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Lexikon Das war Rot-Grün: T wie Turnschuh

01.07.2005 ·  In weißen Sporttretern ließ sich Joschka Fischer 1985 als erster grüner Umweltminister vereidigen, 1999 lief er den New York Marathon. Nun hat er die Laufschuhe wieder angezogen. Doch ob er noch fit wird für den Wahlkampf?

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Politischen Zeitgenossen hat sich dieses Bild ins Hirn eingebrannt: Joseph „Joschka“ Fischer steht im Sakko vor Hessens Ministerpräsident Holger Börner. Mit der linken Hand hält er eine Aktentasche, mit der erhobenen Rechten schwört er seinen Amtseid.

Diese Szene war an sich schon bemerkenswert genug (siehe auch: Rot-Grün-Lexikon: D wie Dachlatte). Schließlich wurde Fischer 1985 von dem gewichtigen Genossen als erster grüner Umweltminister eingeschworen.

Doch erregte er zusätzlich Aufsehen: Statt wie jeder x-beliebige Politiker einen dunklen Anzug nebst Binder und schwarze Halbschuhe zu tragen, lief Fischer in Jeans und weißen Turnschuhen im Landtag zu Wiesbaden ein. Da hatte er seinen Ruf weg: Turnschuhminister.

Die weißen Treter hat Fischer längst dem Deutschen Schuhmuseum in Offenbach übereignet. Dort stehen sie neben Seidenstiefeln der (landläufig als Sissi bekannten) österreichischen Kaiserin Sisi und Plateausandalen aus so manchem osmanischen Harem. Gleichwohl hat sich sportliches Schuhwerk als verläßlicher Begleiter von Fischer erwiesen, auch wenn er im Dienst mittlerweile, wie auch viele seiner im bürgerlichen Leben gelandeten Anhänger, dunkle Halbschuhe zu Anzug und Binder trägt (siehe auch: Rot-Grün-Lexikon: B wie Brioni). Und wie 1985 haben Sportschuhe ihm regelmäßig besondere Aufmerksamkeit beschert.

Lange Läufe in New York und anderswo

In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre zog sich Fischer vor allem haltgebende und an der Ferse gedämpfte Modelle an: Mit Laufschuhen versuchte er den Ausstieg aus der Schwergewichtsklasse, in die aufzusteigen der Genußmensch einige Jahre gebraucht hatte. Bis er selbst dann außer Puste geriet, wenn er nur wenige hundert Meter im Parlamentsviertel gehen mußte, wie er einmal bekannte.

Der deutsche Langstreckler Herbert Steffny arbeitete für Fischer als Personal Trainer einen Laufplan aus. Es folgt eine Geschichte, wie sie viele Hobby-Läufer erzählen. Aus ein paar hundert Metern wurden einige Kilometer, dann ein Halbmarathon, ein „Dreißiger“, bis die Reife für die längste olympische Strecke gegeben war. 1998 debütierte Fischer beim Hamburg Marathon mit sehr respektablen 3:41 Stunden, ein Jahr darauf lief er in rund vier Stunden die 42,195 Kilometer von New York.

Mit Doppelkinn und Laufschuhen in der Zeitung

Er, der Laufen als „öde“ empfunden hatte, wurde seinerzeit in Lauf-Magazinen herumgereicht. Er sah mittlerweile diese Übung als „Meditation“ an, wie es bei Steffny auf der Homepage heißt. Fischer berichtete über seine Erfahrung als Extremsportler in seinem Büchlein „Mein langer Lauf zu mir selbst“.

Doch verlor sich Fischer wieder aus dem Blick: Das zerknautschte Gesicht wurde wieder ent-faltet und bekam sein Doppelkinn zurück. Aber der Bundestagswahlkampf verlangt Fitneß: Der Außenminister sei erstmals seit zwei Jahren wieder länger gejoggt, wurde gerade von dem Boulevardblatt mit den vier großen Buchstaben gemeldet. Und zum Beweis zeigte es ein Bild vom Grünen-Buddha mit Basecap auf dem etwas geneigten Haupt, Sportweste, Trinkflasche - und Laufschuhen. Die Frage ist jedoch, ob es wie ehedem im Wahlkampf zum „Laufen mit Joschka“ kommt.

In einer werktäglichen Serie blickt FAZ.NET zurück: In unserem „Lexikon: Das war Rot-Grün“ schildern wir anhand von Schlagwörtern von A wie „Atomausstieg“ bis Z wie „Zwanzigzehn“, wie wir das fast schon historisch gewordene rot-grüne Projekt erlebt haben - streng subjektiv und ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Am Montag lesen Sie in unserem Rot-Grün-Lexikon: U wie Umverteilung

Quelle: @thwi
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