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Freitag, 17. Februar 2012
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Leipziger Buchmesse Am Anfang war das Wort, nicht die Zahl

20.03.2006 ·  Eintausendachthundert Lesungen, ein kahlrasierter, sagenhaft tätowierter Autor als Star und ein Taxifahrer, der sich als origineller Erzähler erweist: Eine Bilanz der Leipziger Buchmesse 2006.

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Der Taxifahrer beäugt seinen Fahrgast im Rückspiegel. Ob man das erste Mal zur Buchmesse in Leipzig sei? Dann wolle er mal nicht so sein und einen guten Rat erteilen, den gäb's gratis zur Fahrt dazu: Man solle nur ja auf die Handtasche aufpassen, die Dinger würden im Messerummel gern geklaut.

Die Buchmessezeit sei gewiß sehr lukrativ, fragt der Fahrgast, wo das Messegelände doch so weit außerhalb liege, die Straßenbahn ewig brauche und sich außerdem, da die Leipziger Innenstadt zur Zeit eine Großbaustelle ist, ohnehin niemand recht auskenne. Ja, schon, sagt der Fahrer, den Blick unbeirrt auf die Person im Rückspiegel geheftet und gelegentlich einen großen Schluck aus einem Pappbecher nehmend. Aber er habe nichts davon, er fahre nämlich nur abends, da seien die weiten Strecken nicht mehr gefragt. Warum er denn nicht tagsüber fahre? Och, morgen früh müsse er sich auf'm Revier melden, er sei doch vorbestraft. Habe mal wegen Handtaschendiebstahls gesessen. Grinsen in den Rückspiegel. Eigentlich ärgerlich, daß er am Tag nicht fahren könne, er bräuchte nämlich dringend Kohle. Für etwas Bestimmtes? Na, für die Fahrerlaubnis natürlich! Vorwurfsvoller Blick in den Rückspiegel. Die habe man ihm entzogen, wegen Alkohol am Steuer, was sonst. Aber keine Bange, heute abend hätte er bisher bloß ein paar Bierchen gezwitschert.

Kraftvolles Debüt

Trotz der halbstarken Sprüche ist die Taxifahrt keine Episode aus Clemens Meyers Roman „Als wir träumten“, dem - neben Feridun Zaimoglus „Leyla“ - wichtigsten Werk der diesjährigen Leipziger Buchmesse, ein Buch wie eine Faust. Daß die wenigsten es schon gelesen hatten, tat dem Gespräch darüber keinen Abbruch. Den kahlrasierten, sagenhaft tätowierten Autor mit der Nickelbrille indes bekam man kaum zu sehen, weil er ständig von Kameras und Mikros umgeben war: Kein Wunder, denn ein solches kraftvolles, unbeirrtes Debüt hat die deutsche Literatur lange nicht mehr erlebt, ein Buch voller Wut, Trauer, Pathos und Aberwitz, ein Roman über eine verschworene Gang von Leipziger Kleinkriminellen, die nicht nur gegen Polizei, Eltern und gegnerische Banden randaliert, sondern gegen ihre ganze Existenz. Und daß der Autor gerade einmal neunundzwanzig Jahre alt ist, in Leipzig lebt und sein Auftreten und Habitus erkennen lassen, daß die Erfahrung an seinem Buch mitgeschrieben hat, macht es auf mulmige Weise noch spannender.

Am Donnerstagabend las Meyer in der Moritzbastei als einer von vielen. Am Freitagabend war er in der Bar „Laden für Nichts“ angekündigt. Schon eine Stunde vor Beginn ist der kleine, babyblau und weinrot gekachelte Raum überfüllt. Über der kurzen Bar steht in großen Lettern „We reserve the right to refuse service“. Das einzige Licht kommt von einer Funzel hinten in der Ecke und von einem erleuchteten Globus. Stehplätze werden eisern verteidigt wie bei einem Rockkonzert. Das Publikum ist ernst, jung, zuerst gespannt, dann begeistert. Meyer liest mit rauhem sächsischen Tonfall, wie Daniel sich die Arme von einem Ex-Knacki tätowieren läßt, wie der kleine Walter in einem brennenden Auto umkommt, wie die Clique den Boxkampf zwischen Henry Maske und Graciano „Rocky“ Rocchigiani 1995 im Fernsehen verfolgt. Und hier, in diesem winzigen Raum, bedarf die Literatur keiner Erklärung, keiner Rechtfertigung, keines Marktes. Hier ist ein Autor bei seinen Lesern, und die Grenzen zwischen Literatur und Leben verschwimmen.

Eintausendachthundert Lesungen

Solche Momente gab es viele in Leipzig, wo an vier Tagen eintausendachthundert Lesungen stattfanden. Der Marathon „Leipzig liest“ bildet den eigentlichen Puls dieser Messe, die ganz aufs Publikum und nicht aufs Geschäft ausgerichtet ist. Selbst die großen Verlage haben nur kleine Stände: Präsenz ja, Aufwand nein, lautet die Devise. Der Besucherzuwachs von zehn Prozent, den die Veranstalter schon nach zwei Tagen stolz verkündeten, verdankt sich abermals vor allem den Schulklassen, die sich in Hundertschaften als bunte Raupen Nimmersatt durch die Gänge wälzten. Ein Schwerpunkt galt erneut dem Hörbuch, aber Gedränge herrschte auch auf der Antiquariatsmeile - die Aussicht, die ein oder andere seltene Ausgabe günstig aus ihrem in manchem DDR-Bücherschrank gehaltenen Dornröschenschlaf zu befreien, lockte mehr Menschen an als etwa eine Diskussion zur Zukunft des Online-Buchhandels, die sich in erster Linie als Werbung für das ZVAB entpuppte.

Gerade weil die mehr als zweitausend Aussteller ohne erkennbare Ordnung über die fünf Hallen verteilt sind und die Messe im Wust der Veranstaltungen wenn schon nicht zu ersticken, so doch zu verläppern droht, bedarf es neben der traditionellen Auftaktveranstaltung im Gewandhaus einiger wichtiger Termine, die jenseits der Lesungen für Struktur und Gesprächsstoff sorgen. Diese Funktion erfüllten Bekanntgabe und Verleihung der Preise der Leipziger Buchmesse am Donnerstag allemal, doch wird man aufpassen müssen, damit der Preis vor lauter Wille zu überraschenden Entscheidungen nicht an Glaubwürdigkeit und damit an Wirkung einbüßt.

Glück auf

Einhellig begrüßt wurde daneben die Vergabe des Kurt-Wolff-Preises an Katharina Wagenbach-Wolff und ihre Friedenauer Presse. Hanser-Chef Michael Krüger würdigte den Berliner Ein-Frau-Verlag als Gesamtkunstwerk, das mit den Presse-Drucken, der schönen Bibliothek der kurzen Schriften, eine stabile papierne Brücke aus dem achtzehnten ins zwanzigste Jahrhundert schlage. Katharina Wagenbach-Wolff, nicht verwandt, doch bestens bekannt mit dem Verleger Kurt Wolff, zitierte das Vorbild mit der Bemerkung, es sei unentbehrlich, Glück zu haben. Daniela Seel von kookbooks, die den Förderpreis bekam, trug das T-Shirt dazu: „Glück auf“.

Mindestens so wichtig wie Fortüne aber ist die verlegerische Grundhaltung: „Am Anfang war das Wort und nicht die Zahl.“ Dieser Satz Kurt Wolffs hallt nach. Allenthalben ließen sich wütende Seitenhiebe und ergebene Stoßseufzer in Richtung Thalia vernehmen, die als Buchhandelskette manchem kleineren Verlag die Luft abzuschnüren droht. Die einhellige Begeisterung und Bestürzung über Juri Andruchowytschs flammende Rede zum Messeauftakt indes war schnell verpufft; am nächsten Morgen sah man den Schriftsteller und seinen Laudator Ingo Schulze einträchtig über das literarische Leben in der Ukraine plaudern. Der Blick nach Osten hat in Leipzig Tradition und bescherte der Messe die interessantesten Veranstaltungen; sei es, daß Olaf Kühl, einer der renommiertesten Übersetzer aus dem Polnischen, sich zusammen mit seinen Kollegen Ulrike Draesner und Andrej Skubic Gedanken über das Verfallsdatum literarischer Übertragungen machte, oder daß Peter Esterhazy und Slavenka Drakulic, die 2005 den Preis zur Europäischen Verständigung erhalten hatte, sich über Last und Lust der nostalgischen Erinnerung an kommunistische Regimes austauschten.

Der letzte Abend bringt ein unvermutetes Wiedersehen. Wie denn die Messe so gewesen sei, fragt der Taxifahrer. Er habe nicht viel mitgekriegt, er habe sich ja auf dem Revier melden müssen, wegen der Vorstrafe und so. Nee, Clemens Meyer kennt er nicht, nie gehört. Klingt aber nach einem echt guten Buch. Das Geld für die Fahrerlaubnis, das hat er nun immerhin zusammen, ist 'ne gute Woche gewesen. Und jetzt, mit der Messe rum und allem, ist ja wieder Warterei angesagt. „Als wir träumten“ heißt das Ding? Klingt ja ein bißchen hochtrabend. Kann er aber ja mal mitgehen lassen. Vielleicht sogar kaufen. Zwinkern in den Rückspiegel. „Und nächstes Jahr, Prinzessin, sag ich dir, wie's war.“

Quelle: F.A.Z., 20.03.2006, Nr. 67 / Seite 35
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