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Linker Terror und Antisemitismus Doch wo sind die Brandstifter geblieben?

Heute erscheint Wolfgang Kraushaars Buch über den deutschen und palästinensischen Terror. Viel ist zu lernen aus diesem wichtigen Werk.

© INTERFOTO Vergrößern Fritz Teufel (links) führte 1970 die „Tupamaros München“. Neben ihm Dieter Kunzelmann von den „Tupamaros Westberlin“

Als ich im Frühsommer 1969 Saskia in Berlin besuchte, gingen wir abends in die Diskothek „Unergründliches Obdach für Reisende“ am Fasanenplatz. Dort - viel mehr als Matratzen und eine Tanzfläche gab es nicht - traf sich die überschaubar kleine linksradikale Welt; es war der bevorzugte Ort für jene, die sich „Haschrebellen“ nannten oder „Schwarze Ratten“ oder „Blues“ und ein halbes Jahr später „Tupamaros Westberlin“. Man spielte das Lied „In A Gadda Da Vida“ von Iron Butterfly, Stroboskope mit Lichtblitzen erzeugten einen Rausch auch ohne die Droge, deren Schwaden sich durch den Raum verbreiteten. Mit den „Reisenden“ waren ja, für die Eingeweihten lesbar, Leute auf einem Trip gemeint.

Irgendwann zog es uns wieder in die milde Nacht. Vor dem Lokal sah ich Dieter Kunzelmann, den mein Bruder schon ein paar Jahre zuvor in München besucht hatte; dieser habe seinen Adepten vom Bett aus lange Vorträge gehalten, erzählte er mir. Und Georg von Rauch war auch da.

Ein Polizeiwagen näherte sich sehr langsam der Diskothek. Und nun gerieten Kunzelmann und Rauch in eine Art Kriegstanz, der Erstere eher wie ein Rumpelstilzchen, Rauch aber sportlich, graziös; fast wie ein Baseballspieler, nur viel schneller, warf er Steine auf das Polizeiauto, Kunzelmann auch, beide kicherten und lachten. Ich kann nicht sagen, dass ich die Aktion „abgelehnt“ hätte; nur wusste ich in diesem Augenblick, dass es sich um Menschen handelte, bei denen die Funktion des Realitätsprinzips ausgefallen war. Der Polizeiwagen entfernte sich so langsam, wie er gekommen war, bald hatten jedoch die „Wannen“, gesicherte und größere Mannschaftswagen der Polizei, das kleine Viertel dichtgemacht. Saskia und ich kamen aber ohne Probleme durch die Kontrollen.

Ausweitung der Terrorzone

Wenn ich in Wolfgang Kraushaars Buch die Planungsnotizen Georg von Rauchs lese, die er in der Haft zur Sprengung der Olympischen Spiele abgefasst hatte, finde ich diese Szene potenziert wieder. „Bei der Fahnenhissung fallen die ersten Schüsse. Wenn die Polizei schießt, schießen wir zurück. Wir haben alle Waffen... Nach dem Sturm auf das Olympiadorf herrscht Chaos in der Stadt. Überall werden neue Kommunen gebildet.“

Brandanschlag auf Altenheim in München 1970 © picture-alliance/ dpa Vergrößern Löscharbeiten am Israelitischen Gemeindezentrum in München, 13. Februar 1970. Unter den Opfern waren auch Überlebende des Holocaust.

Kraushaars Buch „Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel? München 1970: über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus“, aus dem wir bereits einen Auszug abgedruckt haben, handelt von der Zusammenarbeit deutscher und palästinensischer Terrorgruppen. Hier liefen zwei Bewegungen aufeinander zu, und ihre Wege mussten sich kreuzen. Die PLO, zunächst als Instrument ägyptischer Außenpolitik gegründet, suchte nach der Niederlage der arabischen Staaten im Sechs-Tage-Krieg von 1967 nach neuen Wegen. Der Partisanenkrieg schloss den Terrorismus ein und vor allem die Ausweitung seiner Zone nach Europa. Anfang 1969 hatte Arafat von der al Fatah die Führung der PLO übernommen.

Die Anschlagsserie von 1970

Gleichzeitig aber war bei jenen deutschen Gruppierungen, die aus der Konkursmasse der Außerparlamentarischen Opposition einen „bewaffneten Kampf“ in den „Metropolen“ organisieren wollten, der lateinamerikanische Weg à la Che Guevara keine Option mehr, an die man hätte andocken können. Auch der Vietnam-Krieg, der für die Mobilisierung ursprünglich so entscheidend gewesen war, bot keine operativen Anknüpfungsmöglichkeiten; die vietnamesischen Kommunisten verfolgten keine Strategie der Internationalisierung des Terrors. Blieben die Palästinenser. Zu ihnen machten sich Kunzelmann, Georg von Rauch und einige andere im Spätsommer 1969 auf, absolvierten eine militärische Grundausbildung und trafen mit Arafat und dessen Unterführer zusammen.

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