10.06.2005 · Beim Wahlvolk galt Hans Eichel einst als beliebtester Geizkragen seit Dagobert Duck. „Eisenhans“ nannte er sich nach einer Märchenfigur - die für den Finanzminister jedoch ein denkbar schlechtes Vorbild war.
Es war einmal ein Mann, der hieß der „Eisenhans“. Genauer: „Eisenhans“ lautete der Name, den die Medien gelegentlich Hans Eichel und dieser, glaubt man wiederum den Medien, gelegentlich auch sich selbst gab. Warum „Eisenhans“? Weil er, wie ebenfalls gelegentlich zu lesen war, die „Ausstrahlung einer Büroklammer“ habe? Ach was. Tatsächlich ist Hans Eichel deshalb der Eisenhans, weil er so eine eisenharte, oft schmerzhafte Sparpolitik betreibt.
Hat da jemand gelacht? Als Iron Man galt Hans Eichel schließlich wirklich mal. Es war im April des Jahres 1999: Die rot-grüne Koalition befand sich in einer schweren Krise, nachdem Finanzminister Oskar Lafontaine völlig überraschend abgesprungen war. Als Grund nannte der Abtrünnige „das schlechte Mannschaftsspiel“ und den fehlenden „Teamgeist“ der Rot-Grünen, die sich in der Tat den Ruf einer wahren Chaostruppe erspielt hatten. Doch Teamchef Schröder wußte Rat: Er berief einen Mann, dem jegliche Star-Aura abzugehen schien, einen vermeintlich biederen Kämpfer, der wieder Ordnung ins Spiel bringen sollte - den in Hessen gerade auf die Tribüne verbannten Hans Eichel.
Beliebter Geizkragen
Und es schien zunächst, als habe Schröder ein goldenes Händchen bewiesen: Der Fleißarbeiter wurde innerhalb der mit sich selbst beschäftigten Schönwetterspieler (siehe auch: Rot-Grün-Lexikon: B wie Brioni) zur Führungsfigur. Als strenger Kassenwart sicherte Eichel dem Schröder-Team und sich selbst Punkt um Punkt. Ein Sparpaket hier, eine Steuerreform dort: Beim Wahlvolk wurde Hans Eichel zum beliebtesten Geizkragen seit Dagobert Duck.
Wer aber ist der „Eisenhans“ wirklich, wer ist Hans Eichels Ahne? Eine Figur der Gebrüder Grimm, aus einem ihrer unbekannteren Märchen. Rein optisch hat der Grimmsche Eisenhans mit dem Eichelschen wenig gemein: Er ist „ein wilder Mann, der braun am Leib war wie rostiges Eisen und dem die Haare über das Gesicht bis zu den Knien herabhingen“. Vom König in einen Käfig verbannt, wird er vom Königssohn befreit, den er zum Dank in den Wald verschleppt. Dort setzt er den Jungen an den Rand eines Goldbrunnens, in welchen dieser trotz Verbotes hineinfaßt und prompt an Finger und Haar vergoldet. „Geh hinaus in die Welt, da wirst du erfahren, wie die Armut tut“, befiehlt daraufhin der Eisenhans, verspricht aber, bei Bedarf zu helfen: „Meine Macht ist groß, größer als du denkst, und Gold und Silber habe ich im Überfluß.“
Das falsche Vorbild
Gold und Silber im Überfluß? Womöglich hat sich Hans Eichel kein wirklich passendes Vorbild ausgesucht. Und tatsächlich ist der Märchen-Eisenhans ein Protzer und Verschwender, der dem Königssohn jeden Wunsch nicht nur erfüllt, sondern ihm „noch mehr als du verlangst“ gibt: Statt eines einzelnen Rosses zaubert er gleich eine ganze „Schar Kriegsvolk“ herbei, und am Schluß, nachdem er sich vom wilden Mann in den König, der er einst war, zurückverwandelt hat, läßt er den Knaben gar wissen: „Alle Schätze, die ich besitze, sollen dein Eigentum sein.“
Hätten alle, die über Eichels Selbstbeschreibung als Eisenhans schmunzelten, die Geschichte tatsächlich gelesen, so hätte sich niemand wundern dürfen darüber, wie es mit dem Finanzminister weiterging: Rekorddefizit, Verletzung des Stabilitätspakts, Milliardenlöcher noch und nöcher. Der Eisenhans hat längst Rost angesetzt, von seiner Härte ist nichts mehr übrig: Er wurde zum Aluminiumhans, zum Plastikhans, zum Butterhans. Wie Armut tut, das kennt er längst. Aber Märchen gehen, wie jeder weiß, ja auch nicht immer gut aus.