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Linksterrorismus : Nicht alle waren Bürgerkinder

  • -Aktualisiert am

Eine Art Maskotchen: Hans-Joachim Klein Bild: AP

Auch dreißig Jahre nach den Ereignissen gilt der deutsche Linksterrorismus als eine Geschichte über verirrte Kinder aus bürgerlichen Familien. Nun erst erscheinen Zeugnisse der kleineren Linksterroristen, die nie Bürgerkinder waren.

          Wird er, wenn in der kommenden Woche in Berlin der Opfer des Deutschen Herbstes gedacht wird, wieder in der Kölner Südstadt unterwegs sein, wie immer? Wird er sich an diesem Tag an die Entführung erinnern, daran, dass er den schweren, unter Schock stehenden Schleyer kaum aus dem Wagen zu zerren vermochte und eine der Frauen zu Hilfe rufen musste?

          Manchmal sehe ich Stefan Wisniewski im Kölner Alltag, vor dem Hauptbahnhof etwa, einmal hat er mich, mit beträchtlicher Geschwindigkeit, auf dem Fahrrad überholt. Ich kann es dann immer gar nicht fassen: Nicht weil er nach verbüßter Strafe nun in Freiheit wäre, einfach dass ihn niemand mit Fragen bestürmt. Aber niemand dreht sich nach ihm um.

          Auch dreißig Jahre nach den Ereignissen ist die Geschichtsschreibung über den deutschen Linksterrorismus eine Geschichte von oben, die die weltbekannten Heroen und Schurken, die lebenden wie die toten, immer wieder inszeniert, als wäre der Linksterror ein Kammerspiel, in dem gebildete, aber tragische Frauen im siebten Stock des Gefängnisses Stammheim ihre Texte schreiben, während im beschaulichen Bonn Staatsmänner am Rande des Nervenzusammenbruchs über den Gang der Dinge sinnieren. Bei den Opfern, aber auch bei den Tätern gibt es in der öffentlichen Wahrnehmung klare Rangunterschiede: Die sozial- und kulturwissenschaftliche Wende, die auch die nichtprominenten Akteure berücksichtigt, steht in der RAF-Historiographie noch aus.

          Hans-Joachim Klein im Jahr 1980

          Sie führten ein viel härteres und brutales Leben

          Nun erst erscheinen, in kleinen Verlagen und entlegenen Dokumentarfilmen, Zeugnisse der anderen, der kleineren Linksterroristen, die eine viel direktere Beteiligung an den Morden und Banküberfällen hatten, davor und danach ein wesentlich härteres und brutales Leben führten und erlitten und sicher eines nie waren: Bürgerkinder.

          Zeitgleich mit Stefan Wisniewski, der bis auf ein kurzes Interview in Lutz Hachmeisters „Schleyer“-Film schweigt, gelangte auch Karl-Heinz Dellwo in die linksradikale Szene Hamburgs. Dellwo hat über sein Leben und seine Taten nun in einem Interviewband Auskunft gegeben, der den krassen Titel „Das Projektil sind wir“ trägt. Seine Gesprächspartner sind die Journalisten Tina Petersen und Christoph Twickel, der schon eine Hugo-Chávez-Biographie vorgelegt hat.

          Es ist ein Buch, das auf jede politische Korrektheit verzichtet und weitgehend der Sprache, den Klischees und Ideen der radikalen Linken verhaftet ist, nichts für empfindliche Gemüter also, gleichzeitig fördert es Erstaunliches zutage: Die so tragische und darin irgendwie auch große RAF wird in dieser Innenperspektive auch als ein Klub von deutschen Versagern erkennbar, die nirgendwo einen Halt fanden außer in der Droge der Gewalt und denen so gut wie alles, was sie anfassten, misslang.

          Dellwos Droge

          Bei Dellwo stellt sich auch gar nicht die ewige, auf Meinhof und Ensslin gerichtete, aber - drunter geht es bei dem Thema ja offenbar nicht - gleich auf die ganze „Generation“ ausgeweitete Frage nach den Gründen für den „Weg in die Gewalt“. Dellwo war als Kind einer armen ländlichen Außenseitergroßfamilie schon mit Gewalt vertraut, als er in die linksradikalen Kreise in Hamburg geriet.

          Es hätten übrigens statt der RAF auch die Hells Angels werden können, er wollte bloß weg aus seinem brutalen und engen Heimatmilieu. „Im Kreis Freudenstadt gab es keinen Klassenkampf. Es war Baden-Württemberg, das Leben als Zeitrahmen zum Aufbau von Kleinbesitz. (...) Wir hatten nicht das politische Bewusstsein, daraus etwas Organisiertes zu machen. Der Protest hat sich auf andere Weise geäußert: Einer fuhr sich mit dem Motorrad tot. Ein anderer wurde später an der spanisch-französischen Grenze erstochen, angeblich im Streit um einen Haschisch-Transport. Wiederum ein anderer ist Fluchthelfer für DDR-Bürger geworden und saß dort lange im Gefängnis.“ Dellwo spielt auch damals schon mit dem Gedanken, einen Banküberfall zu begehen, hat sich sogar einen Revolver besorgt.

          Die Gewalt verschwindet auch nach seiner RAF-Karriere nicht aus seinem Leben: Seite um Seite schildert er, wie es in den achtziger Jahren im Knast zu Kloppereien mit den Wärtern kommt.

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