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Leben mit Facebook Der digitale Dorian Gray

Facebook will das Internet selbst sein. Wer seine biographischen Informationen auf dieser Plattform wieder unsichtbar machen möchte, wird sein blaues Wunder erleben. Ein Erfahrungsbericht von einem, der sich eines Besseren besonnen hat.

© Julia Voss So sah Privatleben vor Facebook aus: die Seite eines Familienalbums, vorsichtshalber leicht maskiert.

Bei Facebook angemeldet habe ich mich im Herbst, zu Beginn eines Auslandsjahres in Istanbul. Ich war soeben im Studentenwohnheim angekommen, draußen regnete es seit Tagen, die Tischtennisplatte war besetzt, und ein Bekannter aus Deutschland sagte, hier könne man alle türkischen Bekanntschaften bequem versammeln. Dann kam der Frühling, und Spaziergänge durch die Stadt glichen einem Besuch bei Disneyland. Ich vergaß Facebook und, abgesehen vom Schreiben sporadischer E-Mails, dass es überhaupt so etwas wie Internet gab.

Meine erste Nachricht, ein Dreivierteljahr nach der Registrierung, bekam einen Like. In den nächsten Monaten loggte ich mich daher regelmäßiger bei Facebook ein. Im Vergleich zu Studi-VZ, wo ich meinen Account unter dem Ansturm immer jüngerer Mitglieder irgendwann gelöscht hatte, erschien mir Facebook als weniger hysterisch, aber genauso persönlich. Eine Plattform, in der gleichaltrige Freunde von ihrem Leben berichteten, eingetaucht in beruhigendes Tiefblau. Ich konnte Menschen, die ich seit meiner Kindheit nicht mehr gesehen hatte, bei Safari-Touren beobachten und Kommilitonen beim Feiern in der Disco. Ich konnte nachlesen, wer seine Hausarbeiten wie bestanden hatte, manchmal sogar, was der Professor dazu gesagt hatte. Was auch immer ich verpasst hatte, Facebook machte mich nachträglich zum Teilnehmer.

Vom persönlichen zum Bewerbungs-Netzwerk

Je größer meine Freundesliste wurde und je bunter damit der Nachrichtenstrom in meinem Profil, desto leichter fiel es mir, mein eigenes Leben auszustellen. Ich sah mich als Teil einer wohlüberlegten Nachhut: Solange die Profilbilder der Mehrzahl meiner Freunde abstrakte Landschaftsfotografien waren, brauchte ich selbst keins. Als sie damit begonnen hatten, echte Porträtbilder hochzuladen, postete ich ein Landschaftsbild: Es zeigte einen Sonnenschirm am Mittelmeer. Irgendwann torkelte ein entfernter Bekannter auf seinem Profilbild rauchvernebelt durch die Nacht, die Augen halb geschlossen, in der Hand eine Flasche Veuve Clicquot. Einige Tage später postete ich mein erstes Porträtbild: Sepia-Farben, Hemd, seriöser Blick.

Ich weiß nicht, wer von meinen Facebook-Freunden zuerst die Idee hatte, die Mitteilungszeile „Was machst du gerade?“ umzuinterpretieren in „Für was machst du gerade Werbung?“ Irgendwann aber taten es alle regelmäßig. Statt Empfindungen teilten sie ihre Erfolge, wo sie welchen Song und bei welcher Zeitung sie welchen Artikel veröffentlicht hatten. Werbung und persönliche Botschaften wurden fast gleichzeitig gepostet, und die versiertesten Facebook-Nutzer, so schien mir, mischten beide Ebenen: Der Tonfall ihrer Nachrichten blieb persönlich, ihr Inhalt aber richtete sich an die formlose digitale Masse.

Klicken im Rausch

Eines Morgens, der stündliche Blick auf Facebook war längst zu einem unüberprüften Ritual geworden, las ich in etwa die folgenden Neuigkeiten: Eine Bekannte hatte ihren ersten Roman veröffentlicht, ein Freund einen Studienplatz an der Columbia University in New York bekommen, und ein weiterer war gerade Vater eines gesunden Kindes geworden. Ich loggte mich aus, las in hypernervöser Stimmung zwei Seiten eines wissenschaftlichen Aufsatzes, legte ihn beiseite und loggte mich wieder ein. Ich überlegte, was sich auf die Frage „Was machst du gerade?“ im digitalen Raum antworten ließ. Lesen? Studieren an der Universität Freiburg? Da ich weder einen Coup an der Börse noch entscheidende Schritte zur Rettung der Welt eingeleitet hatte, also nichts Wesentliches beizutragen hatte, loggte ich mich wieder aus.

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