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Lebensbewältigung mit dem Hammer Baumarktsisyphos

 ·  Ist Selbstverwirklichung nur eine Frage des richtigen Werkzeugs? Die Plakate und Clips, mit denen Heimwerker zum Kauf animiert werden, wollen uns davon überzeugen.

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Vielleicht will ich das haben, denkt man, ganz bei sich. Was wird beworben? Profane Gerätschaften: Sägeblätter, Laminatböden, Rasenmäher. Es handelt sich um das Werbeplakat eines Baumarkts: Ein Mann steht mit aufgeknöpftem Hemd vor einer gesprungenen Fassade, die Brüche in der Wand setzen sich auf seinem Torso fort und zerreißen ihm die Brust.

Doch die Risse, die sich durch seinen Lebensentwurf ziehen, lassen sich kitten, den Spachtel dazu hält er bereits in der Hand. „Keiner spürt es so wie Du“ ist das Bild überschrieben. Aus einer Krise im persönlichen Daseinszyklus muss sich jeder selbst heraushämmern. Unter dem Druck um sich greifender Orientierungs- und Perspektivlosigkeit wird der Hort des Profanen aufgewertet zum Zentrum beschäftigungstherapeutischer Quacksalben.

Handwerk ist Heldensache seit Herkules

Indes ist die konventionelle Verquickung von Baumarkt und Krise eine andere. Als eine Baumarktkette unlängst überdurchschnittliches Wachstum vermeldete, wurde das von Analysten auf die Finanzkrise zurückgeführt: Kostenbedingte Do-it-yourself-Mentalität, niedrige Zinsen sowie die Flucht von Investoren in die Geldanlage Immobilien hätten den Umsatz gesteigert. Der Zusammenhang zwischen Lebensbewältigung und Hammerschwingen scheint den Finanzexperten nicht bewusst gewesen zu sein.

Dabei liegt die Frage, ob Sisyphos es mit der richtigen Arbeitskleidung doch geschafft hätte, den Stein über die Kuppe des Bergs zu rollen, nahe genug. Und schon bei Herkules ist die Stilisierung handwerklicher Arbeit zu mythischem Heldentum angelegt, auch wenn dieser zum Ausmisten der Ställe des Augias keinen Hochdruckreiniger, sondern kurzerhand zwei Flüsse zur Hand nahm.

Streich deine Welt einfach orange

Nur dem zeitgenössischen Heimwerker bleiben derartige Hilfsmittel verwehrt. Dafür schraubt die Werbung der obigen Kampagne aber weiter emsig an seinem Künstlerethos: In dem Filmchen sieht sich ein Schwergewicht, am Presslufthammer stehend, unverhofft in einen dionysischen Schlagzeugsolorausch versetzt, und eine Frau tritt beim Streichen ihres Wohnzimmers in eine von psychedelischen Trompeten getriebene, orangefarbene neue Welt ein.

Häusliche Reparaturarbeiten bekommen so den Wert kreativer Schöpfungsvorgänge zugewiesen. Selten wohl war der Widerspruch zwischen Werbeästhetik und beworbenem Objekt so groß. Oder? Wer will, kann herauslesen, Selbstverwirklichung sei einfach nur eine Frage des richtigen Werkzeugs.

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18.11.2012, 17:00 Uhr

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