Lebensmittel sehen uns an: Sie sehen uns an in der Männerzeitschrift „beef!“, in geschlechterübergreifenden Publikationen wie „Schrot & Korn“ oder „essen & trinken“. Während „beef!“ einen sexualisierten Fernfahrerblick aufs Fleisch wirft, in der neuen Ausgabe Rollbraten mit einer Füllung aus körnigem Senf, mild geschmorten Ofenzwiebeln und Petersilie in die Nahaufnahme rückt und im Fragebogen wissen will: „Wann haben Sie eine Frau zuletzt ins Bett gekocht?“ - während also „beef!“ eine grobschlächtige Rhetorik des Begehrens pflegt, geben sich die übrigen Nahrungsblätter eher desillusioniert und machen zum Frühjahrsbeginn schüchtern mit Spinat auf. Das ist die einheimische Kulisse, vor der die mehr als hundert Bilder wirken müssen, die der Fotograf Michael Schmidt von 2006 bis 2010 zum Thema „Lebensmittel“ europaweit aufgenommen hat und nun im Leverkusener Museum Morsbroich ausstellt.
Der 1945 in Berlin geborene Schmidt ist einer der wichtigsten Fotografen der Gegenwart, seine Werkblöcke „Waffenruhe“ (1985 bis 1987) und „EIN-HEIT“ (1991 bis 1994) wurden im Museum of Modern Art in New York gezeigt. Für die jüngste Langzeitdokumentation, die später auch in Innsbruck und Berlin gezeigt werden soll, fotografierte Schmidt in Lachsfarmen, Brotfabriken, Milchviehbetrieben, Schlachthöfen und Gemüseproduktionen. Aber kaum etwas Drastisches, Plakatives sieht man bei Schmidt, keine blutrünstigen Schlachtszenen oder Exzesse der Massentierhaltung. Kein Bild ist für sich genommen ein Aufschrei, alle Bilder zusammen aber vermitteln einen Begriff von Denaturierung, von vergewaltigter Natur, wie er eindringlicher kaum zu denken ist.
Allmähliches Entsetzen statt sanftem Schock
Natürlich, seit Thilo Bodes Enthüllungsbuch über die „Essensfälscher“ ist uns keine Eskapade der Nahrungsmittelindustrie fremd. Aber sind wir in unserem Herzen nicht alle Kulturalisten geblieben, die längst zu wissen schienen, dass die Natur ein Konstrukt und immer schon kulturell durchwirkt ist? Weshalb also die Aufregung, wenn wir von Bode erfahren, dass Schweinefleisch aus halb Europa durch halb Europa gekarrt wird, bevor man es im Schwarzwald zum Schwarzwaldschinken umdeutet? Dass Lebensmittel den Verbraucher nur noch in Pappe, Plastik und Styropor erreichen, ist zur Sehgewohnheit geworden, die uns nicht den Appetit nimmt.
Das ändert sich, wenn man Schmidts Schau hinter sich hat. Grau in grau erzielt der Schwarzweiß-Fotograf, der hier erstmals auch einige Farbaufnahmen präsentiert, einen betörend gleichmacherischen Effekt: Gestapelte Pappkartons gehen ohne nennenswerte optisch Differenz in monokulturell bewirtschaftete Felder über, eine Toastbrotscheibe wirkt wie ein Stück Wandputz, aufgebackene Teiglinge sehen aus wie Ziegelsteine. Das jäh geweitete Auge der Kuh, an deren prallem Euter die Stahlrohre der Melkmaschine angeschlossen sind, verfolgt einen noch im Schlaf. Aber dieses Kuhauge ist schon das Äußerste an Drastik, das sich Schmidt erlaubt. Er zielt nicht auf den Schock, sondern auf das allmähliche Entsetzen durch den Effekt der Serie. Und tatsächlich: Wer hintereinanderweg nur genug Eingeschweißtes sieht, der hört auf, sich als Kulturalist zu beruhigen. Der fängt an, den Schuldzusammenhang zu sehen, in den Schmidt die Papaya im Styropormäntelchen plaziert - ein Schuldzusammenhang, der sich daraus ergibt, dass wir Menschen, Tiere und Dinge behandeln, wenn wir handeln. Schmidts Bilder haben nichts Anklagendes, sie sprechen von Schuld nicht im moralischen, sondern in einem ontologischen Sinne. Ort und Zeit der Aufnahme sind ihnen nicht anzusehen. Anonymisiert und ohne Begleittext streifen sie alles Zufällige und Anekdotische ab, um mit Nachdruck ein universales Gesetz zu formulieren.
Für dieses Leben sind wir nicht gemacht
Wo führt Michael Schmidts fotografisches „foodwatch“ hin? Zu nichts Bestimmtem. Nicht zu einem Aufruf zur Weltverbesserung. Zu keiner besonderen politischen Agitation, wie Thilo Bodes „foodwatch“ sie verfolgt. Wohl aber zu einem inneren Bild der Unentrinnbarkeit, wie es sich im Gesetz der Serie ausdrückt. Entlang der Hängung im Museum Morsbroich lässt sich gut nachvollziehen, was Schmidt als sein künstlerisches Prinzip so formuliert: „Der Maßstab für ein gutes Bild ist, dass es die künstlerische Intention der Serie erfüllt. Wenn es sich im einzelnen Bild erschöpft und nicht aufs nächste verweist, dann passt es nicht. Wenn ich zum Beispiel eine Doppelseite zusammenstelle, ist es wichtig, dass eins und eins für mich drei ergibt. Es muss sich sozusagen ein unsichtbares drittes Bild dazwischenschieben.“
Dieses dritte Bild wird zum inneren Bild, das uns nach der Ausstellung nicht mehr loslässt. Gerade weil Schmidt weit unterhalb dessen ansetzt, was sich politisch skandalisieren lässt, bleiben wir beunruhigt. Indem er anscheinend nur das in Plastik verschweißte Leben ausstellt, zeigt er uns unser Unvermögen, zu leben. Etwas stimmt nicht mit den Mitteln, die wir zum Leben benötigen. Schmidt treibt uns nicht zu Protestmärschen auf die Straße. Er ist viel radikaler: Er legt uns nahe, dass wir für dieses Leben nicht gemacht seien.
Die Ausstellung schaue ich mir jeden Samstag an...
Bernd Donner (Don-Bernardo)
- 06.03.2012, 16:49 Uhr
Naja
Thomas Berger (tberger)
- 06.03.2012, 16:12 Uhr
Kunst?
Konstantinos Dafalias (ruamzuzler)
- 06.03.2012, 14:47 Uhr