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Lexikon Das war Rot-Grün: A wie Atomausstieg

06.06.2005 ·  In einer neuen Serie beleuchtet FAZ.NET, wie das rot-grüne Projekt uns geprägt hat. Heute geht´s los: A wie Atomausstieg. Wie Rot-Grün die Austreibung eines Teufels namens „AKW“ betrieb und wer dabei den Takt vorgab.

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Rot-Grün, so scheint es, ist am Ende. Aus allen Bundesländern ist dieses Regierungsbündnis verabschiedet worden, und daß die rot-grüne Bundesregierung die Neuwahl übersteht, gilt als nicht sehr wahrscheinlich. Doch auf sieben Jahre Regierungskoalition ist Rot-Grün nicht zu reduzieren: Über mehr als zwei Jahrzehnte hat diese Bewegung unsere Gesellschaft geprägt. In einer werktäglichen Serie blickt FAZ.NET zurück: In unserem „Lexikon: Das war Rot-Grün“ schildern wir anhand von Schlagwörtern von A wie „Atomausstieg“ bis Z wie „Zwanzigzehn“, wie wir das fast historisch gewordene rot-grüne Projekt erlebt haben - streng subjektiv und ohne Anspruch auf Vollständigkeit. (FAZ.NET)

„Ooohooohooohooo, Tschernobyl. Das letzte Signal vor dem Overkill. Hey, hey, hey, hey, stoppt die AKW, hey.“ Aus heutiger Sicht kann man sich fragen, was schlimmer ist: Dieser Refrain oder die Tatsache, daß er mir bis heute in den Ohren geblieben ist. Ebenso wie, so peinlich es ist, mindestens noch eine komplette Strophe.

Es war 1986. Seit drei Jahren waren die Grünen im Bundestag, seit einem Jahr regierte Rot-Grün in Hessen. Der Unfall des ukrainischen, damals noch sowjetischen Reaktors hatte die Welt in Angst und Schrecken versetzt, und als wäre das noch nicht furchtbar genug, versammelte der Sänger Wolf Maahn Kollegen wie Klaus Lage, Niedecken und Grönemeyer um sich und sang mit ihnen die Litanei vom Weltuntergang: „Tschernobyl (Das letzte Signal)“. Ich hörte ihnen zu, und als Entschuldigung kann ich nur vorbringen: Ich war fünfzehn.

Musikalische Agitation

Und noch etwas zu meiner Ehrenrettung: Wie simpel der Text, wie vermurkst die Reime waren, das war mir damals durchaus bewußt. Dennoch hinterließ das Lied seine Wirkung, dessen Schöpfer nicht einmal das perfideste Mittel musikalischer Agitation scheute: einen Kinderchor. An der aus so vielen reinen Kehlen tönenden Schuldzuweisung hegte ich keinen Zweifel: „Kanzler und Parteichefs setzen weiter auf Atom, lassen Sonne, Wind und Wasser ungenutzt um uns herum, daß man Kohle filtern kann, scheint sie nicht zu interessier'n, sie verspielen unsere Zukunft, tun grad so, als wollten sie Kaiser Nero in den Schatten stellen, der ja nur eine Stadt in Brand setzte.“

Viele Jahre, bevor Rote und Grüne in der Bundespolitik die Macht übernahmen, waren ihre Positionen in der Umweltpolitik Konsens breiter Teile der Gesellschaft: Wer wäre nicht gegen das Waldsterben, für frische Luft, gegen Kernkraftunfälle? Für einen Regierungswechsel freilich war den Deutschen dieses Feld offensichtlich nicht wichtig genug. Es sollte noch unfaßbare zwölf Jahre dauern, bis die gewissenlosen schwarz-gelben Neo-Neros abgewählt wurden. Rot-Grün allerdings schaltete nicht sofort alle Kernkraftwerke ab, sondern werkelte lediglich am „Einstieg in den Ausstieg“ und einigte sich mit der Energiewirtschaft auf einen „Atomkonsens“. Kritiker bemängelten, daß jedem AKW eine stattliche Laufzeit von 32 Jahren zugestanden wurde - ein Wert, der nach heutigem Stand der vierfachen Laufzeit von Schröders Regierung entspricht.

Was war nochmal „AKW“?

Ein zweites Tschernobyl hat es nicht gegeben, was natürlich dem heldenhaften Kampf von Rot-Grün gegen die Kernkraft zu verdanken ist. Oder womöglich der Tatsache, daß die ganze Aufregung damals völlig übertrieben war? Inzwischen hat sie sich jedenfalls ziemlich gelegt. Fragte man Fünfzehnjährige von heute danach, was das Kürzel „AKW“ bedeutet, dann tippten sie vermutlich auf eine Hip-Hop-Band. Und Wolf Maahn, der im Jahr 2000 für die nordrhein-westfälische SPD den Titel „NRW - volle Kraft voraus!“ schrieb, kennt sicher auch keiner von ihnen.

Von den Radiostationen, lese ich heute, sei das Lied „Tschernobyl“ seinerzeit boykottiert worden - aus Rücksicht auf die deutsche Nuklearindustrie. Sollte das stimmen, dann hat sich inzwischen wirklich ein gewaltiger gesellschaftlicher Umbruch vollzogen. Vielleicht aber galt die Rücksicht der Sender eher den Ohren ihrer Hörer. So oder so wird die Sache für mich nur noch unheimlicher - denn wie um alles in der Welt konnte dieses Lied, wenn es doch nie jemand gespielt hat, auf meiner Mixkassette landen?

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