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Lesen lernen in fünf Tagen? Der Schulpartisan aus Weilmünster

30.09.2009 ·  Im Eilverfahren: Ein Lehrer aus der hessischen Provinz will sich nicht damit abfinden, dass die Kinder bei uns schlechter lesen als anderswo in der Welt. Sein einwöchiger Lese-Crashkurs ist vor allem ein großes Spiel.

Von Sandra Kegel
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„Welches Tier beginnt mit einem Q?“ - fragt der Lehrer, und der Fünfjährige antwortet ganz selbstverständlich: „Die Kuh“. Es ist der zweite Tag eines ambitionierten Selbstversuchs mit Wolfgang Heller, und spätestens jetzt kommen den Eltern Zweifel. Ist die Mission des Grundschullehrers aus Weilmünster nicht doch etwas kühn? Denn wofür man sonst Monate braucht, und was manchem ein ganzes Leben lang nicht gelingt, nämlich lesen zu lernen, das will der Lehrer in wenigen Tagen vermitteln.

Ein Visionär, unverkennbar, den Mann aus dem hinteren Taunus treibt das ganz Große um, eine förmliche Revolution, auch wenn er das selbst nicht so nennen würde. Und bislang ist es freilich auch nur eine Ein-Mann-Revolution im Verborgenen. Seit mehr als vierzig Jahren unterrichtet der Vierundsechzigjährige an der Grundschule von Weilmünster. Das ist ein heimeliger Ort mit strahlend weißen Häuschen zwischen den umliegenden Hügeln. Heller hat Weilmünster nur zum Studium in Gießen verlassen, dann kam er zurück. Im nächsten Jahr wird er pensioniert. Doch statt sich darauf zu freuen, brodelt es in ihm: Warum lernen die Kinder in diesem Land nicht so gut lesen wie anderswo in der Welt? Warum brauchen sie so lange, warum quälen sie sich so? Warum werden sie eher zu Legasthenikern erklärt, als dass man mit ihnen anständig übt? Damit, sagt er, kann er sich nicht abfinden. Und verfolgt seinen Plan mit sturer Leidenschaft.

Dass es mit der Lesefähigkeit von Kindern in Deutschland nicht zum Besten steht, ist bekannt. Die große Schockwelle nach der Pisastudie 2000 liegt schon wieder einige Jahre zurück, die dreiundzwanzig Prozent der Fünfzehnjährigen hierzulande bescheinigte, zu der Risikogruppe der schwachen bis extrem schwachen Leser zu zählen. Dass ein Viertel der Jugendlichen mithin kaum oder gar nicht lesen kann, rief Politiker, Wissenschaftler, Lobbyisten auf den Plan. Es wurde geredet und gestritten, auf Konferenzen und in Plenarsälen, an den Zahlen änderte das kaum etwas. Im Gegenteil, sagt man etwa bei der „Stiftung Lesen“: Die Schere zwischen denen, die lesen können, und denjenigen, die es nicht können, gehe immer weiter auseinander.

Gründe dafür kennen die Bildungsforscher viele. Vor allem den Söhnen aus sozial schwachen, bildungsarmen Familien mit hohem Medienkonsum fällt das Lesen schwer. Sie sind es auch, denen zu Hause nur selten vorgelesen wird, was für das Lesenlernen entscheidend ist. Doch Eltern wollen sich dafür oftmals nicht mehr die Zeit nehmen. Und in Kindergärten werden inzwischen zwar Gewaltprävention und Englischkurse angeboten, zum Buch hingegen greifen die Erzieherinnen viel seltener als vor fünfzehn oder zwanzig Jahren.

Ein irritierender Befund: Produziert denn nicht der Buchmarkt so viele Bücher wie nie zuvor, für Erwachsene wie für Kinder und Jugendliche? Und trotzdem wird immer weniger gelesen? Die Deutschen finden lesen wichtig, sagen sie - tun es aber nicht. Von den Erwachsenen nimmt jeder Vierte nie ein Buch zu Hand, vier Millionen Deutsche gelten sogar als funktionale Analphabeten, die kaum mehr lesen und schreiben können als den eigenen Namen. Weil nur die wenigsten Alphabetisierungskurse besuchen, bleibt die Zahl seit Jahren konstant. Und bei den Vierzehn- bis Neunzehnjährigen gibt in Umfragen fast die Hälfte an, als Kind nie ein Buch geschenkt bekommen zu haben.

Ist es da ein Wunder, wenn Kinder mit Lesen und Schreiben auf Kriegsfuß stehen? Wolfgang Heller will sich mit Erklärungsansätzen nicht abfinden und kämpft als Partisan im hessischen Outback gegen die Misere an. „Ich akzeptiere es nicht, wenn ein Kind nicht lesen kann“, sagt er. Er selbst habe in mehr als vierzig Jahren nicht einen Schüler nach der vierten Klasse gehen lassen, der nicht lesen und schreiben konnte.

Ungeschickt stellt er sich dabei jedenfalls nicht an: Der einwöchige Lese-Crashkurs, den Heller für Kindergartenkinder und Grundschüler anbietet und der je nach Konzentrationsfähigkeit der Kinder zwischen dreißig und neunzig Minuten dauert, ist vor allem ein großes Spiel. Da werden mit Buchstaben-Karten Memorys gelegt, aus Würfeln, Mensch-ärgere-dich-nicht-Figürchen und dem Alphabet ein Brettspiel gezaubert, und jedem Buchstaben ist auf bunten Kärtchen ein Tier zugeordnet. Weil die Kinder, glaubt Heller, die abstrakten Zeichen leichter verinnerlichten, wenn sie Vertrautes damit verbinden. Die Materialien hat er unter http://www.kinder-lernen-lesen.de/ kostenlos ins Internet gestellt.

Nachdem unser Testkind am ersten Tag die Buchstaben kennenlernte, indem es sie den Tieren zuordnen sollte, steht am zweiten Tag schon Lesen auf der Agenda. Das Kind soll einfache Silben bilden und erste Wörter wie „Kino“ oder „Oma“. Am vierten Tag kommen die schwierigen Buchstaben hinzu: B wie Bär zum Beispiel oder N wie Nashorn. Jeden Tag aufs Neue legt das Kind die Buchstabenkärtchen zu neuen Wörtern zusammen, malt sie dann nach und liest sie laut vor. Immer wieder fährt der Finger über das Wort, um Silbe für Silbe den Sinn zu erfassen. Das sei ein entscheidender Moment, sagt Heller, „zu erkennen, welcher Begriff sich hinter den Buchstaben versteckt“. Nicht immer ist der leicht zu fassen, denn aus dem Kindermund tönt es unverständlich „Mmmmaaaammmmiiiii“ oder: „Pppuuullliiiii“. Auch den Computer setzt der Lehrer ein, um das Kind die Buchstaben eintippen zu lassen. Anfangs irrt der kleine Zeigefinger ziellos über die Tastatur, doch wenig später finden sich die Buchstaben immer schneller.

Entwickelt hat Heller seine Methode auf der Basis eines Leseexperiments aus Frankreich, dem Land, das bei Pisa noch schlechter abschnitt als Deutschland. Das französisch-schweizerische Pädagogenpaar Claude Huguenin und Olivier Dubois hat eine ebenfalls spielerische Methode des Lesenlernens für Vorschulkinder entwickelt, genannt „La planète des Alphas“, und dafür zehn Tage veranschlagt. Immerhin vier der zehn Kinder konnten am Ende eines öffentlichen Experiments aus dem Jahr 2006, wie der anwesende Notar beglaubigte, einfache Worte und Sätze lesen. Heute werden die „Alphas“ im französischsprachigen Raum bereits eingesetzt, berichtet die Unesco, die das Projekt unterstützt, vor allem in Hinblick auf die Bekämpfung von Analphabetismus in der Dritten Welt. In Deutschland zählt der Münchner Bildungswissenschaftler Wassilios Fthenakis zu den Unterstützern, die die Leseförderung in Kindergärten stärken wollen.

Wolfgang Heller möchte nicht falsch verstanden werden: Ihm geht es nicht darum, Kinder auf Höchstleistungen zu trimmen, und auch die Schule will er nicht neu erfinden. Ein bisschen schneller könne es aber durchaus gehen, meint er, denn dann bliebe mehr Zeit für Inhalte, „und die sind beim Lesen ja das eigentlich Spannende“. Dem Leser stehe die Welt offen, die mehr sei als das, was sich in den Lehrsätzen der Fibeln widerspiegele: „Die Kuh steht auf der Wiese“. Dass in der Schule der Leselehrgang auf zwanzig bis fünfundzwanzig Wochen angelegt sei, die Kinder jeden Tag aufs Neue endlose Buchstabenkolonnen in die Hefte schreiben müssten, ist dem Lehrer ein Graus. „Wir halten die Kinder zu lange vom Lesen zurück“, findet er und kritisiert damit auch die Schulbuchverlage, die hier den Takt vorgeben.

Und wie steht es um den Erfolg seiner Methode? Unser Probekind kann nach fünf Tagen immerhin Worte wie „Tomate“ und „Mona“ und einfache Sätze wie „Du isst Salat“ lesen. Allerdings, muss man einschränken, nur in Großbuchstaben. Für Thomas Mann reicht das noch nicht, für Lucy Cousins hingegen schon. Und darauf kann man ja aufbauen. Zum Beispiel in der Schule.

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Jahrgang 1970, Redakteurin im Feuilleton.

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