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Bibliothek

Leipziger Leser Paradiesabtrieb

Wegen der deutschen Teilung gibt es zwei Nationalbibliotheken. Jetzt werden die Öffnungszeiten angeglichen. Damit die Frankfurter länger lesen können, wird den Leipzigern morgens eine Lesestunde geklaut.

Das Buch sei so gut wie abgelöst durchs Internet? Fragen Sie mal die Leipziger! In der alten Buchhauptstadt wird gerade munter protestiert, weil die dortige Deutsche Nationalbibliothek fortan später öffnet: von Montag bis Freitag um 9 Uhr morgens statt wie bisher um 8 Uhr. Die Leute wollen aber echte Bücher lesen, auch morgens, wenn andere noch frühstücken, und zumal an einem der beiden Orte, wo die komplette deutschsprachige Verlagsproduktion archiviert ist. Die doppelte Nationalbibliothek ist noch eine Folge der deutschen Teilung: Die DDR hatte den ursprünglichen Standort in Leipzig fortgeführt, die Bundesrepublik sich Ersatz mit einer Neugründung in Frankfurt am Main geschaffen. Nach der Wiedervereinigung wurden beide Häuser beibehalten, aber institutionell zusammengelegt.

Schande über die westliche Bequemlichkeit!

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Nun, fast ein Vierteljahrhundert später, soll zusammen öffnen, was zusammengehört. Im Osten aber steht man oft früher auf als im Westen. Dem trug die Nationalbibliothek in Leipzig Rechnung. In Frankfurt dagegen öffnete man erst um 10Uhr. Und schloss schon um 20 Uhr, während die Leipziger Kollegen erst um 22 Uhr das Bücherparadies verriegeln, obwohl man im Osten im Durchschnitt früher schlafen geht als im Westen. Schande über die westliche Bequemlichkeit! Bibliotheken sollten so lange geöffnet sein wie nur möglich. Das schien die Nationalbibliothek eingesehen zu haben, als sie für Frankfurt kürzlich erklärte, man werde nun auch dort bis 22 Uhr öffnen.

Nicht ganz so laut wurde gesagt, dass diese Ausweitung mit der Verkürzung in Leipzig erkauft worden war: Es sollten nun gleiche Öffnungszeiten an beiden Standorten gelten (mit der Reduktion in Leipzig hätte man Geld gespart, das in Frankfurt zur Finanzierung des Mehrangebots erforderlich wird). Ursprünglich war also gar eine Verschiebung der Leipziger Öffnungszeit auf 10 Uhr morgens vorgesehen. Aber das hat eine erste Welle der Empörung verhindert. Doch eine Stunde Bücherzeit ist schon verloren, und in drei Monaten soll das Ganze noch einmal überprüft werden, dann droht der Wegfall der zweiten. Es sei denn, die Leipziger stehen fortan in Schlangen schon um 9 Uhr vor den Toren. Sie können ja ein Buch mitnehmen, um die Wartezeit vor der Bibliothek zu überbrücken. Oder - horribile visu - ein iPad.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 04.03.2013, 16:13 Uhr

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Von Stefan Schulz

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