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Letztes Gefecht Die Armee der Schweiz ist bankrott

19.01.2010 ·  Die Schweizer Armee ist ein zentraler Mythos des Landes. Jeder Eidgenosse hat nicht nur ein Gewehr zu Hause, sondern auch das grüne Soldatenbuch. Jetzt droht dem Heer der Bankrott. Es steht auf so verlorenem Posten wie das Bankgeheimnis und Swissair.

Von Jürg Altwegg, Genf
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Die Swissair ging zu Boden, das Bankgeheimnis ist am Ende: Jetzt droht auch noch der Bankrott der Armee. In zwei Weltkriegen, die sie nicht führen musste, hat sie die Schweiz erfolgreich verteidigt. Nach dem Krieg blieb sie der zentrale Mythos einer Gesellschaft, die die geistige Landesverteidigung nicht weniger ernst nahm als die militärische. Jeder Schweizer hat nicht nur ein Gewehr zu Hause im Schrank, sondern auch das - grüne - „Soldatenbuch“ mit den Verhaltensregeln in scheinbar friedlichen Zeiten: Allzeit wehrbereit, die Landesverteidigung beginnt im Kopf. Erst die Rekrutenschule machte den Schweizer zum Mann.

Jetzt fehlt es an allem: an Geld, Benzin, neuen Waffen. Am Wochenende hat der eidgenössische Armee-Chef André Blattmann 250 hohe Offiziere zum Jahresrapport in der Innerschweiz zusammengezogen. Er zeichnete ein dramatisches Bild der desolaten Lage: „Wir haben in den vergangenen Jahren viele Rüstungsbeschaffungen bewilligt und bestellt. Jetzt trifft die Ware ein, doch wir können sie nicht bezahlen.“ Die Schweizer Armee ist zahlungsunfähig. Mehr als jeden Feind fürchten ihre Strategen den Gerichtsvollzieher - auch wenn juristisch nicht ganz klar ist, wie der Bankrott einer unbesiegten Armee durchgezogen wird.

Ratschläge zur Beobachtung des Nachbarn

Blattmanns politischer Vorgesetzter, der Verteidigungsminister, tingelt ebenso eifrig auf der Suche nach Geld durch die Lande. Es ist der langjährige Präsident der Schweizerischen Volkspartei SVP, Ueli Maurer, auch in Deutschland bekannt für seine Fähigkeit, vierzig verschiedene Grassorten beim Kauen unterscheiden zu können. Als er sein Amt übernahm, versprach Ueli Maurer vollmundig, „die beste Armee der Welt“ zu bilden. Es fehlt auch an der richtigen Überzeugung. Während des Kalten Krieges hielt die Armee die Schweiz im Innern zusammen. Die Karrieren in den Banken und in der Wirtschaft wurden über Seilschaften im Militärdienst organisiert. Manager mussten Offiziere sein. In der Armee begegneten sich die Männer aus den verschiedensprachigen Landesteilen - sie war der eidgenössische Zement. Wer sich mit ihr anlegte, wurde schnell als Landesverräter, zumindest Nestbeschmutzer, an den Pranger gestellt: wegen Defätismus in der geistigen Landesverteidigung. In der Primarschule wurden Kriegslieder gesungen, in Viererkolonne wurde auf dem Pausenplatz marschiert.

Die großen Kulturskandale der Epoche hatten fast ausnahmslos mit der Armee und dem Zweiten Weltkrieg zu tun. Niklaus Meienberg enthüllte die Erschießung der „Landesverräter“. Die „Gruppe Olten“ spaltete sich vom Schriftstellerverband ab, weil eines seiner Mitglieder das - rote - „Zivilverteidigungsbuch“ als Ergänzung zum „Soldatenbuch“ mitverfasst hatte. Es wurde in alle Haushalte verteilt und enthielt auch Ratschläge zur Beobachtung des Nachbarn. 1989 feierten die Schweizer als einziges Land der Welt den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs fünfzig Jahre zuvor - mit „Diamantfeiern“, die der Mobilmachung gedachten.

Die Finanzkrise besorgt den Rest

Doch im selben Jahr gab es auch eine Abstimmung zur Abschaffung der Armee, inspiriert von der deutschen Friedensbewegung. Max Frisch, der im Krieg als Soldat gedient hatte, engagierte sich mit seinem „Palaver“ gegen die nationale Institution und wurde angefeindet. Die Abstimmung wurde nicht gewonnen, aber eine Million Schweizer sagte ja. Das war der Beginn einer langsamen Abwicklung - das helvetische Pendant zum Fall der Berliner Mauer. Nur merkte man das erst Jahre später. Die Armee wurde umgebaut, die Dienstzeit verkürzt. Truppen werden zum Üben - weil die Schweizer den Lärm nicht vertragen und die Natur schützen wollen - ins Ausland geschickt; auch zu Friedenseinsätzen. Selbst die ideologischen Scharfmacher von einst, die Max Frisch als „ehemaligen Schriftsteller“ bezeichneten, haben inzwischen andere Sicherheitsvorstellungen für das Land. Um den Mythos Milizarmee steht es so schlecht wie um das Bankgeheimnis: auf verlorenem Posten. Die Feinde im Innern haben gesiegt, die Finanzkrise besorgt den Rest.

Der Held der Schweizer Landesverteidigung ist nicht mehr der wachsame, allzeit wehrbereite Bürger mit dem „Zivilverteidigungsbuch“ im Kopf und dem Sturmgewehr unter dem Bett: Auch über die Waffen zu Hause wird nächstens abgestimmt, die Frauen fühlen sich längst mehr bedroht denn beschützt. Das neue Vorbild ist der Beamte, der im Militärdepartement den besten Vorschlag für Sparübungen machte. Ihn hat André Blattmann in seinem Rapport zur Lage der Armee besonders gelobt. Seine atemberaubende Idee war statt neuer Reifen für die Schützenpanzer Aufgummierung der alten. Damit kann die Armee jährlich zwei Millionen sparen: Der Mitarbeiter bekam zur Belohnung 11.000 Franken.

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