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Libyens Kulturerbe Erwarte nie etwas von den Schöpfungen

 ·  Zerstörung im Namen des Allmächtigen: Libyens Kulturerbe ist im Visier der Salafisten, die eine Schneise der Verwüstung hinterlassen. Es ist höchste Zeit, dass sie gestoppt werden.

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© REUTERS/Ismail Zitouny Bulldozer als Waffe: Salafistische Terroristen zerstören eine Moschee der Sufis in Tripolis

Libyen leidet unter permanenten gewaltsamen Übergriffen durch salafistische Muslime. Sie gelten oft auch den Grabstätten von Religionslehrern, an denen Gläubige derer gedenken, was dem ultrakonservativen Glauben der Salafisten, der jeglichen Totenkult verbietet, unerträglich ist. Erstes Ziel der Angriffe war das populäre Heiligtum des Sidi Abd as-Salam al-Asmar in der Küstenstadt Zliten. Der umfangreiche Komplex aus Moschee, Schulbauten und Pilgerherbergen, der sich um das Mausoleum des im 15. und 16.Jahrhundert wirkenden islamischen Schriftgelehrten entwickelt hatte, war erst vor wenigen Jahren restauriert worden.

Bereits im März 2012 hatten Hunderte von Salafisten versucht, die Pilgerstätte zu schänden, waren aber von der vorgewarnten Bevölkerung vertrieben worden. Vor wenigen Wochen jedoch handelten die radikalen Muslime im „Schutz“ von Schießereien zwischen rivalisierenden örtlichen Milizen. Die Zeugenberichte über die Vorgänge des 24.August widersprechen sich, doch das Resultat ist eindeutig: Die Fassade des Heiligtums ist beschädigt, die Kuppel der Grabmoschee, ob durch Raketenbeschuss oder eine Sprengung, ist eingestürzt, eines der schlanken Minarette ist durch Einschüsse schwer beschädigt. Das Mausoleum selbst wurde mit Presslufthämmern malträtiert. Am Ort der Grablege zeigt ein tiefes Loch, wo die Fanatiker den Leichnam des Heiligen herauszerrten.

Sicherheitskräfte sehen untätig zu

Vor allem dieser Akt der Leichenschändung hat bei Muslimen Entsetzen hervorgerufen. Im Islam gehört die Wahrung der Totenruhe zu den wichtigsten Prinzipien. Doch nicht nur damit verletzten die Salafisten Gebote des Glaubens, den sie vermeintlich so glühend verteidigen: Die nach muslimischem Glauben durch den Propheten Mohammed offenbarten Worte Gottes sind so heilig, dass sie auch in gedruckter Form unter Schutz stehen. In Saudi-Arabien - dessen den wahhabitischen Islam vertretendes Herrscherhaus ähnlich konservativ agiert und die Salafisten großzügig unterstützt - dürfen sogar Zeitungsseiten nicht als Verpackungs- oder gar Hygienepapier verwendet werden, da sie auch religiöse Texte und Koransuren beinhalten könnten. In Zliten aber wurde beim Angriff auf die Asmariya die angegliederte Universitätsbibliothek eingeäschert, wobei unzählige Koransuren den Flammen zum Opfer fielen.

Das planmäßige Anbringen und Zünden von Sprengladungen, Beweis perfekter Organisation, wiederholte sich tags drauf in der Hauptstadt Tripolis. Dort machten zu Füßen des Radisson Blu Hotels unter dem Schutz schwerbewaffneter Milizen zwei Bulldozer die Grabmoschee des Abdallah Al-Shaab al-Dahman mit ihren beiden Kuppeln und den Gräbern von fünfzig Sufi-Gelehrten dem Erdboden gleich. Der Imam, der sich den Angreifern entgegenstellte, wurde misshandelt und ist seither verschwunden; die Sicherheitskräfte des Supreme Security Committee (SSC) sahen dem Vandalismus zunächst untätig zu und riegelten später Zufahrtsstraßen ab, so dass die Salafisten ungehindert agieren konnten.

Rückbesinnung zum unverfälschten Islam

Was Wunder, dass die aufgebrachten Bürger, die am folgenden Tag gegen die Zerstörungen demonstrierten, Teilen der Regierung Unterstützung des Bildersturms vorwarfen. Abdulmounaim al-Horr, ein Sprecher des Innenministeriums, wies dies zurück: Die Straße sei gesperrt worden, um ein Blutbad zwischen Salafisten und Bevölkerung zu verhindern; dennoch wolle man gegen die Polizisten Anklage erheben. Bislang soll es sechzig Verhaftungen gegeben haben, unter den Festgenommenen sollen auch Anhänger des Gaddafi-Regimes sein.

Den Zerstörungen in Zliten und Tripolis folgten weitere in Misrata. Dort schändeten Salafisten um drei Uhr morgens das zentrale Mausoleum des sufitischen Scheichs Ahmed al-Zarruq. Die Grablege wurde freigeschaufelt, eventuell aufgefundene sterbliche Überreste des im 15.Jahrhundert wirkenden Heiligen wurden verschleppt. Angesichts der blindwütigen Gewalt erhält Ahmed al-Zarruqs Leitspruch „Erwarte nie etwas von den Schöpfungen Gottes, aber erwarte fast alle Dinge vom Schöpfer, Gott!“ makabere Aktualität.

Es waren stets die Gräber von Sufi-Mystikern, gegen die sich der Zorn der asketischen Salafisten wandte. Dabei ging und geht es beiden konkurrierenden islamischen Strömungen um die Rückbesinnung zum unverfälschten Islam. Auch die Heiligen, deren Mausoleen jetzt geschändet wurden, lebten als Asketen. Als unüberbrückbare Gegensätze zu ihren Auffassungen sehen die Salafisten, dass die Sufis beispielsweise Tanz und religiöse Gesänge zum Lobpreis Gottes und zur Meditation einsetzen, während sie selbst jegliche Musik im religiösen und weltlichen Bereich strikt ablehnen.

Spagat zwischen unversöhnlichen Glaubensrichtungen

In Gestalt der Senussi-Brüder nahm der Sufismus in der neueren Geschichte Libyens eine wichtige Rolle ein. Deren Banner zeigt auf schwarzem Hintergrund einen weißen Halbmond mit Stern und bildet heute den mittleren der drei Querstreifen der libyschen Landesflagge. Namensgeber ist der aus Algerien stammenden Muhammad as-Sanusi, der diese Glaubensrichtung 1837 in Mekka gegründet hatte und 1843 seine Aktivitäten in die Kyrenaika im heutigen Nordostlibyen verlegte. Sowohl Omar Mukhtar, der vor dem Zweiten Weltkrieg den Aufstand der Einheimischen in der Kyrenaika gegen die italienische Besatzung anführte, als auch Mohammed Idris, der 1951, nach Erreichen der libyschen Unabhängigkeit bis zu seinem Sturz durch Gaddafi 1969 als König Idris I. regierte, gehörten der Bruderschaft an.

Mit salafistischem Gedankengut dagegen sympathisierten mehrere an der Entmachtung Gaddafis beteiligte Milizenkommandanten und deren Kämpfer, darunter auch Abdel Hakim Belhadsch, der selbsternannte ehemalige Chef der Tripoli-Brigade. So wird der aktuellen Regierung ein Spagat zwischen den beiden vermeintlich unversöhnlichen Glaubensrichtungen aufgezwungen. Kürzlich haben sich höchste Regierungsstellen zu Wort gemeldet: In einer Fernsehansprache verurteilte der Präsident des libyschen Nationalkongresses, Mohammed al-Magarief, nach einer Dringlichkeitssitzung des neuen Parlaments, an der auch Premierminister Abdul Rahim al-Kib sowie die betroffenen Minister und Sicherheitschefs teilnahmen, die Schändungen. Der stellvertretende Regierungschef Mustafa Abuschaggar verbreitete über Twitter, dass er während der Attacken in Tripolis vergeblich versucht habe, Innen- und Verteidigungsministerium zu alarmieren. „Jeder, der so etwas tut, wird zur Verantwortung gezogen“, verspricht er.

Mehr Schaden als in sechs Monaten Krieg

Die unglücklichste Figur macht der libysche Innenminister Fawzi Abdelali, dessen Behörde mittlerweile eine Untersuchungskommission eingesetzt hat. Zunächst war er unter dem Druck der Ereignisse von seinem Amt zurückgetreten, um aber zwei Tage später wieder auf seinen Posten zurückzukehren; er ist ohnehin nur Minister auf Abruf, da das neue Parlament, der Nationalkongress, bald eine neue Regierung einsetzen wird.

Unmittelbar nach den Angriffen forderten mehr als zwanzig einflussreiche libysche Organisationen und Verbände, angeführt von der Juristenvereinigung LFJL (Lawyers for Justice in Libya), in einem offenen Brief den Nationalkongress zu raschem Durchgreifen auf: „Tatenlosigkeit würde bedeuten, dass die Macht im Land nicht von unseren demokratisch gewählten Vertretern, sondern von unbekannten Mächten ausgeübt würde. Wir fordern Sie dringend auf, jetzt im Namen aller rechtsstaatlich gesinnten Libyer einzugreifen. Wir bitten Sie inständig, jetzt zum Schutz unseres historischen Erbes zu handeln.“ Weiter heißt es in der Verlautbarung: „Diese fanatischen Bilderstürmer haben in den vergangenen 72 Stunden mehr Schaden an unserem nationalen Erbe angerichtet, als es in den sechs Monaten der militärischen Auseinandersetzungen der Fall war.“

Auch der Großmufti von Libyen, Abdelrahman al-Gharyani, verurteilte die Zerstörungen und führte dabei theologische Argumente an: „Was einige bewaffnete Leute mit der gewaltsamen Öffnung von Gräbern und der Entfernung der sterblichen Überreste praktizieren, ist unvereinbar mit der Scharia, denn dies bedeutet die Störung der Unverletzlichkeit des Toten und seiner noch lebenden Angehörigen. (Sie) verstößt gegen die Sunna und die Lehren der Schriftgelehrten. Dieses Verbot der Grabschändung betrifft auch die Grabstätten von Nichtmuslimen.“

Bei den Parlamentswahlen im Juli dieses Jahres waren die radikalen Muslime auf völlige Ablehnung gestoßen. Trotz starker Präsenz im Wahlkampf konnte die vom Salafistenprediger Ali Sallabi und von Abdel Hakim Belhadsch angeführte National-Partei Al-Watan keinen der achtzig Listenplätze erringen. Nachdem sie auf dem demokratischen Weg gescheitert sind, versuchen die Salafisten nun, ihre Ideologie mit Gewalt durchzusetzen. Konnten sie die Sprengung der Buddhas im afghanischen Bamyan und das Einreißen der mittelalterlichen Lehmziegelgräber im malischen Timbuktu noch straflos durchführen, so haben die Libyer jetzt die Chance, die Zerstörung ihres kulturellen Erbes durch entschlossenes Eingreifen zu beenden. 

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