Home
http://www.faz.net/-gqz-qf7b
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Lexikon Das war Rot-Grün: H wie Hartz, Peter

15.06.2005 ·  Wenn ein Mann hinter seinem Werk verschwindet: Was für Goethe Faust I und Faust II war, ist für Gerhard Schröder Hartz I bis IV. Ein Fortsetzungsdrama, das etlichen Kritikern als leider unspielbar gilt.

Artikel Bilder (6) Lesermeinungen (0)

VW-Arbeitsdirektor und Dramaturg (Hauptwerk: Hartz IV), unter Intendant Gerhard Schröder auf die bundespolitische Bühne berufen. Geboren am 9. August 1941 in St. Ingbert/Saar. Verheiratet, ein Sohn, viele Feinde.

Werk: H. nannte seine Werke schlicht Hartz I-IV. Die ersten drei Titel spielen in der öffentlichen Rezeption nur noch eine geringe Rolle, weisen aber den Weg zum Hauptwerk Hartz IV.

In Hartz I erläutert H. sein Konzept privater Personal-Service-Agenturen, Hartz II handelt von Mini-Jobs und Ich-AGs. In Hartz III zeichnet H. idealtypisch den Werdegang eines bürokratischen „Arbeitsamtes“ zur effizienten „Agentur für Arbeit“. Die Kritik kam überein, daß sich die genannten Werke zwar hervorragend lesen, auf der Bühne aber kaum zu überzeugen vermögen, weil sie die meisten Schauspieler überfordern.

H.s mit Abstand bekanntestes Stück ist Hartz IV, das von der Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe erzählt. H.s Stil in seinem Hauptwerk gilt bestenfalls als technokratisch („Einstiegsgeld“, „zumutbare Arbeit“), mitunter auch als verquast („Bedarfsgemeinschaft“).

Bedeutung: H.s Hauptwerk gilt als Tabubruch. Für Kritiker steht Hartz IV symbolisch für die Abkehr von Rot-Grün vom Sozialstaat und die Hinwendung zum „Neoliberalismus“: Selbst wer jahrelang gearbeitet hat, müsse damit rechnen, mit dem Existenzminimum abgespeist zu werden.

Reaktionen: Kritisiert wurde verschiedentlich, daß die Aufführung von Hartz IV wesentlich teurer ist als zunächst angenommen. Zu erklären ist dies durch den verstärkten Einsatz von Statisten, die H. massenhaft als Empfänger des „Arbeitslosengeldes II“ auftreten läßt. Die Regie warb Hunderttausende dieser Statisten von den kommunalen Bühnen, an denen sie als Sozialhilfeempfänger wirkten, für das Staatstheater ab.

Zahlreiche Statisten forderten im Spätsommer 2004 in Montagsdemonstrationen anspruchsvollere Rollen und eine bessere Bezahlung. Liebhaber von H.s Prosa dagegen fordern eine Fortsetzung der Reihe mit dem Stück Hartz V. H. selbst sah sein Werk nach der lauten Kritik falsch interpretiert („Nicht überall, wo Hartz draufsteht, steckt auch Hartz drin“), der Regie seien handwerkliche Fehler unterlaufen.

In der Bevölkerung löste Hartz IV eine diffuse Angst aus. Die Bedeutung des Arbeitsplatzes wird höher bewertet als je zuvor. Statisten, die nicht in Hartz IV mitspielen wollen, verfallen zuweilen in Aktionismus und versuchen sich als Ich-AG (Hartz II). Diese Möglichkeit steht allerdings nicht allen offen, darum ist Resignation eine häufige Folge. Wirtschaftsforscher sehen Zusammenhänge zwischen der durch Hartz IV geschürten Angst und der lahmenden Binnenwirtschaft.

Zeitgenossen: Intendant Schröder berief für seine Aufführungsreihe „Die Beraterrepublik“ nicht nur H., sondern auch McKinsey und Co.

Eine auf Empfehlung von Roland Berger gegründete Firma etwa versucht in einem noch immer andauernden Schauspiel, Kosten im Fuhrpark der Bundeswehr zu senken. Kritiker, unter anderem aus den Reihen des Rechnungshofes, finden für dieses Improvisationstheater kaum lobende Worte.

Zu H.s Zeitgenossen zählt auch die jung-dynamische und stets korrekt gekleidete Gruppe Accenture, die auf der Bühne der Arbeitsagentur das Werk „Virtueller Arbeitsmarkt“ zur Aufführung brachte. Anders, als der Titel erwarten läßt, handelt das Stück vor allem von explodierenden Kosten (BA-Vorstand Alt gerät in die Schußlinie).

Die Kostenexplosions-Thematik prägt auch das Schaffen des Bert Rürup, wenn auch Rürups Werk nicht um den Arbeitsmarkt, sondern im wesentlichen um die Begriffe Rente, Gesundheit und Soziales kreist (Krönung einer Beraterlaufbahn).

Weiteres Schaffen: H., so wird vermutet, möchte sein Wirken künftig auf die Wolfsburger Dorfbühne beschränken. Einige Zeitgenossen aber dürfen hoffen, auch unter einem anderen Intendanten kostenträchtige Werke zu inszenieren.

In einer werktäglichen Serie blickt FAZ.NET zurück: In unserem „Lexikon: Das war Rot-Grün“ schildern wir anhand von Schlagwörtern von A wie „Atomausstieg“ bis Z wie „Zwanzigzehn“, wie wir das fast schon historisch gewordene rot-grüne Projekt erlebt haben - streng subjektiv und ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Am Donnerstag lesen Sie in unserem Rot-Grün-Lexikon: I wie Inder.

Quelle: @bemi
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr