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Leon de Winter zum Sechzigsten : Dieser Mann lässt es krachen

  • -Aktualisiert am

Von dem niederländischen Schriftsteller Leon de Winter ist zuletzt der Roman „Ein gutes Herz“ erschienen Bild: Joost van den Broek/Hollandse Ho

Für seine politischen Äußerungen ist er umstritten, für seine Romane wird er geliebt. Zudem stellt der niederländische Schriftsteller Leon de Winter sein Judentum selbstbewusst ins Zentrum des Werks. An diesem Mittwoch wird er sechzig Jahre alt.

          Das lakonische niederländische Wort für Schriftsteller lautet „schrijver“. Und wenn unser Nachbarland einen Schreiber im besten Sinn des Wortes kennt, dann Leon de Winter. Seit er zwanzig ist, legt dieser Erzähler einen Roman nach dem anderen vor. Er hat sich als Kolumnist in die Debatten über Zuwanderung, Islamisierung und Rechtsextremismus eingemischt. Gleichzeitig legt er Wert darauf, sein Publikum zu unterhalten, verkauft hohe Auflagen und sorgt für Filmdrehbücher mit einer Professionalität, die dem subventionierten Literaturbetrieb Hohn spricht.

          Gleichzeitig sollte man das Missverständnis vermeiden, Leon de Winter unter die seichten Unterhalter einzuordnen. Wenn der Mann seine jüdischen Helden in Thrillern durch die halbe Welt jagt und den israelischen Geheimdienst in obskure Intrigen verwickelt, wenn eine alte jüdische Dame mit Waffen im Gepäck in den Bosnien-Krieg aufbricht oder ein jüdischer Gangster seinen Sohn in Amsterdam aus einem muslimischen Geiseldrama rettet, dann richtet sich De Winters Blick auf eine Welt, deren Ausrottung seine Eltern im Versteck mit knapper Not überlebten. Anstatt den vermeintlichen Skandal des Überlebens schamhaft zu beschweigen oder wenigstens kein Aufsehen mehr um die auferlegte Besonderheit nach 1945 zu machen, stellt Leon de Winter sein Judentum in den Mittelpunkt - gerade auch in den absurdesten Abenteuern.

          An jüdische Riten montierte Supermänner

          Ihm hat diese Sturheit, zu den eigenen Wurzeln zu stehen und sie in die Verästelungen seiner Bücher wachsen zu lassen, böse Anfeindungen eingebracht. Theo van Gogh, später von einem muslimischen Fanatiker ermordet, nahm De Winter als eine Art Auschwitz-Masochisten obszön und geschmacklos immer wieder aufs Korn. De Winter dürften solche Attacken nur in seinem Auftrag bestärkt haben.

          Denn so amerikanisch geschäftsmäßig dieser Romancier sich gibt - einen Auftrag hat er, und da wirkt er sehr verletzlich und von der Brutalität dieser Welt erschüttert. Letztlich speisen sich seine jüdischen und darum immer sehr ambivalenten Heldengeschichten aus der Kinderhoffnung, man könnte über diese Religionsgemeinschaft heute einfach so fabulieren, sich aus ihrem Bestand an Riten und Mythen seine Supermänner montieren - obwohl die Geschichte Europas Juden eine Identität im Schlagschatten der Schoa aufgezwungen hat.

          Seine Helden sind Kämpfer, zur Not auch Mörder

          Geboren in ’s-Hertogenbosch, wurde de Winter mit der Bedrohtheit zwangsläufig konfrontiert. Außer einer Tante war die große Familie ermordet worden. Nachdem sein Vater, ein wohlhabend gewordener Altmetallhändler, mit 52 Jahren starb, begann sein Sohn baldmöglichst, selbst mit Geschichten zu handeln. Bezeichnend, dass er nicht in einem elitären Seminar sein Fundament fürs Erzählen legte, sondern auf der Amsterdamer Filmakademie. Mit einigen Freunden warf er die Studien bald hin, gründete eine Produktionsgesellschaft, ging auf den Markt. Mehrere seiner Romane wurden später verfilmt.

          Gemütliche Reflexion wie bei Cees Nooteboom, philosophische Grundierung wie bei Harry Mulisch, ostjüdisch-verschrobene Psychologie wie bei Arnon Grunberg, das ist de Winters Sache nicht. Lieber lässt er es krachen, seine Helden ihre Fähigkeiten als Kämpfer, zur Not auch Mörder, entdecken, supersexy Verführerinnen um die Ecke biegen und zieht als erzählerisches As jederzeit die unmöglichste Wendung aus dem Ärmel.

          Politisch umstrittene Zwischenrufe

          De Winters politische Einwürfe, die auch in deutschen Medien regelmäßig für Diskussionen sorgen, sind doppelbödig wie sein romanhaftes Oszillieren zwischen Zynismus und Moral. Einerseits hält De Winter Solidarität mit und Sympathie für Israel für geboten, zieht gegen eine politische Korrektheit zu Felde, die blind ist für die Menschenrechtsverletzungen islamischer Fanatiker. Der Islamismus ist für ihn „der Faschismus des 21. Jahrhunderts“. Dass De Winter dabei Sympathie für George W. Bush entdeckte und den Irak-Krieg freudig begrüßte, mag er am jämmerlichen Ende dieser Kreuzzüge mit seinem Gewissen ausmachen.

          Gleichzeitig hat derselbe, also gar nicht so unsensible De Winter in seinem Science-Fiction-Roman „Das Recht auf Rückkehr“ dem Staat Israel in einem Meer von Feinden miserable Zukunftsaussichten attestiert. Er hat, als das schwer verschrien war, in der wunderschönen Erzählung „Serenade“ die serbischen Massaker in Bosnien (und das europäische Wegschauen) mit der Ermordung der Juden verglichen. Und er hatte die Größe, im Roman „Ein gutes Herz“ sein Lieblingsekel Theo van Gogh im Intellektuellenhimmel mit dem - im Roman jedenfalls - eher transusigen und hinterhältigen Leon de Winter zu versöhnen.

          Solche Wunder lässt De Winter in seinen Romanen immer wieder geschehen. Für das Frankfurter Hollandmädchen Anne Frank aber gab es kein Happy End; gemeinsam mit seiner Frau Jessica Durlacher schreibt Leon de Winter derzeit an einer Drama-Fassung ihres Tagebuchs. Mit Würdigerem und Passenderem könnte sich dieser ebenso vielseitige wie homogene Schreiber rund um seinen sechzigsten Geburtstag an diesem Mittwoch nicht befassen.

          Quelle: F.A.Z.

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