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Montag, 13. Februar 2012
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Legenden Piraten: Unsere dunklen Spiegelbilder

16.09.2003 ·  Der Kassenerfolg des „Fluchs der Karibik“ zeigt, welche Faszination Piraten noch heute ausüben. Sie waren Verbrecher, Abenteurer und arme Teufel, haben die Welt neu geordnet, Schreckliches getan und erlitten - und es gab auch Frauen unter ihnen.

Von Jörg Thomann
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Der „Fluch der Karibik“ ist über die deutschen Kinos gekommen. Knapp 2,4 Millionen Zuschauer haben in den ersten zwei Wochen den gleichnamigen Film mit Johnny Depp gesehen, was eindrucksvoll belegt, daß ein vermeintlich verstaubtes Genre nach wie vor Massen zu faszinieren vermag: das Piraten-Abenteuer. Schwingende Säbel, Kopftücher, Totenkopfflaggen, das tosende, dunkle Meer, die gespenstische Galeere, der vergrabene Schatz auf der einsamen Insel: all diese altvertrauten Topoi üben noch immer einen magischen Reiz auf das Publikum aus. Aber warum eigentlich?

Der Pirat, den die Literatur und das Kino so feiert, ist eine „positiv konnotierte Figur - bei Pippi Langstrumpf im Takatukaland ebenso wie im Lego-Katalog“. Dabei ist er ja eigentlich nichts anderes als ein „Gangster“, der seinen „Mitmenschen nur Furcht und Leid“ zufügte, und die „Geschichte der Piraterie ist eine endlose Kette von Greuel- und Mordtaten, von Raub und Plünderung, Elend und Verzweiflung, aber auch von blutiger Verfolgung und gnadenloser Ahndung“. Darauf weist Robert Bohn hin, Professor für Mittlere und Neuere Geschichte an der Universität Freiburg, der soeben bei C.H.Beck Wissen ein Buch veröffentlicht hat, das schlicht „Die Piraten“ heißt.

Piratistische Populärgeschichte

Die seit 1995 bestehenden Reihe „dient der Verständigung zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit und wendet sich an interessierte Laien, die sich anspruchsvoll, knapp und kompetent über die wesentlichen Themen und Fragestellungen aus den Kultur- und Naturwissenschaften informieren wollen“. Ein solches wesentliches Thema sind auch „Die Piraten“, über die Professor Bohn uns interessierte Laien in einer dem Konzept der Reihe angemessenen Weise informiert: populärgeschichtlich und unterhaltsam, wenngleich auch längst nicht so erschöpfend, daß am Ende alle Fragen beantwortet wären.

Was die Darstellung der Piraten selbst für friedliche Gemüter so anziehend macht, sind für Bohn die in den Abenteuer- und Gruselgeschichten „stark überwiegende Abwesenheit von Arbeit“, die „Momente eines ungebundenen, freien Lebens“, welche den Piraten zur „Gegenfigur des Arbeiters und Bourgeois und erst recht des Spießers“ machten. Dabei entschieden sich im Laufe der Jahrhunderte äußerst unterschiedliche Männer für die Piratenlaufbahn. Wählten in der Römischen Republik im letzten Jahrhundert vor Christus „selbst Männer von Vermögen und vornehmer Abkunft“ diesen Beruf, so wurden beim Formierungsprozeß der frühmodernen Staaten Europas „soziale Randgruppen aus der ständisch-absolutistischen Gesellschaft ausgegrenzt und in die Kriminalität abgedrängt“ - und damit auch aufs Piratenschiff.

Freibeuter und Kaperfahrer

Doch wer wollte bestimmen, was kriminell war? Die spanischen und portugiesischen Entdecker hatten schließlich selbst den neuen Kontinent geplündert, bevor ihre mit Reichtümern beladenen Schiffe geentert wurden, und sehr viele Seeräuber raubten im staatlichen Auftrag. Der Kaperfahrer etwa, von einer kriegsführenden Macht mit einem Kaperbrief beauftragt, die Schiffe der Gegner zu jagen, oder der Freibeuter, dessen Tun laut Bohn „in der Praxis nicht von Piraterie zu unterscheiden war“, der mit Billigung des gewinnbeteiligten Staatsoberhauptes auf der rechtsfreien See das Eigentum eines Landes an sich nahm, dem der Herrscher auf dem Festland offiziell friedlich gesinnt war. Bohn beschreibt dies als einen „unechten Krieg“ zu Wasser, der „gewissermaßen privatisiert und kommerzialisiert“ gewesen sei.

Für die britische Krone war der Weltumsegler Fracis Drake unterwegs: „Man kann hier durchaus von einer Art frühneuzeitlichem Joint Venture sprechen oder der Schaffung von Risikokapital“, meint Bohn. Der nicht minder erfolgreiche Henry Morgan wurde für seine blutigen Taten später mit dem Titel eines Gouverneurleutnants belohnt und starb friedlich als Sir Henry. Ohne das Treiben solcher Männer, soviel steht fest, würde die Weltkarte heute anders aussehen; sie bestimmten mit, wer die Macht verlor und wer sie an sich reißen konnte. „Ihre piratischen Taten schufen die Grundlage dafür, daß aus einer der ärmsten Nationen des frühneuzeitlichen Europa ein weltumspannendes Empire wurde“, schreibt Bohn über Drake und Morgan, die Englands Ruhm und Reichtum mehrten.

Frauen in Männerkleidern

Doch nicht nur sie begegnen uns in dem 130 Seiten dünnen Band, sondern auch andere schillernde Gestalten der Freibeuter- und Piratengeschichte: der glückliche Korsar Jean Flory, bei dem ein Gutteil des von Cortez geraubten Schatzes Montezumas landete, besonders finstere Gesellen wie „Blackbeard“ Edward Teach oder Francois l'Ollonais, von dem erzählt wird, wie er einmal einem spanischem Gefangenen das Herz herausriß und es einem anderen Spanier in den Rachen steckte, oder die Piratinnen Anne Bonny und Mary Read, die als Männer verkleidet mit auf Raubfahrt gingen.

War aber das Piratendasein tatsächlich so fabelhaft, wie es die Filme und Bücher schildern? Durchaus gab es unter Piraten einen Kodex, den man auf seine Art ritterlich nennen kann: Die Beute einer Mannschaft wurde gleichmäßig verteilt, die schlimmsten Strafen drohten dem, der „auch nur das geringste Beutegut vor seinen Kameraden verbergen oder diese bestehlen sollte“, weiß Bohn. An Bord waren „bunt gemischte Gemeinschaften“ aus Menschen aller Länder und Hautfarben, die „quasi urkommunistische Züge“ trugen und ihre Kapitäne fast demokratisch absetzen und neu wählen konnten.

Armut und Alkoholexzesse

Die Schattenseite solcher Gemeinschaften waren die ungeheure Gewalt, die sich wenn schon nicht nach innen, so doch auf die erbarmungswürdigen Opfer entlud, die Alkoholexzesse, die Enge „auf einem stinkigen, verlausten Segelschiff“ und die Willkürherrschaft manches tyrannischen Psychopathen mit Kapitänsmütze. Nur die wenigsten Seeleute entschieden sich aus freiem Willen für die Piratenkarriere, sondern wurden hineingedrängt durch Armut und die Aussichtslosigkeit, auf einem anderen Gebiet zu reüssieren. Der typische Pirat versoff seine magere Beute so schnell in den Hafenkneipen, daß ihm nichts anderes übrigblieb, als mit dem nächsten Schiff gleich wieder in See zu stechen.

Nur am Rande streift der Historiker Bohn die Tatsache, daß die Piraterie noch längst kein Phänomen von gestern ist. Im Jahr 1999 wurden 469 Piratenangriffe auf Handelsschiffe registriert; die tatsächliche Zahl liegt vermutlich fünfzigmal höher. Die heutigen Piraten indes sind arme Teufel aus armen Ländern, vermeintliche Guerillakämpfer, simple Kriminelle; mit dem romantischen, abenteuerlichen Piratenbild aus der Populärkultur haben sie rein gar nichts mehr zu tun.

Robert Bohn: „Die Piraten“. C.H.Beck Wissen, München 2003. 128 S., br., 7,90 Euro.

Quelle: @jöt
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