http://www.faz.net/-gqz-7l8py

Lebensentwürfe : Kinderlos glücklich

„Ach, wie süß“ oder „Ach, wie lästig“ ist die verzerrte Alternative. Wer das Kind als Sinnstifter des eigenen Lebens braucht, zeigt schon, worum es ihm eigentlich geht. Bild: dpa

Kinder sind keine Glücksbedingung - auch wenn heute vielen die Phantasie für alternative Lebensentwürfe fehlt. Ein Einwurf zur aktuellen Debatte.

          Kinder sind lästig. Ich bin froh, dass ich keins mehr bin und, vor allem: dass ich keins habe. Zumindest ist das im Moment so. Besonders schön ist es am Wochenende. Aber auch unter der Woche bringt es große Vorteile mit sich, wenn nachts keine schlecht träumenden oder unter Übelkeit leidenden Kinder zu einem ins Bett kriechen. Dabei habe ich gar nichts gegen Kinder, solange sie anschmiegsam sind und nicht schreiend durch Zugabteile rennen. Einmal, ich stand gerade im Gang eines Flugzeugs, drückte mir eine wildfremde Frau tonlos ihr etwa zwei Jahre altes Kind in die Hände und verstaute in aller Ruhe ihr Handgepäck. Ich schaukelte das Kind hin und her, durchaus zugewandt, denn es sah mich unfassbar niedlich an mit seinen sehr großen braunen Augen; bis es auf meine Schulter spuckte.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          „Kinder sind das größte Glück der Welt. Du weißt gar nicht, was Du verpasst!“ Unter glorifizierenden Sätzen wie diesen kann ich mir nichts vorstellen. Klar, ich habe ja auch keine Kinder. Dennoch entbehren solche Sätze jeder Logik. Weshalb sollten, nur, weil Kinder für eine bestimmte Person das größte Glück darstellen, sie das automatisch auch für alle anderen tun? „Wenn eine gute Mutter ihr Kind mehr liebt als alles andere auf der Welt, dann bin ich keine gute Mutter. Tatsächlich bin ich eine schlechte Mutter. Ich liebe meinen Ehemann mehr als meine Kinder“, sagte die Autorin Ayelet Waldman („Böse Mütter“) einmal.

          Zwang zur Rechtfertigung

          Die Französin Corinne Maier, Mutter zweier Teenager, schlägt in ihrem Bestseller „No Kid. 40 Gründe, keine Kinder zu haben“ noch deutlichere Töne an und sprach damit wohl mehr Frauen aus dem Herzen, als vielen lieb ist: Sie nennt Kinder „Monster“ und „Liebestöter“. Außerdem seien sie eine Lärmbelästigung. Das Babyschwimmen versetzt Corinne Maier keine Sekunde lang in einen verzückten Zustand. Auf die Idee, die Schwimmstunden zu filmen, käme sie sicherlich nicht. Im Gegenteil, sie denkt an vollgepinkeltes Wasser. Das Fazit der Mutter: „Mir wäre es lieber, keine Kinder zu haben.“ Man möchte sich nicht ausmalen, was ihre Kinder dazu sagen, sobald sie erwachsen sind und das Buch zur Hand nehmen. Die Entrüstungswelle war gewaltig. Beide Frauen hatten etwas gewagt, was sich nicht gehört: den Glücksfaktor Kind in Frage zu stellen.

          Ich kenne glückliche und unglückliche Paare mit Kindern. Manchmal arbeiten die Frauen Vollzeit, manchmal Teilzeit, und manchmal arbeiten sie auch gar nicht und erziehen ihre Kinder, was freilich auch Arbeit ist, nur, dass sie nicht bezahlt wird. Die, die gar nicht arbeiten, jammern am meisten darüber, dass ihnen permanent alles über den Kopf wächst. Aber allenthalben scheint ein Rechtfertigungszwang zu herrschen.

          Das eigene Glück vermarkten

          Den eigenen Lebensentwurf bei jeder Gelegenheit zu rechtfertigen, ist mittlerweile zu einem Automatismus geworden. Als trüge man ständig ein Schild vor sich her, auf dem steht: Schaut, wie glücklich ich bin (und meine Kinder sind es übrigens auch)! Medial verbreitet wird das Glück des Alltags dann bei Facebook oder Instagram, wo man massenhaft Fotos von breit grinsenden Menschen sieht. Ob die Überzeugungsstrategie funktioniert, misst die Anzahl der „Likes“. Manche schreiben sogar Bücher über ihr Glück (Michèle Roten: „Wie Mutter sein”).

          Das größte Problem an der gegenwärtigen Debatte ist, dass offenbar überhaupt nur noch ein Lebensentwurf in Frage kommt, nämlich der von Familie und Beruf, aus dem sich dann die Vereinbarkeitsfrage ableitet, über die so viel und leidenschaftlich diskutiert wird. Wie viel Fremdbetreuung ist gut? Bin ich eine Rabenmutter, wenn ich mich nicht ständig um mein Kind kümmere? Wer macht die ganze Hausarbeit? Warum arbeiten Männer so selten Teilzeit? Wie sehr schaden Kinder meiner Karriere?

          Machen wir uns doch nichts vor: Der Begriff „Vereinbarkeit“ ist ein Euphemismus. Niemand kann alles haben, ohne einen Preis dafür zu bezahlen. Also setzen wir schlicht Prioritäten. Das ist ein alltäglicher Vorgang und nicht weiter der Rede wert. Jedenfalls kann ich diese ganzen Fragen nicht mehr hören. Haben wir keine drängenderen Probleme? Wer Mitte dreißig ist und kinderlos, gilt vielen, die ihren Kinderwagen betont vergnügt vor sich herschieben, als bemitleidenswerter Mensch, der lieber konsumiert, anstatt erwachsen zu werden und Verantwortung zu übernehmen – als wäre ein Dasein als unbelehrbarer Hedonist die einzige Alternative zum Reproduktionsmodell; als würde man in seiner Freizeit hauptsächlich shoppen, zum Yoga gehen und sich von seiner Kosmetikerin behandeln lassen. Wer so argumentiert, sitzt in der Ideenlosigkeit gängiger Mainstreammuster fest. Konformität in der Komfortzone. Nur: Nicht jeder will so leben, als hätte man ihn in einen Ikea-Katalog gebeamt.

          Das Dumme an Entscheidungen ist, dass sie das Risiko bergen, sich als falsch zu entpuppen. Ganz egal, ob man sich nun für oder gegen Kinder entschieden hat.

          Weitere Themen

          Ego Shoot Video-Seite öffnen

          Mode-Selfies : Ego Shoot

          Diese Bilder füttern ihr Ego, klar. Aber bei den Mode-Selfies auf dem Bauernhof ihrer Mutter geht es unserer Autorin auch um gesunde Selbstliebe. Oder etwa nicht?

          Topmeldungen

          Erdogans offene Flanke : Das türkische F-35-Fiasko

          Mit ihren Rüstungslieferungen haben die Vereinigten Staaten die türkischen Streitkräfte in der Hand. Dabei geht es um mehr als nur ein Kampfflugzeug. Eine Analyse.

          Jesidin trifft auf IS-Peiniger : „Ich bin erstarrt“

          Eine junge Jesidin traf in Deutschland ihren Peiniger des IS auf der Straße – und floh zurück in den Nordirak. Deutsche Behörden ermitteln.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.