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Leipziger Allerlei Nie war er so nötig: Der Bücherstaubsauger

22.03.2002 ·  Ein kleiner Gegenstand, der auf der Buchmesse zu bestaunen ist, symbolisiert das Anliegen des Deutschen Bücherpreises am besten: Es ist der Buchstaubsauger.

Von Fridtjof Küchemann, Leipzig
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Weiter hinten in der Halle 2 der Leipziger Buchmesse hat ein Versandhandel für Bücherfreunde-Bedarf sein Sortiment aufgebaut. Das beste Stück: Ein Staubsauger-Aufsatz, der mit verstellbarer Borstenlänge jeden Buchrücken vorsichtig und gründlich zu entstauben hilft.

Offenbar scheint dem Buchhandel, zumindest seinem Börsenverein nicht allein der Rücken von Büchern entstaubenswert, sondern gleich das ganze Image des Lesens. So entstand der Deutsche Bücherpreis, der am Donnerstagabend erstmals in Leipzig verliehen wurde, in einem der oberen Stockwerke des Congress Centrums auf der Messe, deren untere Etage origineller Weise "Mehrzweckfläche Ost" heißt.

Preisverteilung

Viel geschmäht wurde der Deutsche Bücherpreis schon im Vorfeld. Daran könnte man anknüpfen. Aber die Fernsehgala, eine Abfolge von Zwischenmusik, Lob, Dank und Abtransport des Preises - der Moderator Frank Elstner nannte es eingangs treffend "Preisverteilung" - spricht für sich. Dafür sorgte eine Vielzahl feinster Korrespondenzen zwischen den einzelnen Programmpunkten.

Zu Beginn singen zwei junge Männer, der eine mit klassischer, der andere mit Pop-Stimme, im Duett: "Have I been really such a fool / Have I been blind of love / Or have I been your tool". Die beiden singen frei heraus, was sich mancher Autor an diesem Abend gefragt haben mag. Der Laudator des Preisträgers "Belletristik international", ein Nachrichtensprecher, wird zum Ansager, spricht englisch mit Per Olov Enquist, der auf Deutsch antwortet. Dann spielt ein Wunderkind Klavier, Mendelssohns "Lieder ohne Worte". Mutter Beimer lobt den Sachbuch-Preisträger, und Dietrich Schwanitz gesteht: "Die Wahrheit ist, ich freue mich über den Preis." Nino de Angelo singt: "Ich mache die Augen zu / dann gibt es kein Tabu."

Leere Worte in der Kommunikationswelt

Dann lobt Angelika Domröse den Autor Günter de Bruyn, und der freut sich: "Das Schöne an dem Preis ist, dass man keine halbstündige Dankesrede von mir verlangt." Und wirklich: Das Fernsehballett des MDR tanzt zu einer aufgemotzt-entstellten Anspielung auf Händels Messias. Und als sei der arme Komponist nicht schon gequält genug, nennt Elstner ihn "übrigens einen genialen Musiker". Heiner Geißler lobt Ulla Hahn, reimt dabei und toppt damit noch Mutter Beimers humorigen Beitrag. Ulla Hahn sagt Dankeschön und wünscht allseits "noch viele gute Bücher, viele gute Stunden mit Büchern."

Der schöne Schauspieler Ralf Bauer gibt eine kleine pantomimische Einlage - dass wir das noch erleben dürfen - und bleibt nachdenklich: "Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit. Nur zwei leere Worte in unserer multimedialen Kommunikationswelt?" Julie Zeh kriegt den Preis für ihr Debüt und weiß jetzt auch, warum der Bauer sie schon in der Garderobe immer so angeschaut hat.

Alles auf Leerlauf

Dann singt eine beflissentlich sächselnde Band namens Niemann über der Mehrzweckfläche Ost: "Trotzdem sind wir noch immer viel zu bescheiden." Jetzt kommt ein Sketch, dann dankt Alfred Biolek zuerst einmal seiner Mutter. Schließlich habe "das hier so ein bisschen den Hauch einer Oscar-Verleihung." Männer in plüschigen Mönchskutten singen einen 70er-Jahre-Hit ohne Worte, aber vergeistigt.

Nena lobt die Autorin Mirjam Pressler, und weil deren Kinderbuch den Holocaust thematisiert, überreicht der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland den Preis. Die Autorin findet es eigentlich schade, dass es noch gar keinen Literaturpreis für Lektoren gibt. "Ich finde, da sollte sich der Börsenverein mal was überlegen." Kim Fischer singt "Soviel geb ich nicht".

Dann vertritt Rufus Beck Joanne K. Rowlings, die gerade in den Flitterwochen ist, und auf einmal nimmt auch Frank Elstner seinen Onkel-Gang raus und sagt Wörter wie "Muggels" und "Hogwart". Die Ost-Oldies City singen "Alles war auf Leerlauf eingestellt / Dann kamst Du, jetzt flieg ich durch die Welt".

Immerhin gewichtig

Günter Grass nennt seine Preis-Skulptur "immerhin gewichtig", als er sie an Christa Wolf für deren Lebenswerk überreicht. Die erzählt, dass die Freude anderer über ihre Auszeichnung auch in ihr selbst die Freude geweckt habe. Und mahnt, man solle den Warencharakter des Buches nicht überhand nehmen lassen. Das Buch nicht den Anforderungen der Spaßgesellschaft ausliefern. Als hätte sie's gewusst, singt Nana Mouskouri darauf die "Ode an die Freude".

So war es wirklich. Trash. Spaßgesellschaft pur. Ein lächerlicher Abend. Wenn es nicht um ein so ernstes Thema ginge. Wenn man dem Börsenverein nicht Absicht unterstellen müsste.

Und da wünscht man sich dann doch diesen Bücherstaubsauger zur Hand, jene Wunderwaffe für Sonderlinge, bei der man die Höhe der sich sträubenden Borsten stufenlos einstellen kann. Einmal drübergesaugt, über Fernsehballett und Sketcheinlage, Mönchspop und Schwermuts-Schlager. Vielleicht kommt unter dieser Schicht ja doch wieder ein Buch zum Vorschein. Hoffentlich ein gutes. Hoffentlich unversehrt.

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Jahrgang 1972, Redakteur im Feuilleton.

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