Home
http://www.faz.net/-gqz-7gsyd
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Leben mit Facebook Der digitale Dorian Gray

Facebook will das Internet selbst sein. Wer seine biographischen Informationen auf dieser Plattform wieder unsichtbar machen möchte, wird sein blaues Wunder erleben. Ein Erfahrungsbericht von einem, der sich eines Besseren besonnen hat.

© Julia Voss Vergrößern So sah Privatleben vor Facebook aus: die Seite eines Familienalbums, vorsichtshalber leicht maskiert.

Bei Facebook angemeldet habe ich mich im Herbst, zu Beginn eines Auslandsjahres in Istanbul. Ich war soeben im Studentenwohnheim angekommen, draußen regnete es seit Tagen, die Tischtennisplatte war besetzt, und ein Bekannter aus Deutschland sagte, hier könne man alle türkischen Bekanntschaften bequem versammeln. Dann kam der Frühling, und Spaziergänge durch die Stadt glichen einem Besuch bei Disneyland. Ich vergaß Facebook und, abgesehen vom Schreiben sporadischer E-Mails, dass es überhaupt so etwas wie Internet gab.

Meine erste Nachricht, ein Dreivierteljahr nach der Registrierung, bekam einen Like. In den nächsten Monaten loggte ich mich daher regelmäßiger bei Facebook ein. Im Vergleich zu Studi-VZ, wo ich meinen Account unter dem Ansturm immer jüngerer Mitglieder irgendwann gelöscht hatte, erschien mir Facebook als weniger hysterisch, aber genauso persönlich. Eine Plattform, in der gleichaltrige Freunde von ihrem Leben berichteten, eingetaucht in beruhigendes Tiefblau. Ich konnte Menschen, die ich seit meiner Kindheit nicht mehr gesehen hatte, bei Safari-Touren beobachten und Kommilitonen beim Feiern in der Disco. Ich konnte nachlesen, wer seine Hausarbeiten wie bestanden hatte, manchmal sogar, was der Professor dazu gesagt hatte. Was auch immer ich verpasst hatte, Facebook machte mich nachträglich zum Teilnehmer.

Vom persönlichen zum Bewerbungs-Netzwerk

Je größer meine Freundesliste wurde und je bunter damit der Nachrichtenstrom in meinem Profil, desto leichter fiel es mir, mein eigenes Leben auszustellen. Ich sah mich als Teil einer wohlüberlegten Nachhut: Solange die Profilbilder der Mehrzahl meiner Freunde abstrakte Landschaftsfotografien waren, brauchte ich selbst keins. Als sie damit begonnen hatten, echte Porträtbilder hochzuladen, postete ich ein Landschaftsbild: Es zeigte einen Sonnenschirm am Mittelmeer. Irgendwann torkelte ein entfernter Bekannter auf seinem Profilbild rauchvernebelt durch die Nacht, die Augen halb geschlossen, in der Hand eine Flasche Veuve Clicquot. Einige Tage später postete ich mein erstes Porträtbild: Sepia-Farben, Hemd, seriöser Blick.

Ich weiß nicht, wer von meinen Facebook-Freunden zuerst die Idee hatte, die Mitteilungszeile „Was machst du gerade?“ umzuinterpretieren in „Für was machst du gerade Werbung?“ Irgendwann aber taten es alle regelmäßig. Statt Empfindungen teilten sie ihre Erfolge, wo sie welchen Song und bei welcher Zeitung sie welchen Artikel veröffentlicht hatten. Werbung und persönliche Botschaften wurden fast gleichzeitig gepostet, und die versiertesten Facebook-Nutzer, so schien mir, mischten beide Ebenen: Der Tonfall ihrer Nachrichten blieb persönlich, ihr Inhalt aber richtete sich an die formlose digitale Masse.

Klicken im Rausch

Eines Morgens, der stündliche Blick auf Facebook war längst zu einem unüberprüften Ritual geworden, las ich in etwa die folgenden Neuigkeiten: Eine Bekannte hatte ihren ersten Roman veröffentlicht, ein Freund einen Studienplatz an der Columbia University in New York bekommen, und ein weiterer war gerade Vater eines gesunden Kindes geworden. Ich loggte mich aus, las in hypernervöser Stimmung zwei Seiten eines wissenschaftlichen Aufsatzes, legte ihn beiseite und loggte mich wieder ein. Ich überlegte, was sich auf die Frage „Was machst du gerade?“ im digitalen Raum antworten ließ. Lesen? Studieren an der Universität Freiburg? Da ich weder einen Coup an der Börse noch entscheidende Schritte zur Rettung der Welt eingeleitet hatte, also nichts Wesentliches beizutragen hatte, loggte ich mich wieder aus.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Yoga-Lehrer Kabat-Zinn Wir sind definitiv viel zu lange im Büro

Der amerikanische Medizinprofessor Jon Kabat-Zinn ist ein Star unter den Yoga-Lehrern. Auch im Silicon Valley hat er zahlreiche Anhänger. Sein Rat: Einfach mal nichts zu tun. Wie passt das zusammen? Mehr Von Bettina Weiguny

17.03.2015, 06:00 Uhr | Beruf-Chance
Uefa gegen Fifa Wir haben die Nase voll

Die Fifa hat sich in ihrem Bericht vom Korruptionsvorwurf reingewaschen, der Uefa gefällt das nicht: Wir haben die Nase voll von diesen Geschichten, sagt Generalsekretär Gianni Infantino. Mehr

09.12.2014, 16:40 Uhr | Sport
Segeln mit Krebspatienten Alle müssen mit anpacken

Der Kampf gegen Wind und Wetter ähnelt dem gegen eine schwere Krankheit: Marc Naumann erzählt, wieso er in diesem Augenblick mit jungen Krebspatienten über das Mittelmeer segelt. Mehr Von Lucia Schmidt

23.03.2015, 12:25 Uhr | Stil
Mittelmeer-Plage Der Kampf gegen die Quallen

Das Mittelmeer wird von Quallenplagen heimgesucht. Forscher und Fischer haben eine Idee, um das Problem nicht nur eindämmen soll sondern auch Einkommen schafft: Sie sammeln die Tiere ein und verkaufen sie an die Medizin. Mehr

30.09.2014, 18:28 Uhr | Wissen
Tyler Brûlé im Gespräch Ältere Verlagsmanager und das Sportwagen-Syndrom

Seit 2007 erscheint das Magazin Monocle. Sein Erfinder Tyler Brûlé will es zur Marke von Welt machen – mit ganz exklusiven Ansichten. Mehr Von Florian Siebeck

17.03.2015, 22:26 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 22.08.2013, 19:58 Uhr

Häme für die Opfer

Von Jörg Bremer

Auch Italiens Zeitungen berichten über das Airbus-Unglück. Zwei Blätter nutzen die Katastrophe, um antideutsche Ressentiments zu schüren. Silvio Berlusconis „Giornale“ ist ganz vorn dabei. Mehr 9