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Lena Olin zum Sechzigsten : Ihr Bild in den Spiegeln

Sinnliche Intelligenz: Lena Olin, 1990 Bild: interTOPICS/mptv

Eine Frau, von der eine traumhafte Aura zwischen selbstbewusster Überlegenheit und mädchenhafter Zerbrechlichkeit ausgeht: Die Schauspielerin Lena Olin wird an diesem Sonntag sechzig Jahre alt.

          Man müsste neben ihr gestanden haben, am Set von „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“, in der Szene, in der Sabina in schwarzer Unterwäsche und mit Bowler-Hut auf dem Kopf über dem Rundspiegel kniet, der neben ihrem Bett in ihrem Maleratelier auf dem Boden liegt. Aber da stand oder saß natürlich Daniel Day-Lewis als Sabinas Liebhaber Tomáš und sah ihr vom Bettrand aus zu, wie sie sich betrachtete. Ansonsten waren wohl nur noch der Kameramann Sven Nykvist, der Regisseur Philip Kaufman und ein oder zwei Tonleute im Raum, um eine Szene aufzunehmen, die zu den bleibenden Momenten des Kinos gehört, weil sie die Mischung aus melancholischem Narzissmus und verspieltem Tiefsinn, die Milan Kunderas Prosa auszeichnet, so elegant in Bilder übersetzt wie keine andere in diesem Film. Und auch in keinem anderen Film. Kaufmans Adaption ist bis heute der einzige ernsthafte Versuch geblieben, Kundera zu verfilmen, und dass sie gelang, liegt zu einem nicht geringen Teil an Lena Olin.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Damals war sie zweiunddreißig. Sie hatte das Gesicht einer erwachsenen Frau, aber noch den Körper der Zwanzigjährigen, die 1975 zur Miss Scandinavia gewählt worden war und mit gurrender Stimme flapsige Liebesliedchen auf Single-Schallplatten gesungen hatte; und aus diesem Kontrast zwischen selbstbewusster Überlegenheit und mädchenhafter Zerbrechlichkeit erwuchs die traumhafte Aura ihrer Filmfigur. Zwei Jahre später, in Sydney Pollacks „Havana“, in dem sie die Frau eines kubanischen Revolutionärs spielte, hatte sich ihre Ausstrahlung schon deutlich in Richtung der reifen Schönheit verschoben, die sie in den folgenden Jahren spielte, mal als Femme fatale wie in „Romeo is Bleeding“, mal als verliebte Ärztin neben Richard Gere in „Mr. Jones“, mal als Opfer männlicher Gewalt wie in „Chocolat“, einem Film ihres Ehemanns Lasse Hallström, der wie sie ein berufliches Zuhause in Hollywood gefunden hat.

          Mit Daniel Day-Lewis in „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ (1988) Bilderstrecke
          Mit Daniel Day-Lewis in „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ (1988) :

          Ab 2002 war Lena Olin dann auch drei Jahre lang im Fernsehen zu sehen, als Mutter der Heldin in der Actionserie „Alias“, und es tut ihrer Filmkarriere keinen Abbruch, wenn man zugibt, dass diese Rolle, in der sie ihre körperliche Präsenz so stark wie selten ausspielen durfte, zu ihren besten gehört. Wie die meisten großen schwedischen Schauspielerinnen der letzten fünfzig Jahre wurde auch Lena Olin von Ingmar Bergman entdeckt. In „Fanny und Alexander“ und „Von Angesicht zu Angesicht“ hatte sie kleinere Auftritte, in „Nach der Probe“ gab ihr Bergman dann die Hauptrolle der Kindfrau Anna, die in Erland Josephson die Vision seiner großen, tragischen Liebe heraufbeschwört, und mit diesem Film begann ihr Aufstieg zum Ruhm.

          Außerdem trat sie fast fünfzehn Jahre am Königlichen Theater in Stockholm auf, sie spielte Shakespeare, Strindberg, Goldoni, Bulgakow, Bond, all die großen Frauen der Bühne; als Cordelia ging sie mit Bergmans Inszenierung des „Lear“ auf Welttournee. Diese Erfahrung schwingt bis in ihre jüngsten Auftritte mit, etwa als Auschwitz-Überlebende in Stephen Daldrys „Vorleser“, wo sie Ralph Fiennes eine Lektion in Geschichtsbewusstsein erteilt, oder in „Nachtzug nach Lissabon“, wo sie eine ähnliche Figur mit Obertönen von Reue und Verbitterung versieht. Und dennoch würde man sie auch gern wieder in anderen, weniger retrospektiv angelegten Rollen sehen, in denen sie mehr von der sinnlichen Intensität zeigen darf, die sie in der „Unerträglichen Leichtigkeit des Seins“ gezeigt hat. Am kommenden Sonntag wird Lena Olin sechzig Jahre alt.

          Quelle: F.A.Z.

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