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Lebensprojekt Kind Die Überforderung der Kindheit

Kinder sind zum Projekt permanenter Optimierung geworden, es muss einfach alles perfekt sein: beste Noten, wertvolle Spiele. So wird die Kindheit zum Krampf. Und das schreckt potentielle Eltern ab.

© Julia Zimmermann Einfach nur spielen? Das wäre ein bisschen wenig. Der Spielplatz in der Berliner Hans-Otto-Straße bietet nebenbei einen veritablen Kunstparcours für die Eltern.

Sie zog sich hohe Chucks an, enge Jeans, eine Baseballkappe und ein Kapuzenshirt: Die zweiundfünfzigjährige Mutter wollte nicht etwa im Auftrag des Springer Verlags die Berliner Start-up-Szene bestaunen, sondern die Abiturprüfung in Englisch ablegen - aber nicht ihre eigene, sondern die ihrer Tochter. Die Nachricht von diesem sehr schnell vereitelten Betrugsversuch passt gut in die Zeit: Eltern bewerten die Schule, die Jugend, ja, die ganze Kindheit zunehmend als etwas, das man nicht allein den Kindern überlassen darf.

Das Streben nach einer makellosen Schulleistung und, mehr noch, nach einer perfekten Kindheit und Jugend ist in den Mittelschichten zu einer kollektiven Zwangsvorstellung geworden. Und es ist auch ein zentrales politisches Projekt, ein immenser Markt und ein unendliches, diskursives Superthema, vielleicht das letzte Theater bürgerlicher Ambitionen.

Kind als Lebensprojekt des Bürgertums

Es ist daher auch kein Wunder, dass sich viele trotz milliardenschwerer staatlicher Förderung nicht dazu durchringen können, Kinder zu bekommen - der Druck ist einfach zu groß. Wenn erst alles stimmen muss, bevor das Baby willkommen ist, kann das unter wesensmäßig nicht perfekten Sterblichen ziemlich lange dauern. Und wenn das zum Lebensprojekt erwählte Kind das Licht der Welt erblickt, wird die Regie nicht so schnell aufgegeben, werden keine Kompromisse mehr gemacht.

Das Blühen der elterlichen Neurosen ist bereits im Sandkasten zu bestaunen. Gut, dass man bei einem Aufenthalt auf den Spielplätzen der Republik in der Regel schon Kinder hat, man würde sonst von dem Projekt leichten Herzens Abstand nehmen. Derart entfesselte Ambitionen würde man sich an manchem deutschen Arbeitsplatz wünschen. Der Spielplatz wird zum Assessmentcenter mit Plastikspielzeug ohne Weichmacher. Die Kleinen werden von ihren eigenen Eltern als künftige Player der globalisierten Ökonomie bewertet, es geht um Sozialkompetenz, Problemlösungskapazität, emotionale Intelligenz und allseitige Optimierung.

Bedingungen für ein glückliches Leben

Die anwesenden Eltern haben zu allem einen Tipp, schlichten jeden Schippenstreit, pazifizieren und reglementieren, dass die Kinder nur noch staunen. Oder sie ziehen Schuhe und Strümpfe aus und setzen sich gleich dazu, denn man könnte auch noch zum allerbesten Freund, zur allerbesten Freundin des Kindes promovieren. Statt des leicht genervten „Jetzt geht mal schön spielen!“, mit dem in den siebziger Jahren die Nickipullover tragenden Scharen auf die Straße geschickt wurden, um auf rostigen Rädern und Spielplätzen ohne TÜV-Plakette ihr Leben zu riskieren, heißt es heute alltagspädagogisch versiert: „Schaut mal, so spielt ihr noch schöner!“ Kindheit ist nicht genug, sie muss permanent optimiert werden.

Das wird als Hindernis zur Familiengründung seltsamerweise nie diskutiert: wie abschreckend der Trend zur perfekten Kindheit und zur perfekten Eltern-Kind-Beziehung wirkt. In Wahrheit ist pädagogische und familiäre Perfektion stets erstrebenswert, aber keine Bedingung für ein glückliches Leben. Wenn man heute im Freundes- und Kollegenkreis mit erwachsenen Männern und Frauen über ihr Zuhause und ihre frühen Jahre spricht, dann ist man oft erstaunt darüber, aus welch windschiefen Verhältnissen ganz gerade Menschen wachsen. Menschen sind, das sollte man beim Grübeln über die stete Verbesserung des Guten gelegentlich bedenken, recht anpassungsfähige Säugetiere. Viele werden dort geboren, wo eigentlich gar nichts in Ordnung ist.

Drohnenhafte pädagogische Präsenz

Aber das Streben nach einem Leben mit Kindern, in dem jeden Tag „alles gut“ ist, beschränkt sich ja nicht nur auf die Familie, es weist erschreckenderweise auch noch weit darüber hinaus. Kinder sind nicht nur der Schlüssel zu einem geglückten Leben, sie gelten auch als die Rettung unseres Zivilisationsmodells oder am besten gleich des Planeten. So sympathisch der dem Grönemeyer-Song entlehnte Ruf „Kinder an die Macht!“ gemeint war - er entspricht auch einer Flucht der Erwachsenen vor ihrer aktuellen Verantwortung. Auf den Wert von Kindern können sich in einer säkularen, globalisierten und wertepluralistischen Gesellschaft alle einigen, und zwar recht schnell, vielleicht auch nur noch darauf. Das kann aber auch zu einer Überforderung des ganzen Instituts führen. Der Spruch, ohne den kaum noch eine politische Grundsatzrede auskommt - „Kinder sind unsere Zukunft“ -, ist, bei aller lobenswerten Absicht, auch eine Belastung der Kinder, die in ihrer eigenen Gegenwart leben und nicht nur für eine Zukunft, in der sie gar keine Kinder mehr sein werden. Und außerdem verklebt solch umfassendes Pathos gern die kleinen und ganz banalen Missstände wie einstürzende Schulgebäude oder unterfinanzierte Nachmittagsbetreuung.

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