Nervenzusammenbruchs über den Gang der Dinge sinnieren. Bei den Opfern, aber auch bei den Tätern gibt es in der öffentlichen Wahrnehmung klare Rangunterschiede: Die sozial- und kulturwissenschaftliche Wende, die auch die nichtprominenten Akteure berücksichtigt, steht in der RAF-Historiographie noch aus.
Sie führten ein viel härteres und brutales Leben
Nun erst erscheinen, in kleinen Verlagen und entlegenen Dokumentarfilmen, Zeugnisse der anderen, der kleineren Linksterroristen, die eine viel direktere Beteiligung an den Morden und Banküberfällen hatten, davor und danach ein wesentlich härteres und brutales Leben führten und erlitten und sicher eines nie waren: Bürgerkinder.
Zeitgleich mit Stefan Wisniewski, der bis auf ein kurzes Interview in Lutz Hachmeisters „Schleyer“-Film schweigt, gelangte auch Karl-Heinz Dellwo in die linksradikale Szene Hamburgs. Dellwo hat über sein Leben und seine Taten nun in einem Interviewband Auskunft gegeben, der den krassen Titel „Das Projektil sind wir“ trägt. Seine Gesprächspartner sind die Journalisten Tina Petersen und Christoph Twickel, der schon eine Hugo-Chávez-Biographie vorgelegt hat.
Es ist ein Buch, das auf jede politische Korrektheit verzichtet und weitgehend der Sprache, den Klischees und Ideen der radikalen Linken verhaftet ist, nichts für empfindliche Gemüter also, gleichzeitig fördert es Erstaunliches zutage: Die so tragische und darin irgendwie auch große RAF wird in dieser Innenperspektive auch als ein Klub von deutschen Versagern erkennbar, die nirgendwo einen Halt fanden außer in der Droge der Gewalt und denen so gut wie alles, was sie anfassten, misslang.
Dellwos Droge
Bei Dellwo stellt sich auch gar nicht die ewige, auf Meinhof und Ensslin gerichtete, aber - drunter geht es bei dem Thema ja offenbar nicht - gleich auf die ganze „Generation“ ausgeweitete Frage nach den Gründen für den „Weg in die Gewalt“. Dellwo war als Kind einer armen ländlichen Außenseitergroßfamilie schon mit Gewalt vertraut, als er in die linksradikalen Kreise in Hamburg geriet.
Es hätten übrigens statt der RAF auch die Hells Angels werden können, er wollte bloß weg aus seinem brutalen und engen Heimatmilieu. „Im Kreis Freudenstadt gab es keinen Klassenkampf. Es war Baden-Württemberg, das Leben als Zeitrahmen zum Aufbau von Kleinbesitz. (...) Wir hatten nicht das politische Bewusstsein, daraus etwas Organisiertes zu machen. Der Protest hat sich auf andere Weise geäußert: Einer fuhr sich mit dem Motorrad tot. Ein anderer wurde später an der spanisch-französischen Grenze erstochen, angeblich im Streit um einen Haschisch-Transport. Wiederum ein anderer ist Fluchthelfer für DDR-Bürger geworden und saß dort lange im Gefängnis.“ Dellwo spielt auch damals schon mit dem Gedanken, einen Banküberfall zu begehen, hat sich sogar einen Revolver besorgt.
Die Gewalt verschwindet auch nach seiner RAF-Karriere nicht aus seinem Leben: Seite um Seite schildert er, wie es in den achtziger Jahren im Knast zu Kloppereien mit den Wärtern kommt.
Unverbesserlichkeit eines alten Veteranen
Das Buch ist ein historisches Dokument, aber kein Versöhnungsangebot. Zwar betont Dellwo, dass er den Tod der Botschaftsangehörigen von Stockholm bedauert, zugleich versucht er aber in einer Kritik der Staatsräson, der Bundesrepublik eine gleichrangige Schuld zuzuschreiben. Es ist die Unverbesserlichkeit eines alten Veteranen, bei dem man heute die biographische Logik des Abgleitens in Brutalität und Banalität studieren kann - zu Abschreckungszwecken.
Ähnlich ernüchternd wirkt sich der Konsum einer eben erschienenen DVD aus, in der der ehemalige „Revolutionäre Zellen“-Terrorist Hans-Joachim Klein sein Leben dem niederländischen Filmemacher Alexander Oey schildert. Aus dem Zusammentreffen des reflektierten, mit leiser Stimme nachfragenden Oey und der fröhlich direkten Art von Klein ergeben sich sogar einige ziemlich komische Momente. Klein zeigt dem Filmteam das Amerikahaus in Frankfurt am Main und weist dort auf den Filmsaal, in dem er damals öfter gewesen sei. Ja warum eigentlich, fragt Oey höflich nach: „Ei, um es abzebrenne!“, klärt Klein den Mann auf.
Der Arbeiter Klein war in den sechziger Jahren in Frankfurt in das Umfeld der Putztruppen und sonstigen linken Studenten und Hausbesetzer geraten, dann aber von den „Revolutionären Zellen“ um Carlos angeworben worden. Er nahm an dem Überfall auf die OPEC-Zentrale in Wien teil, bei dem drei Menschen ermordet wurden. Heute weiß Klein, dass der Überfall einem finsteren innerarabischen Machtkampf diente, es war alles absurd. Klein wurde in Wien angeschossen, konnte aber von seinen Genossen erst nach Algier, später in den Jemen ausgeflogen werden.
„Isch bin hald e großes Kind“
Dort erlebt Klein vor allem die Langeweile und Planlosigkeit, das triste Chaos, in dem sich die Terrorgrüppchen durch die arabische Landschaft bewegen. Weil er in einem der sogenannten Terrorcamps mal Englisch lernen soll, man ihm gar ein „dickes Buch“ auf die Schulbank legt, bekommt Klein den Frust und lässt vor dem Fenster einen Handgranatenzünder detonieren. „Isch bin hald e großes Kind“, sagt er dazu erklärend in die Kamera. Im Unterschied zu Dellwo erkennt Klein recht früh, dass der Weg des Linksterrorismus ein Mäandern durch den Irrsinn ist, der nach einer Sektenlogik funktioniert. Womöglich war das im Umfeld von Carlos und Johannes Weinrich aber einfacher zu erkennen: Der Venezolaner wurde vom Revoluzzer bald zum Auftragskiller und schließlich von all seinen Sponsoren fallengelassen, da blieb er nur noch der Mörder um des Mordens willen. Klein vollzog den Ausstieg, schrieb darüber in aufsehenerregenden Texten und begab sich auf die doppelte Flucht vor seinen ehemaligen Genossen wie vor der Polizei.
Erst 1998 konnte er festgenommen werden, 2003 wurde er begnadigt. Im Film ist der Unterton zu hören, die Studenten, die besser gebildeten Linken hätten sich „Klein-Klein“ als eine Art Maskottchen der revolutionären Praxis gehalten, man habe ihm zwar zugejubelt, wenn er die Vorhänge des Amerikahauses angezündet hat, ihn ansonsten aber „gegen die Wand laufen lassen“. Lediglich der verstorbene Kabarettist Matthias Beltz habe sich um ihn gesorgt und ihn etwa davon abgehalten, nach dem Tod von Holger Meins „zur Konstablerwache zu gehen“. Was er denn dort wollte, fragt ihn der Filmemacher: Einige Leute von der politischen Polizei erschießen, antwortet Klein, als sei es das Normalste von der Welt.
In einer Szene präsentiert Klein ein berühmtes Foto. Es zeigt ihn als Chauffeur von Jean-Paul Sartre bei dessen erbarmungswürdigem Besuch in Stammheim 1974. Doch neben Klein und dem Philosophen ist noch ein dritter Mann zu sehen, Klein hat ihm auf dem Bild aber etwas über den Kopf geklebt, eine Sartre-Karikatur. Das ist der RAF-Rechtsanwalt Klaus Croissant. „Die jungen Leute, die durch dessen Stuttgarter Büro gegangen waren, sind alle im Terrorismus versackt.“
Klein kann das Lächeln des Anwalts nicht mehr ertragen - der Ekel der Gauner vor den Schreibtischtätern.