27.06.2005 · Über dem Strand liegen, glaubt man einer Parole aus den wilden Jahren manch rot-grüner Politiker, die Pflastersteine. Auch Joschka Fischer hielt sie einst in der Hand. Geschadet hat ihm das nicht. Nicht das.
Es muß so in der Zeit von 1967 bis 1976 gewesen sein. Die Parole „Unter dem Pflaster liegt der Strand“ stand derart hoch im Kurs, daß man sie zu einem Frankfurter Zeitschriftentitel zusammenstrich und zur Hookline eines ganzen Mut- und Mitmachliedchens machte.
„Schmeiß sie gegen die, die mit ihrer Macht deine Kräfte brechen wollen“, heißt es in dessen letzten Zeilen. Gemeint waren die Ketten, in denen die engagierte Texterin das lyrische Du dieser Zeilen - und letztlich eigentlich uns alle - wähnte.
In beiden Händen
Unter dem Pflaster liegt der Strand, und umgekehrt liegen über dem Strand die Pflastersteine. Hierzu heißt es in besagtem Lied: „Komm reiß auch du / ein paar Steine aus dem Sand.“ Wie man sich das vorzustellen hat? Man steht tief bewegt, mitgerissen, ermutigt, der Ketten entledigt, Sand zwischen den bloßen Zehen, in jeder Hand einen Pflasterstein. Und nun? Wirft man sie wohl den Ketten hinterher, in Richtung jener, die „mit ihrer Macht deine Kräfte brechen wollen“.
„Komm laß dich nicht erweichen“, gibt das Lied seinem Publikum mit auf den Weg, „bleib hart an deinem Kern. Rutsch nicht in ihre Weichen“, und, um des Reimes Willen schließlich, „treib dich nicht selbst dir fern.“ Womit wir bei Joschka Fischer wären. „Ich war Berufsrevoluzzer von 1967 bis 1976“, hat er einmal gesagt.
Unter der Weste
„Ja, ich war militant“, hat er einmal zugegeben, in einem „Stern“-Interview, als im Frühjahr 2001 die „Putztruppen“-Vergangenheit des Berufsaußenministers aufs Tapet gekommen war. „Wir haben Steine geworfen. Wir wurden verdroschen, aber wir haben auch kräftig hingelangt.“
Wenn man sich in den lauen Frankfurter Sommernächten mit den Weggefährten von einst zusammensetzt, tief in den sauer Gespritzten blickt und die Gegenwart schon hinter einem liegt, bekommt man sie manchmal zu hören, die alten Geschichten. Wie es damals war, mit dem Joschka, dem Dany und all den anderen. Daß das mit dem Joschka auch damals schon etwas besonderes war. Daß er sich lange nicht eindeutig gegen Gewalt ausgesprochen hätte und dadurch im Gespräch geblieben wäre. Und überhaupt: Wie köstlich der Kerl auf einmal im Dreiteiler ausgesehen habe, die Daumen kokett-ironisch in die Ärmellöcher der Weste gehakt.
Zwischen den Zehen
Wie hart ist unser Außenminister, der eine „umfassende und zielgerichtete Veränderung meines gesamten Lebensstils, meines gesamten Tagesablaufs, meiner Ernährung, meiner Vorlieben und Gewohnheiten“ in seinem Mutmach- und Mitmachbuch „Mein langer Lauf zu mir selbst“ zu Protokoll gab, in seinem Kern geblieben? Wie weich ist er geworden, in wessen Weichen ist er im Lauf der Jahre gerutscht? Hat er wirklich alle alten Vorlieben und Gewohnheiten abgelegt? Und zwischen seinen Zehen, wenigstens ein Rest von Sand?
Das Überraschende: Die Vergangenheit hat Joschka Fischer nicht geschadet. Die einen äußern sich anerkennend über die Wandlungsfähigkeit des heutigen Staatsmannes, die anderen sympathisieren mit jenem Rest an street credibility, der Fischer aus alten Tagen anhaftet. Weder 2001, als es um den ehemaligen Steinewerfer ging, der, so der Verdacht, mit Terroristen einst die Wohnung geteilt haben könnte, noch 2005, als ihm die Visa-Vergabepraxis vor allem in den deutschen Botschaften Osteuropas zur Last gelegt wurde - es waren nicht seine Affären, die des Außenministers Glanz verblassen ließen. Es war die Art, wie sich Joschka Fischer zu den Vorwürfen schließlich äußerte.