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Veröffentlicht: 09.09.2015, 17:45 Uhr

Leipzig Andris Nelsons wird Gewandhauskapellmeister

Ein Coup für die Stadt: Schon eine Woche nach Ricardo Chaillys vorzeitigem Abschied als Chefdirigent des Gewandhausorchesters wird ein Nachfolger präsentiert, um den sich seit einigen Jahren die ganze Musikwelt reißt.

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© AP Andris Nelsons

Was Leipzig gerade erst in seinen Konsequenzen erleiden musste, das erlaubt es sich nun selbst: die Anwerbung eines Chefdirigenten, der auch noch anderweitig vertraglich gebunden ist. Neuer Gewandhauskapellmeister wird Andris Nelsons, derzeit – und nach eigenem Bekunden auch weiterhin – Chefdirigent des Boston Symphony Orchestra, wo der Lette seinen erst seit 2014 laufenden Vertrag vor kurzem bis 2022 verlängert hat. In Leipzig tritt Nelsons schon zur nächsten Saison an, also genau in einem Jahr.

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Der dann Siebenunddreißigjährige folgt auf den 1953 geborenen Italiener Ricardo Chailly, der in Leipzig eigentlich noch bis 2019 vertraglich gebunden war, aber nach dem Abschluss neuer Verpflichtungen als Musikdirektor der Mailänder Scala und Leiter des Lucerne Festival Orchestra kurzerhand sein Engagement als Gewandhauskapellmeister zum Ende der laufenden Spielzeit beenden wird.

Internationale Reputation

Das konnte in Leipzig nicht mehr überraschen, nachdem Chailly in den letzten Spielzeiten die Zahl seiner Konzerte mit dem Gewandhausorchester immer weiter reduziert und den Musikern zuletzt  mitgeteilt hatte, dass er nach der jetzt bevorstehenden Europatournee für weitere Gastspielreisen nicht mehr zur Verfügung stehen werde, während er gleichzeitig aber Tourneen mit dem Scala-Orchester vorbereitete. In der vergangenen Woche gab die Stadt Leipzig dann bekannt, dass der Vertrag mit Chailly auf dessen Wunsch hin zum kommenden Jahr aufgelöst worden ist.

Auch dass nun Andris Nelsons sein Nachfolger wird, ist zwar ein Coup für Orchester und Stadt, aber keine Überraschung. Das Gewandhaus pflegt zu dem Dirigenten seit einigen Jahren eine sehr enge Beziehung, erst im vergangenen Jahr waren beide für einige Konzerte zusammen, als Chailly krankheitshalber ausfiel. Doch solange der weltweite Shootingstar seiner Zunft auch als heißer Kandidat für die Nachfolge von Simon Rattle als Chef der Berliner Philharmoniker gehandelt wurde, konnte Leipzig keine feste Zusage erwarten. Deshalb ist es kein Wunder, dass zwei der wichtigsten deutschen Kapellmeisterstellen nun so rasch nacheinander neu besetzt worden sind: Erst mit der Wahl Kirill Petrenkos zum Philharmoniker-Chefdirigent war Nelsons für Leipzig wieder zu bekommen.

Dass er zugesagt hat, obwohl er mit dem Boston Symphony Orchestra eines der amerikanischen „Big Five“ leitet und nächstes Jahr auch wieder bei den Bayreuther Festspielen dirigieren wird, zeigt, was für eine internationale Reputation das Gewandhausorchester mittlerweile besitzt. Seit Herbert Blomstedt es 1998 von Kurt Masur übernahm, hat sich die musikalische Qualität eklatant verbessert, und mit Chailly gewann man deshalb bereits 2005 einen höchst begehrten Dirigenten, der damals für Leipzig seinen Chefposten beim Amsterdamer Concertgebouworkest niederlegte.

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Nelsons steht jetzt aber auch in einer Reihe mit solch legendären Vorgängern wie Felix Mendelssohn Bartholdy, Arthur Nikisch, Wilhelm Furtwängler oder Bruno Walter. Da er eine besondere Faszination für das Werk von Gustav Mahler hegt, dürfte ihn speziell Walters Wirken als Gewandhauskapellmeister nach Leipzig gelockt haben. Nachdem die Nazis den jüdischen Dirigenten, der noch mit dem Komponisten selbst zusammengearbeitet hatte, 1933 aus dem Amt drängten, ging Walter ins Exil, bis nach Amerika, wo er zum wichtigsten Wegbereiter Mahlers wurde. Da schon Chailly sich am Gewandhaus besonders intensiv Mahlers Werk gewidmet hat, findet Nelsons dort einen für seine Zwecke bestens präparierten Klangkörper vor, zumal mit Beethoven, Brahms, Tschaikowski und Schostakowitsch weitere Vorlieben bestehen, die eng mit der Geschichte des Orchesters verknüpft sind. Pikant ist, dass Nelsons schon im kommenden Mai Mahlers Neunte im Gewandhaus dirigieren wird – allerdings noch als Gastspiel mit seinem Bostoner Orchester.

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