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Liederprophet Peter Licht Er hat es gewusst

03.10.2008 ·  „Der Kapitalismus, der alte Schlawiner, ist uns lang genug auf der Tasche gelegen“: Vor zwei Jahren schon wusste Peter Licht mehr als alle Börsenanalysten. Jetzt lehrt uns das jüngste und stärkste Album dieses mordstalentierten Liedermachers: Zerfall ist überall.

Von Oliver Jungen
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„Vorbei, vorbei, vorbei, vorbei, jetzt isser endlich vorbei“ – vor zwei Jahren bereits, als gerade absolut niemand damit rechnete, als die Fußball-Weltmeisterschaft uns den letzten Funken Verstand ausblies, als Nintendo die Wii-Konsole auf den Merkt schmiss, als Katharina Hacker für die „Habenichtse“ den Buchpreis einheimste, als Richard Fuld, der Vorstandsvorsitzende der Investmentbank Lehman Brothers, für die kommenden zehn Jahre Aktien im damals aktuellen Wert von 186 Millionen Dollar zugesprochen bekam, ein kleines Bonbon zusätzlich zum bescheidenen Jahressalär von 34,5 Millionen Dollar: Just da hat Peter Licht es uns allen vor den investmentbankingverdösten Latz geknallt: „Der Kapitalismus, der alte Schlawiner, ist uns lang genug auf der Tasche gelegen“ – und sei nun eben hinüber.

Ein Phantomsänger, der über Phantomschmerzen singt, dachten wir, als Peter Licht dann mit seiner Antihymne bei Harald Schmidt auftrat, kopflos. Er will doch bloß, dachten wir, ans Achtundsechzigererbe, der gerissene Schlawiner. Es war aber kein Revoluzzergeklampfe, sondern ein echtes Requiem: „Weißt du noch, wir regelten unsre Dinge übers Geld.“ Er wusste mehr als alle Börsenanalysten zusammengenommen. Und was geschah danach beim Propheten? Was steht uns nun bevor? Die Melancholie suchte ihn heim.

Wir ahnen uns durchs Gedankendickicht

Der Zerfall ist überall, so lehrt das jüngste und stärkste Album dieses brutal bescheidenen und mordstalentierten Liedermachers. „Melancholie und Gesellschaft“ (Motor Music/Universal) heißt das Werk, grundlos genauso wie die Dissertation von Wolf Lepenies. Doch eine so schöne Melancholie ist das, eine so zärtliche in ihrem Schmerz und eine so sprachgewitzte in ihrer Verzweiflung, dass niemand wirklich Angst vor ihr zu haben braucht.

Der etwas zu abgedrehte Surrealismus der frühen Lichttonspiele ist verschwunden, aber Klartext spricht diese Lyrik beileibe nicht: Wir ahnen uns summend durch das Gedankendickicht – und profitieren dabei gewaltig. Die zehn Lieder unterscheiden sich musikalisch stark von der leicht nerdhaften, computerfrickeligen Elektropop-Attitüde des Durchbruch-Albums „Stratosphärenlieder“ (2003). Aber auch die in Ansätzen rockige Pose des Kapitalismus-Albums (2006) sucht man vergebens. In nuce und schutzlos steht da nun ein empfindsamer Sänger vor uns. In tiefes, romantisches Schwarz getaucht ist etwa das Lied „Alles was du siehst gehört Dir“: Dem nämlich ist so, weil man als Einziger übrig geblieben ist, „all unsere Leute“ aber „kamen uns abhanden unterwegs“. Was aber heißt Besitz da noch?

Melancholie als das Andere der Gemeinschaft

Die Trennung, Urgrund der Melancholie, ist das Leitthema der Platte, durchgespielt auf allen Ebenen, der persönlichen im „Trennungslied“ (ein nur vordergründig lustiger Reigen sich trennender Paare), der psychotischen im „Heimkehrerlied“ (ein „Du“ steht sich plötzlich selbst gegenüber, einem „Depp“, der leere Gesten vollführt), der sozialen in beinahe allen Stücken, schon im phänomenalen Eröffnungsstück „Räume räumen“ (ein ins Totale gewendetes Abschiedslied). Die, wie der Handwerker bei kaputtgeschraubten Schrauben sagt: doof gedrehte Marktwirtschaft hat die Trennung des Menschen von der Gesellschaft, von der Utopie, von der Transzendenz im Dienst der Ware mit aller Macht vorangetrieben, immer wieder klingt das durch, ganz deutlich in „Marketing“ und „Stilberatung“.

Dennoch geht es hier nicht um miesepeteriges Protestlertum: Noch im Klagemodus triumphiert zugleich die Freude, und sei es die am Wortspiel und am Rhythmus. Der Aufruf, die „lieben Pappkistenverlängerungskabelschaffenden“ mögen doch „nie mehr Sexualität zeigen“ im Zusammenhang mit ihren Produkten, rauscht locker an den sozialrevolutionären Zellen im Kleinhirn vorbei und zuckt stattdessen hochfrequent ins zentrale Tanznervensystem. Nicht weniger elegisch-energetisch der „Marketing“-Durchmarsch durch die „wie üblich“ in Aussicht gestellte „totale Vernichtung“, dem Lohnabhängertum um die Ohren gehauene ABC-Vergeltungsschläge der haptischen Vernunft: „Abfackeln, abreißen, abtreiben, ausknipsen, auslöschen, ausradieren, ausschaben, einplätten, einstampfen, ersäufen, ersticken, kaputthauen, verbrennen, wegmachen, zerfetzen, zerhacken, zerkratzen, zerlegen, zermanschen, zermatschen, zerreißen, zerstäuben, zertreten, zerquetschen“. Und könnte denn die böse Finanzkrise das nicht alles mit uns vorhaben? „Die Dividende ist noch nicht gezahlt – für diesen Tag.“

Doch bei Peter Licht führt die Melancholie nicht zur Verzweiflung. Sie ist das Andere der Gemeinschaft, immer totaler werdende Vereinsamung des Herdentiers, die aber doch wieder umzuschlagen vermag: Gleich im ersten, besonders eingängigen Stück wird aus der Trennung („du da, ich hier“) plötzlich ein erneutes Verschmelzen, aus dem mächtigen Nein eine noch größere Bejahung (und wieder schlawinerhafte Selbstvermarktung), die jedem im Ohr bleiben wird, der dieses fulminante Album auch nur einmal gehört hat: „Was anderes seh’ ich nicht als in weiter Ferne lauter Licht.“

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