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Leni Riefenstahl : Die Traumtänzerin

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Leni Riefenstahl, 1902 - 2003 Bild: dpa

Bis ins hohe Alter von 101 Jahren waren ihre Person und ihr Schaffen umstritten: Jetzt ist die Regisseurin Leni Riefenstahl in ihrem Haus am Starnberger See gestorben. Ihre berühmtesten Filme drehte sie unter Hitler.

          Leni Riefenstahl, die vorgestern im Alter von 101 Jahren gestorben ist, gehörte zu den umstrittensten Persönlichkeiten des Jahrhunderts. Wie kaum ein anderer Künstler wird sie seit Jahrzehnten mit nicht nachlassender Intensität verehrt und gehaßt. Ihre beiden Filme über die Olympischen Spiele in Berlin, "Fest der Schönheit" (1936) und "Fest der Völker" (1938), haben ihr den Ruf eingetragen, zu den größten Filmregisseuren überhaupt zu gehören. Andererseits gilt "Triumph des Willens", ihr Filmbericht über den Nürnberger Reichsparteitag von 1934, als Muster eines propagandistischen Sündenfalls. Sie als große Künstlerin zu feiern war übrigens die Idee junger französischer Kritiker und amerikanischer Avantgardefilmer.

          Triumph des Willens könnte das Motto ihres Lebenslaufs heißen. Bereits die einundzwanzigjährige Berlinerin gibt Soloabende als Ausdruckstänzerin an Max Reinhardts Deutschem Theater und begeistert die Kritiker. Der Naturfilmer Arnold Fanck widmet ihr den Film "Der heilige Berg, geschrieben für die Tänzerin Leni Riefenstahl", in mehreren Fanck-Filmen spielt sie die Hauptrolle. Mit vierundzwanzig Jahren kann sie schon zwischen zwei Karrieren wählen. Sie gibt den Tanz auf, um nur noch Filmschauspielerin zu sein. Mit dreißig führt sie zum ersten Mal Regie, ihr eigener Film "Das blaue Licht" wird ein sensationeller Erfolg. In der Nazizeit bekommt sie von Hitler eine Art Blankoscheck, so daß sie mit praktisch unbegrenztem Aufwand arbeiten kann. Nach dem Krieg wird ihr Name zum Inbegriff künstlerischen Handlangertums. Aber sie übersteht zäh alle Angriffe, und tatsächlich gelingt ihr mit dem Bildband "Die Nuba" 1973 eine international beachtete zweite Karriere als Fotografin. Sie hat sich schließlich, schon in hohem Alter, der Unterwasserfotografie zugewandt, darüber ein Buch veröffentlicht und noch im vergangenen Jahr einen jahrelang vorbereiteten Dokumentarfilm notdürftig fertiggestellt.

          Ungeheure Naivität

          Aber einmal Nazi, immer Nazi: Das war das Schema, nach dem viele, auch prominente Autoren Leni Riefenstahls Lebenswerk zu deuten suchten. So vermutete Siegfried Kracauer schon in den frühen Bergfilmen die Anzeichen des kommenden Faschismus, und umgekehrt deutete Susan Sontag die späten Nuba-Fotos als Dokumente eines unbelehrbaren, im Kern nationalsozialistischen Körperkults. Aber der Faschismus war nicht das Leitmotiv dieses langen Lebens, viel eher ein wirklichkeitsfernes, neuromantisches Traumtänzertum. Die Choreographien ihrer Jugendjahre tragen Titel wie "Traumblüte" und "Orientalisches Märchen", ihr Film "Das blaue Licht" erzählt eine Legende, die Unterwasseraufnahmen, die sie im hohen Alter macht, wirken wie die Tropfsteinhöhlen eines unterirdischen Zauberbergs. Ihre Propagandafilme werden dadurch nicht harmloser, aber man ahnt doch etwas von der ungeheuren Naivität, die zeitlebens zu dieser Karrierekampfmaschine gehörte.

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