13.06.2005 · Für die Union war es ein Bilderbuchsommer - bis zu dem Tag, als der Regen kam. Als Krisenmanager an den überschwemmten Ufern von Oder und Elbe konnte Schröder triumphieren - und die Opposition ging unter.
War das ein Bilderbuchsommer für die Union! Rot-Grün verwaltete in der Mitte des Jahres 2002 ein Heer von Arbeitslosen, das auf die pralle Zahl von vier Millionen angewachsen war; die Ergebnisse der Pisa-Untersuchung brachten den deutschen Bildungs-Turm kräftig in Schräglage, wies die Untersuchung doch aus, daß im konstant schwarz regierten Süden der Republik die schulischen Resultate weitaus besser ausfielen als in dauerhaft SPD- oder Rot-Grün-geführten Bundesländern; und außenpolitisch war das Duo Schröder/Fischer partout darauf aus, sich wegen des drohenden Irak-Kriegs mit den Vereinigten Staaten als wichtigstem Verbündeten in die Haare zu kriegen - im Kanzleramt ging es drunter und drüber, und Herausforderer Stoiber machte sich bereits Gedanken, wie er nach seinem Einzug den kühlen Prachtbau am Berliner Tiergarten bayerisch-behaglich einrichten würde. Die Bundestagswahl konnte kommen!
Auch die Demoskopen meinten es gut mit dem Oppositionskandidaten aus München: Schwarz-gelb kam im Juli auf 48 Prozent, ein Fußbreit zu wenig für den Sprung an die Macht. Rot-Grün verharrte unter der 40-Prozent-Grenze. Unmengen an Weißbier und Champagner für die Triumphfeier am Abend des 22. September wurden geordert. Auf daß es ein rauschendes Fest werden würde!
Am Tag, als der Regen kam
Doch dann begann es zu regnen. Und wie. Und vor allem im Osten der Republik (während im Westen die Sonnencreme in den Schwimmbadkiosken knapp wurde und es in meinem Fitneßstudio plötzlich kein Problem war, zur besten Trainingszeit ein Spinningrad zu besetzen, weil alle BGS-Beamten aus der benachbarten Kaserne zum Sandsackschleppen nach Sachsen abkommandiert worden waren!).
Die Wolkenbrüche wollten gar nicht mehr aufhören. Und folglich verwandelten sich harmlose Rinnsale in tosende Ströme, traten Flüsse über die Ufer, und bis dahin nur aus Katastrophenvideos aus Bangladesch gekannte Wassermassen überrollten ganze Landstriche: vom Erzgebirge bis Dresden liefen Dorfkirchen, Grundschulen und Kulturdenkmäler wie der „Zwinger“ bis zur Decke voll. Das Wort der „nationalen Tragödie“ machte angesichts der Zerstörungen die Runde. Und welcher Spitzenpolitiker begriff als Erster, welche Chance sich ihm mit der „Jahrhundertflut“ bot?
Der Macher mit der starken Hand
Na klar, Gerhard Schröder, der - ganz Bauchmensch - die Nase in die Luft hielt, die Stimmung im Land gründlich einatmete, seinem Gespür vertraute - und sich nach quälenden Monaten des politischen Stillstands plötzlich als Macher mit der starken Hand gefiel. Seine Lieblingsrolle, die er schon beim Einsatz für den angeschlagenen Holzmann-Baukonzern 1999 zum besten gegeben hatte. CDU/CSU und die FDP mit ihrem frisch gefönten 18-Prozent-Spaßkandidaten im bunten Guidomobil ließen sich von der Tatkraft des Platzhirschen jedenfalls überrumpeln. Wie ein auf den Punktezetteln weit in Führung liegender Boxchampion, der von einem angezählten Gegner einen Uppercut ans Kinn geprügelt bekommt, taumelten Stoiber, Merkel und Co. plötzlich durch den politischen Ring.
Von diesen Tagen an war es der rote Igel, der den schwarzen Hasen hetzte. Und der kam regelmäßig zu spät. Schröder, ganz der Deichgraf, stand umgehend in gelben Gummistiefeln auf durchgeweichten Staudämmen bei Grimma, schüttelte Hände in Weesenstein, verteilte Lob an die Helfer in Pirna, sprach in Rehsen Mut zu, brachte in Dresden Geld für den Wiederaufbau mit. Er inszenierte sich als perfekter Krisenmanager, während seine Widersacher im fernen Berlin um Worte und Aufmerksamkeit rangen.
Bleich und blaß am Ufer
Die machtvolle Sprache der Bilder ließ die Strategen im Konrad-Adenauer-Haus verzweifeln und die Strippenzieher in der SPD-Kampa vor Freude jauchzen. Der im Osten ohnehin nur schwer vermittelbare Stoiber stand bleich und blaß an den Ufern der Donau und Elbe, Angela Merkel watschte, mit dunklen Augenringen, die Mundwinkel herabgesunken auf den Pegelstand der Schnürsenkel, durch den Morast - beide kamen zum einen erst Tage nach Schröder in den verwüsteten Landstrichen an und konnten zudem nur wenig bis gar nichts verkünden: denn über den Zugriff auf die staatlichen Kassen verfügte zum erheblichen Teil die Bundesregierung. Die, auf der Flutwelle schwimmend, Punkt um Punkt im Wahlkampf gutmachte, sich mit ihren Hilfszusagen nicht lumpen ließ - und so quasi an den eigenen Haaren aus dem Umfragensumpf zog.
Nicht nur die Menschen an Donau und Elbe, offenbar beeindruckt von dieser Mischung aus medialem Bühnenzauber und der perfekten Verbindung von Moral und Politik, dankten es mit einem Kreuzchen bei der SPD am 22. September. Drei Jahre später soll am 18. September gewählt werden. Abermals spricht die Meinungsforschung eine eindeutige Sprache - zu Ungunsten des Amtsinhabers. Doch vielleicht kommt für Schröder aufs neue alles Gute von oben. Der Wetterfrosch im Fernsehen hat mit Blick auf den „Hundertjährigen Bauernkalender“ in seiner Prognose vor wenigen Tagen einen „ungewöhnlich feuchten Sommer 2005“angekündigt.