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Liao Yiwu Preisträger

 ·  Fesseln, Schläge, Elektroschocks, Demütigungen - das bedeutet Gefängnis in China. Liao Yiwu hat das vier Jahre lang ausgehalten. Im vergangenen Jahr kam er nach Deutschland, wo er nun den Friedenspreis erhält.

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© AFP Ein Erfahrungsbericht: In „Für ein Lied und hundert Lieder“ schreibt Liao Yiwu über die Brutalität in chinesischen Gefängnissen

In einem Brief, den Liao Yiwu im November 1999 von dem mit ihm befreundeten chinesischen Dissidenten und späteren Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo erhielt, steht ein Satz, der die literarische Wertschätzung Lius für das Werk von Liao beweist: „Wegen Deines Gedichts ,Massaker‘ hast Du vier Jahre im Knast gesessen, ich denke, das war es wert.“

Dieser Satz ist nicht leichthin gesagt; Liu Xiaobo war selbst gerade nach vier Jahren Haft freigelassen worden, und wer wissen will, was das in China bedeutet, der muss den Erfahrungsbericht „Für ein Lied und hundert Lieder“ lesen, den Liao Yiwu im vergangenen Jahr in Deutschland veröffentlicht hat. Fesseln, Schläge, Elektroschocks, Demütigungen, Hitze, Kälte, Vergewaltigungen - Zustände, wie man sie von anderen Zeugenberichten aus den schlimmsten Diktaturen des zwanzigsten Jahrhunderts kennt, von Simcha Gutermann, Primo Levi, Gustaw Herling oder Alexander Solschenizyn. Nichts hat sich im China des einundzwanzigsten Jahrhunderts daran geändert.

Die Scheidung nach seiner Haftzeit

Kein Wunder, dass Liao es im vergangenen Jahr vorzog, über Vietnam und Polen nach Deutschland zu fliehen, bevor der Staat seine Drohung wahrmachen konnte, ihn für die Publikation von „Ein Lied und hundert Lieder“ im Ausland abermals zu inhaftieren - und dann für länger als vier Jahre. Das war es ihm nicht mehr wert. Sein literarisches Ringen um die angemessene Darstellung der Realität Chinas, das auch in „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“, seinem eindrucksvollen Buch mit Gesprächsporträts von Randexistenzen der chinesischen Gesellschaft, spürbar war, ist nun anders belohnt worden: mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Liao Yiwu wurde am 4. August 1958 in der Stadt Yanting in der Provinz Sichuan als zweites von vier Kindern eines Kaders geboren. Als Kind wäre er in den „drei Jahren der Naturkatastrophen“, wie die Zeit von 1959 bis 1962 beschwichtigend bezeichnet wird, als Maos Wirtschaftsprogramm des „Großen Sprungs“ das Land ins Elend stürzte, fast verhungert. In der Kulturrevolution wurde sein Vater denunziert und verhaftet; um die Kinder zu schützen, ließ die Mutter sich scheiden - eine Entscheidung, die der Sohn selbst auf traurige Weise noch einmal durchleben musste, als sich seine Frau später von ihm scheiden ließ, nachdem sie die gemeinsame Tochter während Liaos Haftzeit zur Welt gebracht hatte.

Den Einwohnern von Sichuan sagt man in China einen Hang zur Gemütlichkeit nach, und tatsächlich ließ sich Liao nie für Politik einspannen. Ihn interessiert das Schicksal der Einzelnen. „Ich habe bis heute aus der Feder keines chinesischen Schriftstellers irgendetwas gelesen, das mich mehr erschüttert hätte als die Realität“, hat Liao Yiwu einmal festgestellt. Seine Bücher sind das Resultat dieser Defizitwahrnehmung: Sie erschüttern durch Realismus. Liu Xiaobo sitzt als Friedensnobelpreisträger längst wieder in Haft. Für die Freiheit des Friedenspreisträgers Liao trägt auch unser Land Verantwortung.

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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

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