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Katholische Kirche : Schamlos paternalistisch

Kardinal Reinhard Marx, zelebrierte in Leipzig den Abschlussgottesdienst des 100. Deutschen Katholikentags. Bild: dpa

Halbleere Hallen trotz prominenter Politiker – allgegenwärtig war jedoch der Papst auf dem Katholikentag. Ebenso wie die Rhetorik einer Kirche, die auf inklusive Suchbewegungen Gottes setzt.

          Halbleere Hallen trotz prominenter Politiker – „man wird das sorgfältig untersuchen müssen“, meinte Karl Kardinal Lehmann und hatte dabei den Umstand vor Augen, dass Spitzenpolitiker wie der Bundespräsident, der Innenminister oder die Arbeitsministerin sich auf dem Leipziger Katholikentag offenbar nicht als die Zugpferde erwiesen hatten, als welche man sie eingeschätzt und aufgefahren hatte. Was kann die angemahnte sorgfältige Untersuchung (womöglich unter Einbeziehung einer Untersuchungskommission) ergeben? Ein mögliches Ergebnis wäre ja: Nicht trotz, sondern wegen der Politprominenz blieben die Hallen halb leer. Denn wer kommt heute noch zum Kirchentag, um sich dort dieselben Leute mit denselben Argumenten anzuhören, die er aus den politischen Talkshows kennt?

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Das muss gar nichts mit der „üblichen Verdrossenheit“ (Politikverdrossenheit? Ennui? Null-Bock?) zu tun haben, welche Lehmann hier prima facie für einschlägig hält. Die halbleeren Ränge vor Politikern könnten im Gegenteil auch als Pfingstereignis durchgehen, als geistlicher Fortschritt zum hundertsten Jubiläum der Katholikentage. Eine Nummer kleiner gesagt: Es gibt eine gesellschaftliche Suchbewegung nach Alleinstellungsmerkmalen. „O Heiliger Geist, in diesem deinem göttlichen Glauben begehr’ ich zu leben und zu sterben“, heißt es im „Trostreichen und anmutigen Bett- und Zusprech-Büchlein“ des Jesuiten Tobias Lohner von 1684. Kennt der Papst diese monomanische Christusschrift seines Ordensbruders? Begehren geht nicht inklusiv. Begehren ist exklusiv. Inklusives Begehren ist im Zweifel schlechter Geschmack: haben, haben, haben.

          Dass man sich unterm gegenwärtigen Pontifikat gleichwohl auf eine Theologie der Inklusion festgelegt hat, gehört zur Ironie der Kirchengeschichte. Der Philosoph Robert Spaemann macht es sich wohl zu einfach, wenn er in diesem Zusammenhang anführt, Jorge Mario Bergoglio SJ habe mit Theologie nun einmal „nicht viel im Sinn“. Und doch handelt es sich um eine exquisite Formulierung, wenn man etwas vor aller Augen Liegendes benennen will, ohne uncharmant oder illoyal wirken zu wollen (die afrikanischen, nordamerikanischen und viele asiatische Bischöfe machen aus ihrem Entsetzen über die theologische Nonchalance des derzeitigen Papstes inzwischen keinen diplomatischen Hehl mehr, als Garant der Einheit ist Franziskus spätestens nach seiner autoritären Synodenführung bei ihnen unten durch).

          Inklusive Suchbewegungen Gottes

          Von alldem unberührt legt Reinhard Kardinal Marx beim Leipziger Abschlussgottesdienst das Motto des Katholikentags „Seht, da ist der Mensch!“ in der angesagten inklusiven Lesart aus, nämlich eben gerade nicht im Kontext der Passionsgeschichte als Wort des Pilatus über Jesus Christus (das klassische „Ecce homo!“, wie es in die christliche Tradition und Kunstgeschichte einging), sondern im Sinne der normativen Kraft menschlicher „Lebenswirklichkeit“. Gibt sie nun dem „Ecce homo“ das Maß vor statt umgekehrt? Alles von dieser Lebenswirklichkeit müsse zu seinem Recht kommen, wenn es in die christliche Perspektive gerückt werde (Marx sagt wirklich „Perspektive“, wenn es um die Erlösung geht; Blickwinkel sind allemal inklusionstauglicher als die Bekehrungsaufrufe der alten Schule). Er weiß sich da mit seinem Papst einig, welcher unterstreiche, dass die „Suchbewegung“ Gottes „im Grunde inklusiv“ sei, was bedeute, „möglichst alle in die Perspektive der Hoffnung mitzunehmen“.

          Kurzum gehe es darum, und hier schlägt der Kardinal einen nachgerade begehrlichen Ton an, „dass wir als Kirche in Deutschland unseren Weg so gehen, dass wir die Wirklichkeit des Menschen nicht aus dem Blick verlieren“. Statt um „kirchliche Identität“ solle man sich um „den Menschen“, um „die Erde“ sorgen. Aber tun das nicht auch Greenpeace et al.? Der Markenkern der Kirche wird unscharf, wenn sie ihre Marketingstrategen „Ecce homo“ mit „ja zur gesamten Wirklichkeit des Menschen“ übersetzen lässt.

          Wie kommt, nebenbei gefragt, die Kirche darauf, dass sie umso attraktiver sei, je mehr „Nähe“ sie nicht nur zum Sünder, sondern neuerdings auch zu seiner Sünde demonstriert? So inklusiv, so schamlos paternalistisch möchte man sich um Himmels willen doch gar nicht verstanden wissen.

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