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Lexikon Das war Rot-Grün: I wie Inder

16.06.2005 ·  Rot-Grün wollte auch in der Wirtschaftspolitik einiges anders machen als die Vorgängerregierung Kohl. Ein Mittel sollte die Green Card werden. Sie sollte viele intelligente junge Inder nach Deutschland locken. Sollte.

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Der Inder hat die Nase vorn. Beim Wirtschaftswachstum kann die einstige britische Kolonie sogar mit China (siehe auch: Rot-Grün-Lexikon: C wie China) mithalten.

Und der Inder ist gut gebildet, zumindest in den Reihen des aufstrebenden Mittelstands: Viele junge Männer sind fit in Informationstechnologie und mobil, und Englisch können sie auch, selbst wenn sie einen eigentümlichen Akzent aufweisen. In Deutschland wird dagegen ein Mangel an IT-Fachleuten bejammert, Nachwuchssorgen gibt's ja ohnehin. Da war im Jahr 2000 nicht anders als heutzutage, und der Kanzler höchstselbst wußte seinerzeit die Lösung.

Wenn's in Deutschland schon mehr Studienabbrecher in geisteswissenschaftlichen Fächer gibt als zertifizierte Computerfreaks, dann soll es halt der Inder richten. Einen Weg, wie man Computer-Inder ins Land lotst, wußte Gerhard Schröder auch: Lerne von Amerika und schaffe die „Green card“, eine Einwanderungserlaubnis zu Arbeitszwecken. Die gab's zu Kohls Zeiten nicht und sollte auch als Ausweis moderner Arbeitsmarktpolitik unter Rot-Grün dienen. Sollte.

Der erste Empfänger: ein Indonesier...

Anfangs war der Jubel wenn schon nicht groß, so doch beachtlich. Der DGB zeigte sich „offen“ für den im März jenes Jahres bei der Computermesse Cebit unterbreiteten Kanzler-Vorschlag. Die Bundesanstalt für Arbeit, damals mit Unionsmann Jagoda an der Spitze, nannte die Green card „vertretbar“. Die Handwerkskammer in Baden-Württemberg dachte gleich weiter und forderte Green cards für Bosnier, wurde aber von der Bundesbildungsministerin in die Schranken gewiesen. Und als Ente stellte sich die Mutmaßung heraus, es könnte auch Green cards für indische Ordensfrauen geben. Die Union wandte ohnehin ein, lieber auszubilden statt wieder anzuwerben. Chefin Merkel sagte aber schon im April 2000, es gebe keine grundsätzliche Ablehnung.

Kurzum: Die Green card wurde in Deutschland zum 1. August 2000 eingeführt. Doch ach: Es klappte nicht so wie gedacht. Zum einen war kein Inder der erste Abnehmer, sondern ein Indonesier. Aber immerhin zeichnete der als Computerfachmann. Und am 2. August meldete das Arbeitsamt Frankfurt die Vergabe der ersten dieser Arbeitsaufenthaltserlaubnisse an einen - Inder, jawohl. 24 Jahre alt war der Mann und hatte bei der Flatfox AG an der Hanauer Landstraße angeheuert. Doch bei der Flatfox AG blieb er nicht lange: Die Firma ging im ausgehenden Frühjahr 2002 pleite - und der Inder war seinen Job los.

...und der reiste vorzeitig ab

Sein Schicksal war durchaus symptomatisch für die Green-card-Empfänger. Das Interesse der Unternehmen ebbte rasch ab - zumal es in Deutschland wie andernorts in der ersten Welt seinerzeit wirtschaftlich deutlich bergab und mit den Erwerbslosenzahlen bergauf ging. So gestand das Arbeitsamt Frankfurt schon im November 2001 der Rhein-Main-Zeitung der F.A.Z., der Trend bei Green cards sei „stark rückläufig“. Und: „Die Betriebe fragen, wie sie sich von solchen besonderen Arbeits- und Aufenthaltsverhältnissen lösen können.“ Einigen Green-card-Inhabern sei bereits gekündigt worden, auch Indern.

Im August meldete schließlich der erste Green-card-Empfänger, der Indonesier Harianto Wijaya, Deutschland vor Ablauf seiner Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis verlassen zu wollen. Noch drei Wochen zuvor hatte die Bundesregierung beschlossen, Green cards bis Ende 2004 auszugeben. Doch welcher Hahn kräht heute noch danach? Des Kanzlers Idee, sie scheiterte so wie der Versuch, die Arbeitslosigkeit zu halbieren. Das hat er ehedem versprochen. Erinnern Sie sich noch?

In einer werktäglichen Serie blickt FAZ.NET zurück: In unserem „Lexikon: Das war Rot-Grün“ schildern wir anhand von Schlagwörtern von A wie „Atomausstieg“ bis Z wie „Zwanzigzehn“, wie wir das fast schon historisch gewordene rot-grüne Projekt erlebt haben - streng subjektiv und ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Am Freitag lesen Sie in unserem Rot-Grün-Lexikon: J wie Job-Gipfel

Quelle: @thwi
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