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Veröffentlicht: 30.01.2012, 15:07 Uhr

Linke Utopien Wer hat Angst vor Anarchismus?

Die Occupy-Bewegung hat es gezeigt: Viele der jüngst in den Blick geratenen sozialen Bewegungen sind durch anarchistische Ideen geprägt. Ist nach dem Scheitern des Sozialismus der Anarchismus die linke Utopie der Zukunft?

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Als der russische Wissenschaftler Timofey Pnin, die Hauptfigur des gleichnamigen Romans von Vladimir Nabokov, 1940 mit dem Schiff in den Vereinigten Staaten anlangt, wird ihm bei der Einreise eine ultimative Frage vorgelegt. Ob er Anarchist sei, will der Zollbeamte wissen. Pnin, aus einem Heimatland der Bewegung stammend, erkundigt sich beflissen, welche Form des Anarchismus gemeint sei - der „praktische, metaphysische, theoretische, mystische, abstrakte, individuelle oder der soziale“? In jungen Jahren habe das alles Bedeutung für ihn gehabt.

Uwe Ebbinghaus Folgen:

Der Beamte verkürzt die „interessante Diskussion“ und lässt den harmlosen Gelehrten zur politischen Ausnüchterung erst einmal zwei Wochen auf Ellis Island schmoren. Der hinter dieser Maßnahme stehende „Anarchist Exclusion Act“ stammt aus dem Jahr 1918.

Zwei Jahre zuvor, 1916, denkt Mohandas Karamchand Gandhi, gerade als erfolgreicher gewaltloser Rebell aus Südafrika nach Indien zurückgekehrt, in einer Rede zur Einweihung der Hindu-Universität von Benares ebenfalls laut über verschiedene Formen des Anarchismus nach. Für die Radikalität einiger seiner Landsleute, die durch Attentate versucht hatten, die Unabhängigkeit Indiens zu erzwingen, zeigt er zwar Verständnis, verurteilt die Gewalttaten aber als unehrenhaft und „Zeichen für Angst“. Als sich Gandhi, ein Verehrer Leo Tolstois und Henry David Thoreaus, in der Rede schließlich selbst als „Anarchist, aber von einer anderen Art“ bezeichnet, bricht Protest unter den anwesenden englischen Honoratioren los, die Rede wird abgebrochen.

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Heute, hundert Jahre später, gilt öffentliches Nachdenken über den Anarchismus in vielen institutionellen Zusammenhängen noch immer als politischer Selbstmord. Die Bewegung mit den vielen Adjektiven und Ausprägungen, die auf das griechische „an-archia“ zurückgeht, also Herrschaftslosigkeit bedeutet, wird intuitiv meist mit Ordnungslosigkeit gleichgesetzt und in die Nähe terroristischer Gewalt gerückt - eine Spätfolge der Bombenattentate und Umsturzversuche zur Jahrhundertwende. Und auch im jüngsten Verfassungsschutzbericht wird der „Traditionelle Anarchismus“ zwar als lediglich kleine Gruppe aufgeführt, doch sei der Linksextremismus insgesamt durch teils „diffuse . . . anarchistische Ideologiefragmente“ geprägt.

Winston Churchill (Mitte mit Zylinder), Belagerung der Sidney Street, London 1911 © ullstein bild Vergrößern Bei der „Battle of Stepney“ traf ein Sturmkommando der Polizei 1911 auf eine kleine Gruppe baltischer Anarchisten. Innenminister Churchill (Bildmitte) beobachtete den Straßenkampf persönlich

Dass damit der Anarchismus unserer Tage nicht vollständig erfasst ist, zeigt die von breiter Sympathie getragene internationale Demonstrationswelle der letzten Monate. Vor allem mit der Occupy-Bewegung ist eine junge Protestkultur abseits des Linksextremismus entstanden, die sich zwar nicht anarchistisch nennt, mit ihrer Kapitalismus- und Globalisierungskritik, Werten wie „Dezentralität“, „Zwanglosigkeit“ und „Basisdemokratie“ sowie ihrer horizontalen Organisationsstruktur einen anarchistischen Kern aber nicht leugnen kann. Viele Beteiligte scheinen sich dessen nicht einmal bewusst zu sein, was die Bewegung zum einen vor dem herkömmlichen Anarchismus-Verdikt schützt, zum anderen aber auch eine benennende Bündelung und Anknüpfung an Vorhandenes verhindert.

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