Home
http://www.faz.net/-gqz-b03
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Leipziger Zoo Der Regenwald liegt vor der Haustür

 ·  In Leipzig öffnet Gondwanaland, die neue Tropenhalle des renommierten Zoos. Mit ihr wird ein Konzept der Tierpräsentation verfolgt, das wohl nicht nur die Besucher erfreut. Ein Rundgang durch ein kleines Paradies.

Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (3)

Mitten im Urwald liegt ein englischer Garten. Zumindest hat es diesen Anschein, wenn man mit dem Boot aus dem dunklen Höhlengang in die Helligkeit der Halle von Gondwanaland hinausgefahren ist und sich plötzlich backbord eine Lücke in der wuchernden Uferbepflanzung öffnet, die einen feingestutzten Zierrasen bis an den Wasserlauf reichen lässt.

Es ist eine Idylle im tropischen Überschwang der Vegetation, doch die Bewohner dieses wohlgepflegten Areals lassen sich nicht blicken. Man möchte angesichts des zarten Grüns gern glauben, dass es kultivierte Rücksichtnahme auf ihr kleines Paradies ist, die sie vom Betreten des Rasens abhält. Aber verfügen Schabrackentapire über die dafür nötige Vernunft?

Zumindest sind Tapire sehr sensibel. Das erfährt man von Jörg Junhold, dem eigentlichen Herrn über die neue Tropenwelt, die sich mitten in Leipzig befindet. Junhold ist der Direktor des hiesigen Zoos, den er seit seinem Amtsantritt 1997 zu einem der fortschrittlichsten und bestbesuchten in Deutschland ausgebaut hat. Der vorletzte (und zugleich größte und mit fast 67 Millionen Euro teuerste) Schritt seines Masterplans auf dem Weg zum „Zoo der Zukunft“ ist am vergangenen Freitag nach vierjähriger Bauzeit getan worden: In Leipzig hat Gondwanaland eröffnet, eine 16.000 Quadratmeter große Tropenhalle, in der vierzig Tierarten leben, die jenen Kontinenten entstammen, deren Landmassen vor zweihundert Millionen Jahren noch zusammengehörten und damals einen Großkontinent bildeten, dem die Wissenschaft den Namen „Gondwana“ gegeben hat. In Gondwanaland finden sich deshalb Spezies aus Asien, Afrika, Südamerika und Australien.

Stau im Opossum-Tunnel

Darunter sind die sensiblen Tapire aus Südostasien, die zwar schon seit Monaten in Leipzig leben, aber ihren neuen Lebensraum in der riesigen Halle erst beziehen konnten, als dort alle Pflanzen gesetzt, alle Wasserflächen gefüllt und alle Wege angelegt waren. Denn in Gondwanaland gibt es keine klassischen Gehege oder gar Käfige mehr. Die Tiere sind schlimmstenfalls durch Glasscheiben von den Besuchern getrennt, ansonsten bilden Gewässer, Abhänge oder Pflanzenbarrieren die einzigen Absperrungen. Da aber die Fertigstellung vieler dieser Anlagen erst im letzten Moment erfolgte, konnten sich die Tapire ans neue Domizil noch nicht gewöhnen: Statt aufs frische, aber ungewohnte Gras zu treten, bleiben sie lieber in ihrer Behausung und damit vorerst unsichtbar. Die drei in der Halle vertretenen Raubkatzen, Ozelot, Serval und Fischkatze, seien ähnlich empfindlich; den Serval habe nicht einmal er bisher im Freien in der Halle gesehen, sagt Jörg Junhold.

Er sieht nicht so aus, als bereite ihm das Sorgen: „Unser Anspruch ist, die Tiere so artgerecht zu halten, wie das in einem Zoo nur möglich ist. Und dazu gehört, dass sie sich zurückziehen können. Die Tiere sind uns wichtiger als die Besucher.“ Und die Besucher scheinen das zu honorieren. Nur vereinzelt regt sich im Gondwanaland am Eröffnungstag Befremden über Flächen ohne sichtbare Bewohner, und umso lauter wird der Triumph verkündet, wenn beim dritten Rundgang durch die Halle doch noch das Zwergflusspferd in sein Wasserbecken steigt, wo man es durch Glasfenster beim Tauchen beobachten kann.

Längst nicht alle Tiere haben Anpassungsschwierigkeiten an die mit minimal 26 Grad und sechzig bis achtzig Prozent Luftfeuchtigkeit betriebene überdachte Tropenlandschaft. Der Superstar des Leipziger Zoos, eine amerikanische Opossumdame mit Silberblick namens Heidi, die durch die hier gedrehte Zoo-Dokusoap-Serie „Elefant, Tiger und Co“ zum Sympathieträger wurde, wandert unbeirrt durch ihr Areal im abgedunkelten Bereich des Eingangstunnels, mit dem sonst nachtaktive Tiere auf Besucherzeitverträglichkeit gebracht werden. Ihre Bewunderer schaffen das einzige logistische Problem des Eröffnungstages, einen Stau im Tunnel.

Zeitreise durch die Evolutionsgeschichte

Das Zeug zum neuen Publikumsliebling aber hat vor allem ein Sunda-Gavial aus Indonesien. Kein anderes Tier präsentiert sich so besucherfreundlich wie dieses drei Meter lange Krokodil, das sich vor dem Schaufenster seines Unterwasserbereichs mit den Bewegungen einer Tänzerin in voller Länge ans Glas drückt. Die Kinder vor dem Fenster fahren mit den Händen seine Bewegungen nach, und so entsteht ein Pas de deux von Mensch und Raubtier, von dem selbst Walt Disney nur hätte träumen können.

Disney ist ein Name, der häufig fiel, wenn von Gondwanaland während der letzten Jahre die Rede war. Meist war das abwertend gemeint. Jörg Junhold sieht es gelassen: „Für mich ist Disney kein Schimpfwort, sondern ein Markenzeichen für Qualität und Besucherfreundlichkeit.“ Seine Tropenhalle bietet Gastronomie in originalgetreu nachgebauten indonesischen Häusern und eine Zeitreise durch die Evolutionsgeschichte, die mit Animationen, Toneinspielungen und erklärendem Kommentar in einem künstlichen Höhlensystem angesiedelt ist, durch das eine schienengelenkte Bootstour führt, wie man sie aus Vergnügungsparks kennt. Da darf es gern auch einmal gruseln, wenn zum Schluss die Höhlenfahrt zur Höllenfahrt und das räuberische Verhalten des Menschen ins Bild gesetzt werden, ehe dann das künstliche Licht von Rot zu Grün wechselt und die Boote ins Tageslicht der Halle zurückkehren.

Schläft Heidi, bleibt immer noch die Botanik

Ja, Gondwanaland ist auch ein Trickspektakel, inklusive blubbernd-weichem Boden gleich am Eingang, wenn man durch eine Vulkansimulation schreitet. Doch die Effekte werden angereichert durch Texttafeln, die wie alte Folianten aussehen, und Audiostationen, die wie Expeditionskisten gestaltet sind. In der Bezeichnung „Zoo“ steckte stets ein wissenschaftlicher Anspruch: die Dokumentation der Tierwelt im Zoologischen Garten. Zu reinen Vergnügungsstätten sind sie nie geworden, auch wenn es bisweilen den Anschein hatte. In Leipzig hat man besonders geschickt das eine mit dem anderen verbunden, als man vor zehn Jahren Pongoland baute, ein riesiges Affenhaus, das vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie mitfinanziert wurde, um dort Beobachtungen von Primaten in einem möglichst lebensnahen Habitat zu ermöglichen. Auch Gondwanaland verfolgt diese Strategie, wobei hier das bestbeobachtete Lebewesen ein Feigenbaum der Art Ficus altissimus ist. Minütlich messen Mitarbeiter des in Leipzig angesiedelten Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung die Veränderungen seines Stammumfangs. „Gut, dass wir den Regenwald jetzt vor der Haustür haben“, sagt einer der Wissenschaftler.

Regnen indes tut es in der Halle nur nachts, wenn die Besucher weg sind. Die freitragende Plastikfolienkuppel mit einer Höhe von vierunddreißig Metern an der Spitze und bis zu hundertsechzig Metern Spannweite ist aus siebzig Zentimetern dicken Stahlrohren konstruiert, die auch eine Beregnungsanlage enthalten. Dazu wird unterirdisch gewässert und für künstlichen Wind in der Halle gesorgt, damit die importierten Pflanzen sich auch gut entwickeln - Luftbewegung ist für sie ein bedrohliches Alarmzeichen, das für tieferes Wurzeln sorgt.

Und je öfter man den Rundweg durch die Halle geht, desto klarer wird, dass es eine weitere Sensation neben Heidi und all den weiteren Tieren, darunter der derzeit einzige in Deutschland beheimatete Komodowaran, zu bestaunen gibt: die tropische Pflanzenwelt, die die Berliner Gartenarchitektin Ariane Röntz hier in drei Jahren aufgebaut hat. Fünfhundert Arten, also mehr als das Zehnfache der Tiervielfalt, sind in Gondwanaland zu finden, und so ist ganz nebenbei auch einer der schönsten und reichsten botanischen Gärten in Deutschland entstanden. Wenn die Tapire scheu bleiben sollten, hat man immer noch den Blick auf die prachtvollen Blüten des Puderquastenstrauchs. Der gilt zwar auch als sensibel, bleibt aber stets am Platz.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

Jüngste Beiträge