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Lexikon Das war Rot-Grün: V wie Vosseler, Lothar

05.07.2005 ·  Die Belgier kennen ihn als „werklozen halbroer“, die Serben als armen „polubrat“: Wenn Schröder scheidet, endet auch die seltsame Amtszeit Lothar Vosselers als „Kanzlerbruder“. Es ist für ihn vermutlich besser so.

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Wenn sich Gerhard Schröder demnächst, wie es aussieht, aus dem Kanzleramt verabschiedet sowie, wie kolportiert wird, auch aus der aktiven Politik, dann werden auch andere, weniger spektakuläre Karrieren zu Ende gehen.

Mit Schröder dürften einige seiner alten und - anders als der Kanzler selbst - ergrauten Mitstreiter aus der ersten Reihe verschwinden, Bundesminister wie Stolpe oder Schily, aber auch Staatssekretäre und viele kleine und große Helfer, die eher im verborgenen wirkten. Ein Ende haben werden auch die in vierteljährlichem Rhythmus erscheinenden „Bild“-Schlagzeilen rund um Doris Schröder-Köpf, die an prominenter Stelle ihre Ansichten über Kinder, Kampfhunde oder auch mal ein Kochrezept veröffentlichte.

Polubrat und Halbroer

Und noch eine Laufbahn neigt sich dem Ende, die man „Karriere“ eigentlich gar nicht nennen mag. Die Rede ist von der Amtszeit des Lothar Vosseler als „Kanzlerbruder“, genauer als „Kanzlerhalbbruder“, die nun ohne sein eigenes Zutun abgebrochen wird. Immerhin sieben Jahre lang hat Vosseler diesen Titel getragen und es damit zu einiger Bekanntheit gebracht, und zwar weit über die Landesgrenzen hinaus.

Wer nach Vosselers Spuren im Internet sucht, der lernt, daß „Halbbruder“ auf serbisch „polubrat“ heißt, auf belgisch „halbroer“, auf französisch „semi-frère“ und auf italienisch „fratellastro“. Das Buch namens „Der Kanzler, leider mein Bruder, und ich“ wiederum, das Vosseler kürzlich veröffentlicht hat, trägt auf polnisch den Titel: „Kanclercz, niestety mój brat, i ja“. Doch warum „niestety“, warum nennt Vosseler den Bundeskanzler „leider“ seinen Bruder? Und warum charakterisiert „El Mundo“ Schröders Familie in der Überschrift eines Artikels, der sich vor allem um Vosseler dreht, als „extraña“ - seltsam?

Aufsteiger und Absteiger

Die Erklärung liegt wohl vor allem darin, daß Gerhard Schröder und Lothar Vosseler, der drei Jahre jüngere Sohn von Erika Schröder und ihrem zweiten Ehemann, dem Hilfsarbeiter Paul Vosseler, recht unterschiedliche Figuren sind. Schröder, das aufgestiegene Arbeiterkind, gilt als Kämpfer, der sich durchgesetzt hat (siehe auch: Rot-Grün-Lexikon: R wie Rein, ich will da) und mit den Insignien des Erfolgsmenschen schmückt (siehe auch: Rot-Grün-Lexikon: B wie Brioni). Von ganz unten hat es Schröder, der gelernte Eisenwarenhändler, nach ganz oben geschafft.

Lothar Vosselers beruflicher Weg hingegen begann ganz unten und führte fortan steil abwärts. „Viele sagen: Überall auf der Welt wäre ich als Bruder des Regierungschefs Staatsminister für besondere Aufgaben oder Notenbank-Präsident oder Präsident der nationalen Rheuma-Liga“, hat Vosseler einmal erklärt. Daß ihm keines dieser Ämter übertragen wurde, spricht für Deutschland. Und im Grunde auch gegen Vosseler, der sich gleichwohl als Opfer der Prominenz seines Bruders sieht - ein Verdacht, der nicht gar zu abwegig ist. (Siehe auch: Warum Schröder in Chinas Medien gefeiert wird)

Kanalarbeiter und U-Boot-Führer

Der in Detmold lebende Kanzlerhalbbruder war als Heizungsmonteur und Programmierer tätig, bis er Ende der neunziger Jahre seine Arbeit verlor. Anschließend versuchte er sich in den unterschiedlichen Jobs: Er stieg für die Firma „Kanal Müller“ in die Kanalisation, führte auf Mallorca Touristen durch das U-Boot „Nemo“, war Hausmeister der Westfalen-Therme Bad Lippspringe, trat in einer Comedy nordrhein-westfälischer Lokalradios auf, schrieb eine Kolumne im Kölner „Express“, lieferte das „Oberkirchener Stiftsbrot“ aus und war „Redakteur“ einer „Taschentuchzeitung“, deren Käufer sich in Passagen aus Vosselers Buch schneuzen konnten. Allen Engagements war eines gemeinsam: Sie endeten nach kurzer Zeit. Meist schon nach ein paar Wochen, wenn die vermeintlich wohltätigen Arbeitgeber registrierten, daß der Werbeeffekt verpufft war. So wechselten in schneller Folge Meldungen über Vosselers neuen Job mit solchen über seine neuerliche Arbeitslosigkeit.

Denn die Medien waren immer dabei, wenn sich Vosseler, der „hohlwangige Unglücksrabe“ (Franz Josef Wagner), ins nächste aussichtslose Unterfangen stürzte. Ein Siebenundfünfzigjähriger, der sich vergeblich müht, ins Arbeitsleben zurückzukehren, ist an sich wenig unterhaltungstauglich. Doch die Spaßgesellschaft, die in den ersten Jahren von Schröders Regiment ihre furchterregendsten Feste feierte, hatte den Kanzlerbruder rasch vereinnahmt - als komischen Kauz, der sich im Kanaleingang fotografieren ließ oder mit bedruckten Taschentüchern und auf seiner Homepage den jovialen Ratgeberonkel spielte: „Sie wissen ja, wenn wat is, fragen Sie mich.“

Laß et, Junge

Dabei hätte Lothar Vosseler doch selbst Helfer benötigt, etwa jemanden, der ihn davor bewahrt hätte, im „Big Brother“-Container vorbeizuschauen. Spätestens damit war er in der grellbunten Unterwelt des Boulevards angekommen, die alternde Porno- und Boygroupsternchen ein letztes Mal aufglühen läßt, bevor sie das Vergessen ereilt, und ganz naturgemäß geriet Vosseler auch auf die Besetzungsliste der Pro-Sieben-„Burg“, dem schlimmsten TV-Trash-Spektakel der Neuzeit. Doch kurzfristig sagte er ab - und man durfte hoffen, daß Gerd, der große Bruder, sich nach langen Monaten ohne Besuch oder Telefonat des unbedarften Lothar erbarmt und erzieherisch auf ihn eingewirkt hätte: Laß et, Junge.

Doch die Wirklichkeit sah wohl anders aus. In einem Interview wurde Vosseler mit den Worten zitiert, er habe auf seinen Auftritt verzichtet, da er die Gage - wie alle anderen Einkünfte - ohnedies hätte abgeben müssen: Seit Januar dieses Jahres bezieht der Kanzlerbruder das Arbeitslosengeld II. Und seit etwa dieser Zeit hat die Öffentlichkeit auch nichts mehr gehört von Lothar Vosseler. Seit sein großer Bruder im eigenen Job ähnlich erfolglos herumwerkelt wie Lothar, wird dieser von den Medien als Kontrastfigur nicht mehr gebraucht. Als Familienmitglied eines Altkanzlers wird Vosseler selbst als Hartz-IV-Opfer auf die Medien kaum noch Reiz ausüben; die Gnade der Anonymität darf man ihm gönnen.

Die Adresse seiner Homepage führt heute ins Leere. Immerhin das Buch „Der Kanzler, leider mein Bruder, und ich“, in dem Vosseler harmlos-banale Anekdoten aus seiner Kindheit schildert, kann man noch erwerben - am besten, so empfiehlt Amazon, im Doppelpack mit Hillary Clintons „Gelebte Geschichte“. Und auch der folgende Hinweis suggeriert eine Erfolgsgeschichte, wie sie der unglückliche Kanzlerbruder nie hat schreiben können: „Kunden, die Bücher von Lothar Vosseler gekauft haben, haben auch Bücher dieser Autoren gekauft: Dan Brown, Antoine de Saint-Expury, Douglas Adams, J.K. Rowling, Michael Crichton.“

In einer werktäglichen Serie blickt FAZ.NET zurück: In unserem „Lexikon: Das war Rot-Grün“ schildern wir anhand von Schlagwörtern von A wie „Atomausstieg“ bis Z wie „Zwanzigzehn“, wie wir das fast schon historisch gewordene rot-grüne Projekt erlebt haben - streng subjektiv und ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Am Mittwoch lesen Sie in unserem Rot-Grün-Lexikon: W wie Windräder

Quelle: @jöt
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