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Lexikon Das war Rot-Grün: S wie Sonnenblume

30.06.2005 ·  Gärtner Josefs neueste Erfindung trägt Sonnenbrille, spielt Gitarre und tanzt dazu Lambada: Ein Märchen darüber, wie die Sonnenblume zu den Grünen kam.

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Es war einmal ein kleiner gewiefter Gärtner namens Josef, der hatte einen grünen Daumen und saß gerne abends bei Sonnenuntergang im Blumenbeet und sprach mit seinen Pflanzen. Das war so Ende der 60er, Anfang der 70er, an die genauen Jahreszahlen erinnert er sich nicht mehr so genau, denn auf den Hippie-Festivals wurde damals ziemlich viel gutes Gras geraucht.

Eines Abends, die Sonne stand tief über seinem Gärtchen, schritt er die langen Reihen ab und betrachtete das Ergebnis seiner Hände Arbeit. Er zupfte gerade ein paar Stengel von dem braunen Unkraut, als sein Blick auf die mächtige Helianthus aus der Gattung der Korbblütler fiel.

Das fast vier Meter hohe Prachtexemplar stand in voller Blüte. Sie leuchtete so hell und gelb, umrahmt von einem Strahlenkranz aus Blütenblättern - es schien fast so, als ob sie ein himmlisches Geschöpf sei und den kleinen Josef belächeln würde.

Immer das Gesicht zur Sonne

„Du überhebliches Ding“, dachte Josef und knickte das alte Fruchtbarkeitssymbol, das er sowieso nie besonders leiden konnte, weil es sich ganz opportunistisch immer der Sonne zuwandte, egal, wohin man es pflanzte.

Da kam Josef plötzlich eine Idee: „Du speicherst Deine ganze Energie, die du aus der Sonne, dem Boden und der Luft ziehst, in deinen Kernen...“, dachte Josef. „...Wie ein Atomkraftwerk!“

Noch am gleichen Abend setzte sich der Gärtner an seinen Schreibtisch und begann Briefe an die ganz Großen unter den Atomkraftwerk-Funktionären zu schreiben. Er schilderte ihnen seine Idee, die Sonnenblume als Werbeträger für die Atomkraft einzusetzen - das würde sicherlich auch die Ökos für das Thema empfänglich machen. Ihm schwebten Plakate vor, auf denen leuchtende Sonnenblumen triste Kraftwerke umrankten und diesen damit das graue, feindliche, giftige Image nahmen (siehe auch: Rot-Grün-Lexikon: A wie Atomausstieg). Er skizzierte und erklärte, dichtete und beschrieb die Vorteile seiner Kampagne. Wochenlang paßte er den Briefträger ab, doch Josef bekam nur Absagen.

Atomkraft oder Solarspeicher?

Nach Jahren des Wartens beschloß Josef, einen anderen Weg zu gehen, um seine Sonnenblumen zu vermarkten. Schließlich konnte man die Art der Energiegewinnung der Pflanze genauso gut mit einem Solarspeicher vergleichen. Über einen alten Freund aus Woodstock-Tagen schaffte es das Bild einer Sonnenblume mit lachendem Sonnensymbol im inneren Kreis in einen Kalender der Anti-Atomkraftbewegung.

Von dort wiederum kam es auf das Titelblatt der Zeitschrift für transnationale Politik namens Forum Europa. Josef spürte, daß er kurz vor dem Durchbruch stand.

Währenddessen diskutierten bei einer Zugfahrt Roland Vogt und eine paar weitere Kandidaten der neuen „Sonstigen politischen Vereinigung Die Grünen“ über ein Logo für ihr erstes Wahlplakat.

Die Pflanze geht nach einem Jahr ein

Da fiel der Blick Vogts, damals geschäftsführender Redakteur von Forum Europa, auf das Sonnenblumen-Cover seines Blattes. Danach ging es schnell, wie das bei solchen Blitzideen meistens ist, und Josef jubelte und hüpfte in seiner Zwei-Zimmer-Hütte herum, als ein Bote ihm das erste öffentliche Faltblatt der Grünen („Was wir wollen... Wer wir sind“) mit Sonnenblumenlogo zusteckte.

Das war an einem schönen Frühlingstag im April 1979, und draußen in seinem Garten hatte Josef gerade mal wieder frische Sonnenblumen gesät - denn die Pflanze gedeiht nur ein Jahr und geht dann ein. Daran konnte auch Josefs grüner Daumen nichts ändern.

Strahlende Blüten dank Gentechnik

Von nun an begann das Geschäft zu blühen: Josef heuerte weitere Gärtner an, pachtete ein paar Äckerchen und begann mit dem Monokulturanbau der sonnigen Pflanze. Später war er einer der ersten, der die Vorteile der Gentechnik für das Wachstum seiner hohen Lieblingsblume entdeckte. So strahlten sie einfach noch gelber, was die Grünen schätzten. Und je genmanipulierter die strahlenden Blumen wurden, desto resistenter waren sie auch gegen die gefräßigen Heuschrecken (siehe auch: Rot-Grün-Lexikon: M wie Münte).

Josef stand von nun an auf der Sonnenseite des Lebens; und auch wenn der kleine Gärtner nie persönlich in Erscheinung trat, wurde er zu DEM Sonnenblumenlieferanten der jungen Partei: Er bestückte Präsentbouquets, organisierte Saalschmuck und Sieger-Sträuße - alles mit Sonnenblumen. Bald schon prangte das Signet der stolzen Helianthus auf T-Shirts, Schildmützen, Regenschirmen, Kugelschreibern und Jojos.

Sonnenblumekerne gegen Verstopfung

Irgendwann begann Josef die Samen der verwelkten und vertrockneten Blüten aus den ganzen Sträußen zu sammeln - also zu recyceln. Er röstete sie und verteilte sie auf kleine Päckchen, die er einem Franchise-Unternehmen anbot, das sie als Allheilmittel gegen Langeweile-Attacken bei Grünen-Parteitagen im speziellen und Parteitagen im allgemeinen feilbot. Zudem wirkten die Körner ausgezeichnet gegen Obstipation, also Verstopfung, auch gegen verbale - und er hatte gehört, manch einer esse die Kerne nur wegen eben dieser Wirkung.

Um für den Fall der Fälle nicht nur auf einen Kunden angewiesen zu sein, verkaufte der kapitalistisch denkende Josef die Nutzungsrechte seiner Pflanze noch an den Bänkelsänger Dieter Thomas Kuhn und Dr. Motte, der für seine Love-Parade spärlich bekleidete Tänzerinnen mit dem Blütenlogo bedeckte. Das gefiel Josef, dem alten Hippie, und er strahlte wie ein Atomkraftwerk.

Mit Sonnenblumenöl an die Börse?

Als die Grünen mit SPD und Sonnenblume dann 1998 die Bundestagswahl gewannen, schnellte Josefs Umsatz in die Höhe. Um den danach explodierenden Benzinpreisen einen günstigen Rohstoff entgegenzusetzen, war er knapp davor, in den weltweiten Sonnenblumenöl-Handel einzusteigen und an die Börse zu gehen.

Doch seine Frau hatte mittlerweile genug, sie quengelte schon seit Jahren, daß Josef viel zuwenig Zeit für sie hätte. Die Kinder waren alle den Strickstramplern und der Waldorfschule entwachsen und führten nun die Geschäfte des Vaters weiter.

Keine Existenzängste

Existenzängste plagten Josef nie, und auch nach der jüngsten Wahlniederlage der Grünen in Nordrhein-Westfalen ist er froher Dinge. Schon lange hat er eine krisensichere Version seiner Sonnenblume geschaffen, die nicht verwelkt, nicht gegossen oder gepflegt werden muß. Ihm ist nämlich eingefallen, daß das gelbe Symbol sich auch hervorragend an die derzeit aussichtsreichere Grünen-Konkurrenz verkaufen ließe: Angelehnt an die Hauptfigur der gelben Partei.

In der Plastikvariante trägt sie eine Sonnenbrille, kann Gitarre spielen und die Blätterarme schwenken. Sollten die Gelben an die Macht kommen, hat Josefs elektrisch-blinkende, Lambada-tanzende Sonnenblume durchaus Potential, ist sie doch aus politischer Sicht mit einem recht praktischen „Feature“ bedacht: Anders als beim echten Parteivorsitzenden gibt es an ihrem Körper einen Knopf, mit dem man sie einfach ausschalten kann.

In einer werktäglichen Serie blickt FAZ.NET zurück: In unserem „Lexikon: Das war Rot-Grün“ schildern wir anhand von Schlagwörtern von A wie „Atomausstieg“ bis Z wie „Zwanzigzehn“, wie wir das fast schon historisch gewordene rot-grüne Projekt erlebt haben - streng subjektiv und ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Am Freitag lesen Sie in unserem Rot-Grün-Lexikon: T wie Turnschuh.

Quelle: @one
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