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Leipziger Sport-Schau Voran mit dem VEB Spring und Sieg

19.01.2010 ·  In der DDR standen die Athleten im Dienst der Ideologie, in der Bundesrepublik folgte auf das Gebot der Fairness gleich der Dienst am Kommerz. Eine Ausstellung in Leipzig vergleicht jetzt den Sport in den beiden deutschen Staaten.

Von Hubert Spiegel
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Unter allen Rekorden, die der Sport der DDR in seiner Geschichte zu verzeichnen hat, ist dies wohl der kurioseste: Neben Olympiasiegern, Weltmeistern und Weltrekordhaltern stellte das Land auch die kleinste Liga der Welt. Sie bestand aus nur zwei Mannschaften, den Eishockey-Teams Dynamo Berlin und Dynamo Weißwasser. Sie mussten die Landesmeisterschaft unter sich ausmachen, nachdem die Funktionäre Ende der sechziger Jahre all jene Sportarten als nicht länger förderungswürdig eingestuft hatten, die keinerlei Chancen auf Medaillen und Titel erwarten ließen. Dass dennoch Jahr für Jahr der Letzte und der Vorletzte der Oberliga, die zugleich Meister und Vizemeister waren, sich einen Zweikampf liefern durften, verdankte sich dem Einsatz eines einflußreichen Fürsprechers. Es war Erich Mielke, Eishockeyfan und Minister für Staatssicherheit, der den Erhalt der Zwergliga und die Fortsetzung der DDR-Meisterschaft persönlich durchgesetzt hatte.

Die Absolutheit des Zugriffs der DDR-Politik auf den Sport zeigt sich hier an einem besonders skurilen Beispiel. „Der Sport ist nicht Selbstzweck, er ist Mittel zum Zweck“, hatte Erich Honecker bereits 1948 formuliert, als er gerade zum Mitbegründer der Freien Deutschen Jugend geworden war. Welche Zwecke gemeint waren, wurde von Anfang an deutlich: Der Sport sollte als wichtiges propagandistisches Mittel nach innen und außen der Partei unterworfen sein. Ob nun das Sportabzeichen mit dem Motto „Bereit zur Arbeit und zur Verteidigung des Friedens“ versehen wurde oder auf Plakaten zu Spielen der DS-Oberliga Fußballfreunde dazu aufgerufen wurde, die „verbrecherische Antisowjethetze“ zu zerschlagen, stets stand der Sport im Dienst der Ideologie, und nur wenige herausragende Ereignisse vermochten die innerdeutsche Konkurrenz zumindest für kurze Zeit aufzuheben. Die „Helden von Bern“ wurden auch in der DDR bejubelt, und als sechs Jahre später Ingrid Krämer bei den Olympischen Spielen in Rom Triumphe feierte, wurde die junge Turmspringerin in einem Akt seltener Einmütigkeit in Ost und West zur Sportlerin des Jahres gewählt. Dass sie erklärt hatte, erst der Sozialismus mache das Leben lebenswert, sah man der Siebzehnjährigen nach.

Belastete Westfunktionäre

Im Westen ging die Indienstnahme sportlicher Erfolge weit weniger plump vonstatten. Viele hielten es mit Theodor Heuss, der im Weltmeisterschaftsrausch von 1954 nüchtern die Fairness zum Zweck des Sports bestimmte, nachdem der damalige DFB-Präsident Peco Bauwens für einen handfesten Skandal gesorgt hatte. Als Bauwens, ein ehemaliger NS-Funktionär, den soeben zurückgekehrten Fußballweltmeistern zu Ehren im Münchner Löwenbräukeller eine stramm nationalistische Rede hielt, brachen entsetzte Hörfunkredakteure die Live-Übertragung kurzerhand ab.

Bauwens, der in seiner Firma Zwangsarbeiter eingesetzt hatte, aber wegen seiner jüdischen Ehefrau aus der NSDAP ausgeschlossen worden war, war bei weitem nicht der einzige westdeutsche Sportfunktionär mit brauner Vergangenheit. Carl Diem, Generalsekretär des Organisationskomittes der Spiele von 1936, wurde 1947 Rekor der neugegründeten Sporthochschule in Köln. Guido von Mengden, ehemaliger Pressereferent beim Reichsbund für Leibesübungen, war Geschäftsführer des Deutschen Sportbunds, und der ehemalige „Reichssportführer“, Karl Ritter von Halt, wurde 1951 erster Präsident des westdeutschen Olympischen Komitees, nachdem er fünf Jahre im sowjetischen Kriegsgefangenschaft in Buchenwald verbracht hatte.

Die gestohlene Wildwasserbahn

Es zählt zu den Verdiensten der überaus sehenswerten Ausstellung „Wir gegen uns. Sport im geteilten Deutschland“, dass sie in der Überfülle der historischen Details nie die großen Linien in der Entwicklung dieses Konkurenzverhältnisses aus dem Blick verliert. Standen die fünfziger Jahre noch ganz im Zeichen einer von beien Seiten gewünschten Wiedervereingung, erfolgte in den sechziger Jahren ein radikaler Umschwung. Was die Sowjetunion bereits kurz nach Kriegsende gefordert hatte, die Dominanz kommunistischer Athleten in allen Disziplinen, hatte die DDR bis dahin nicht einmal ansatzweise leisten können: In den gesamtdeutschen Olympiamannschaften, die zuletzt 1964 antraten, war sie zunächst deutlich unterlegen. Das sollte sich spätestens mit den Spielen 1972 in München ändern. Deshalb baute die DDR ihre Sportförderung im Laufe der sechziger Jahre auf weltweit einzigartige Weise aus.

Man sprach vom „Sportwunderland DDR“, meinte damit modernste, wissenschaftlich begleitete Trainingsmethoden und bewunderte die systematisch betriebene Rekrutierung des Nachwuchses. In der Wahl der Mittel zeigten sich die Sportfreunde ebenso einfallsreich wie skrupellos: Als die Bundesrepublik für die Münchner Spiele in Augsburg die erste künstliche Wildwasserbahn der Welt bauen ließ, stahl man die Pläne und baute die Anlage nach. Offenbar müssen die DDR-Kanuten länger und besser auf der neuen Strecke trainiert haben als ihre Konkurrenz aus dem Westen. Ausbeute: vier Goldmedaillen.

Ein Lada für die Siegerin

Helden wie Täve Schur und Jürgen Sparwasser, Fritz Walter und Heide Rosendahl haben beide Staaten hervorgebracht. Und auch Privilegien gab es hüben wie drüben, wenngleich Spitzensportler im Westen ihre Erfolge meistens nicht auf derart kurzem Dienstweg in materielle Vorteile ummünzen konnten, wie es die Sprinterin Marlies Göhr 1983 tat: Die Ausstellung zeigt ein Notizblatt, auf dem sie handschriftlich, ohne Anrede, ohne Umstände, einen „Lada 1500 S“ bestellt. Adressat des Schreibens war der Genosse Manfred Ewald, damals höchster Sportfunktionär der DDR.

Man sollte indes nicht vergessen, dass für solche Privilegien ein Einsatz gefordert wurde, der mitunter jedes vorstellbare Maß überschritt. Die Zahl der Doping-Opfer in der DDR ist groß, und manch einer bezahlte den Ehrgeiz, nicht nur den eigenen, sondern auch den der Partei, mit seiner Gesundheit oder seinem Leben. Obwohl die Ausstellung etwa elfhundert Objekte versammelt, hätte das Kapitel Doping in Ost und West noch umfangreicher ausfallen dürfen. Und auch die ungezügelte Kommerzialisierung des Spitzensports hätte eine breitere Darstellung verdient. Aber anders als die Konkurrenz zwischen den beiden deutschen Staaten sind diese beiden Themen noch lange nicht beendet.

„Wir gegen uns. Sport im geteilten Deutschland“. Zeitgeschichtliches Forum Leipzig. Bis 5. April. Der Katalog kostet 19,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1962, Redakteur im Feuilleton.

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