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Lesen & Schreiben Wie antworten? Andreas Maier und Dostojewski

24.03.2002 ·  „Ich verdanke diesem Russen viel für mein Leben“, sagt Andreas Maier über Dostojewski. Für den jungen Autor eine Verpflichtung zum Schreiben.

Von Fridtjof Küchemann
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Nach allem, was er Dostojewski für sein Leben verdanke, erzählt Andreas Maier auf der Leipziger Buchmesse, habe er nicht einfach behaupten können, er selbst wolle mit dem Schreiben nichts zu tun haben.

„Dieser Russe hat etwas getan, und ich habe etwas davon gehabt“, hat sich der Autor vor Jahren gesagt. „Wem gegenüber soll ich da jetzt Dankbarkeit zeigen? Er ist doch schon lange tot.“ Es sei etwas wie ein Aufruf gewesen, den er in sich spürte, erinnert sich Andreas Maier in einem Gespräch über das eigene Schreiben und das Lesen.

Sofort anfangen zu schreiben

Dann kommt der Autor von „Wäldchestag“, dessen zweiter Roman „Klausen“ soeben erschienen ist, auf Nietzsche: „Später habe ich in den 'Unzeitgemäßen Betrachtungen' gelesen, warum die Bürgergesellschaft die Künstler zu Genies erklärt: Um nicht erkennen zu müssen, dass der Künstler einfach unendlich viel mehr gearbeitet hat als der Bürger selbst, sich unendlich mehr selbst durchgebildet hat. Er nennt ihn ein Genie, der ist einfach anders, der ist halt so.“

So könne der Bürger vermeiden zu bemerken, dass Kunst nicht nur eine Frage von Begabung sei, sondern von Entschluss, Tat und Arbeit. „Und wenn man so etwas liest, fühlt man sich wie ein Schwein, wenn man nicht sofort anfängt zu schreiben.“

Froh um jedes Buch, das keine Schullektüre war

Andreas Maier erzählt aus den letzten Jahren seiner Schulzeit: Zufällig hatte er in einer Anthologie die Gedichte eines Lehrers gefunden, der an seiner Schule unterrichtete. Zum ersten Mal war mit dieser Entdeckung „diese Trennung Buch - Autor sinnlich erlebbar überwunden worden. Es hat mich fassungslos gemacht.“

Mit den Büchern, die der heute in Südtirol lebende Schriftsteller in der Schule lesen sollte, habe er allerdings noch Jahre später Schwierigkeiten gehabt. „Ich bin froh um jedes Buch, das ich nicht auf der Schule gelesen habe“, erklärt er. „Wenn mir jemand, den ich nicht mag, nämlich ein Lehrer, Zugang zu einem Buch verschaffen will - das halte ich für zutiefst unglaubwürdig. Das Buch bekommt sofort den falschen Assoziationshintergrund.“ Wenn ihn Eltern oder Lehrer aufgefordert hatten, doch mehr zu lesen, habe er sich Literatur nur als etwas grauenhaft Langweiliges vorstellen können.

Die eigenen sprachlichen Klischees realisieren

Auch unter den „Buddenbrooks“ konnte sich der Autor als junger Mann lange Zeit nur etwas sehr Verstaubtes vorstellen. Als er das Buch Jahre später las, habe es ihn richtig durchgeschüttelt. Andreas Maier war begeistert.

Prosa im Thomas-Mann-Stil, Gedichte à la Gottfried Benn standen auch am Anfang seines eigenen Schreibens. „Es ging aber erzählerisch nicht weit. Ich habe nie einen Bogen geschafft, der länger war als vier oder fünf Seiten. Dann ist der Text immer in sich zusammengebrochen.“ Schließlich begann der angehende Schriftsteller zu bemerken, worauf sich sein eigenes Schreiben bezieht: „Ich habe Jahre gebraucht, um mich über meine eigenen sprachlichen Klischees aufzuklären. Bis ich irgendwann einen Zipfel zu fassen bekam, bei dem ich das Gefühl hatte: Hier ist etwas, an dem ich mich festhalten kann.“ Nicht mehr als ein Gefühl sei das gewesen: Andreas Maier merkte, wie er zunehmend längere Texte schreiben konnte, ohne angewidert abzubrechen.

Unvorstellbar: der Leser, der nicht schreibt

Eng ist die Verbindung zwischen Lesen und eigenem Schreiben für Andreas Maier. „Ich lese heute völlig anders als vor 15 Jahren. Ich lese 'Josef und seine Brüder' und merke, da sind 50 Seiten, die gehören da nicht rein.“ Je stärker der Autor mit der Perspektive eines Schriftstellers liest, umso weniger kann er sich das Lesen ohne Antwort vorstellen: „Ich habe überhaupt keine Ahnung, wie es im Kopf eines Lesers zugeht, der nicht schreibt. Der ist für mich das fremdeste Wesen überhaupt.“

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Jahrgang 1972, Redakteur im Feuilleton.

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