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Lexikon Das war Rot-Grün: B wie Brioni

07.06.2005 ·  Jahrzehntelang war, wer linke Politik machte, eines ganz bestimmt nicht: gut angezogen. Unter Gerhard Schröder wurde das anders: Er wollte nicht nur Spaß haben beim Regieren, sondern dabei auch gut aussehen.

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Latzhosen, Wollpullover, schlabbrige, graue Angestelltenanzüge, Cordsakkos, Hornbrillen von der Kasse. Jahrzehntelang war, wer linke Politik machte, eines ganz bestimmt nicht: gut angezogen. Bewußt grenzte man sich ab von den Karrieristen, denen man ihr selbstsüchtiges Aufstiegsstreben schon äußerlich ansah. Man selbst war ja gut, da brauchte man nicht auch noch gut auszusehen.

Dann wurde mit Gerhard Schröder ein Mann Bundeskanzler, der der Meinung war, daß Regieren Spaß machen sollte. Dazu gehörte der Besuch von Fernsehshows ebenso wie Zigarren, Rotwein und - gute Anzüge. Anzüge von einem Preis, der jedem Traditionsgenossen die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätte: Summen von dreitausend Euro je Stück wurden kolportiert. Und weil Schröder ein Internationalist war, der es nicht für nötig hielt, symbolträchtig einheimische Schneiderware spazierenzuführen, bezog er die Kleider aus jenem Land, dessen Lebensart er sich ohnehin höchst verbunden fühlte: aus Italien.

Linke Hedonisten

Die italienische Modemarke, deren edle Stoffe sich Schröder auf den Leib schneidern ließ, bezog ihren Namen von einer kaum bekannten Inselgruppe vor der Küste Istriens: Brioni (kroatisch Brijuni, nicht zu verwechseln mit dem ebenfalls aus Italien stammenden Künstlerfreund Schröders, dem Maler Bruno Bruni). Schröder und sein Außenminister, der Turnschuhe und Jeans durch den Dreiteiler ersetzt hatte, wurden zu Symbolfiguren einer Regierung, in der sich niemand mehr als Arbeiterführer verstand. In Berlin regierten linke Hedonisten. Die Strickwestenrepublik Helmut Kohls war im Haus der Geschichte angekommen.

Rein optisch machten Schröder und, jedenfalls phasenweise, Joschka Fischer in ihren Designergewändern eine glänzende Figur; da wurde zunächst fast übersehen, daß ihre Politik nur von der Stange war. In ihrem Windschatten wurden auch andere Rot-Grüne zu körperbewußten Fashion Victims: Trittin (siehe auch: Rot-Grün-Lexikon: A wie Atomausstieg) legte seinen Polizistenschnauzer ab, Bütikofer trug die Dreiteiler auf, denen Fischer entwachsen war, und Rudolf Scharping ging beim Versuch, endlich auch ins Hedonistenlager hinüberzuwechseln, auf fast schon tragische Weise baden.

Endgültig vorbei war der Spaß, als Franz Müntefering (siehe auch: Rot-Grün-Lexikon: M wie Münte) SPD-Chef wurde: Statt Italien Sauerland, Pils statt Champagner und ganz gewiß kein Brioni. Auch in Sachen Lifestyle droht Rot-Grün gegen die Konservativen unter der udowalzgefönten Angela Merkel ins Hintertreffen zu geraten.

In einer werktäglichen Serie blickt FAZ.NET zurück: In unserem „Lexikon: Das war Rot-Grün“ schildern wir anhand von Schlagwörtern von A wie „Atomausstieg“ bis Z wie „Zwanzigzehn“, wie wir das fast historisch gewordene rot-grüne Projekt erlebt haben - streng subjektiv und ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Quelle: @jöt
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