Home
http://www.faz.net/-gqz-6w5xr
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Leben mit der Asche Der Mann, der den Vulkan bezwang

23.12.2011 ·  Als im vergangenen Jahr auf Island der Eyjafjallajökull ausbrach, lag Europas Flugverkehr lahm. Für Ólafur Eggertsson stand mehr auf dem Spiel: Seine Familie lebt am Fuße des Vulkans.

Von Hubert Spiegel
Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (0)
© Hubert Spiegel Im Schatten des Vulkans: Erst seit 1886 leben Menschen am Fuß des Eyjafjallajökull. Als der Vulkan im vorigen Jahr ausbrach, schien es, als könnten Ólafur Eggertsson und seine Familie nie mehr auf ihren Hof zurückkehren

Vom Gipfel her betrachtet, sieht der große Bauernhof zu Füßen des Bergmassivs aus wie Kinderspielzeug: eine Handvoll weißer Gebäude mit roten Dächern. Einsam und verlassen liegt alles da, als wären die Bewohner nach der Katastrophe mutlos und verzweifelt weitergezogen. Mehr als hundert Jahre lang hat die Familie von Ólafur Eggertsson das Land am Fuße des Vulkans bewirtschaftet. Für einen Menschen ist das eine lange Zeit. Aus der Perspektive eines Berges hingegen dauert ein Jahrhundert kaum länger als für uns eine Minute. Achthunderttausend Jahre lang blieb der Berg ungestört. Dann kam der Mensch. Nach einer Minute begann der Vulkan zu wüten.

Es war der vierte Ausbruch seit der Besiedelung Islands. Der erste geschah im Jahr 920, der zweite folgte 1612. Als der Vulkan 1821 zum dritten Mal ausbrach, dauerte es zwei volle Jahre, bis er wieder in Schlaf versank. Damals wohnte noch niemand am Fuße des Eyjafjallajökull. Vulkane galten als Tor zur Hölle. Caspar Peucer, ein Schwiegersohn Melanchthons, schrieb 1576, dass „der Berg Hekla aus einem unermesslichen Abgrund oder vielmehr aus der Tiefe der Hölle das jämmerliche und wehklagende Geheul Schluchzender ertönen lässt, so dass man die Stimmen der Weinenden auf viele Meilen hinaus vernimmt. Die große Menge der Bevölkerung ist davon überzeugt, dass sich dort der Eingang zur Hölle befindet, denn sie wissen aus langjähriger Erfahrung, dass, wenn irgendwo auf der Welt Schlachten geschlagen oder blutige Taten vollbracht werden, dort entsetzliches Lärmen, Geheul und Gewinsel sich hören lässt.“

Ein Melkroboter am Vulkan

Sechzig Jahre nach dem dritten Ausbruch des Eyjafjallajökull tauchte ein Mann namens Thorvaldur Bjarnason am Fuße des Gletscherberges auf, errichtete ein Wohnhaus aus Torf und taufte sein Anwesen auf den Namen „Thorvaldseyri“. Dann baute er eine Scheune, die eine Elle länger und eine Elle breiter als das Parlamentsgebäude in Reykjavik war. Nun hatte Thorvaldseyri das größte Gebäude des Landes. Vom Gipfel des Vulkans aus betrachtet, sah es aus wie eine Streichholzschachtel.

Zwanzig Jahre später verkaufte Bjarnason den Hof an Bjarni Jónsson, einen Zimmermann aus Reykjavik, der ihn nach kurzer Zeit Einar Benediktsson überließ. Einar war Dichter und Bezirkspolizist, ließ den Hof verkommen und verkaufte ihn für die damals unerhört hohe Summe von neuntausend Kronen an Ólafur Pálsson. Ólafur schüttete Dämme auf, legte Wege an, baute einen Kuhstall für 24 Kühe, hob ein Staubecken aus und errichtete ein kleines Wasserkraftwerk, das den Hof mit elektrischem Strom versorgte.

Als Ólafurs Sohn Eggert Thorvaldseyri im Jahr 1949 übernahm, legte er Teile des umliegenden Moorgebietes trocken, baute einen Stall für zweihundert Schafe und führte den Getreideanbau auf dem Hof ein. Als er im sechzigsten Jahr stand, übergab er den Betrieb seinem Sohn, der wie sein Großvater Ólafur hieß. Der junge Ólafur trieb ein tausend Meter tiefes Bohrloch in die Erde, bis er auf eine Thermalquelle stieß, die den Hof über eine zwei Kilometer lange Rohrleitung mit heißem Wasser versorgte. Nach und nach wurde der gesamte Hof modernisiert. Ólafur installierte eine computergesteuerte Melkanlage und steigerte die Milchproduktion auf 300 000 Liter im Jahr. Nun wurden von den 230 Hektar Land, die von jeher zu Thorvaldseyri gehört hatten, mehr als hundert Hektar bewirtschaftet.

Die Bilder gingen um die Welt

Strom lieferte das Wasserkraftwerk, das 116 Grad heiße Thermalwasser sprudelte unablässig aus dem Bohrloch, und die schweren Landmaschinen wurden mit Biodiesel aus eigener Produktion betrieben. Obst, Gemüse und sogar Weintrauben wuchsen in einem kleinen Gewächshaus. Ólafur und seine Familie waren autark, perfekte Selbstversorger, scheinbar vollkommen unabhängig von ihrer Umwelt. Im Jahr 2006 feierte man ein großes Fest, denn Thorvaldseyri war nun seit hundert Jahren im Besitz der Familie. Die Anzeichen, dass die Katastrophe bevorstand, waren jetzt schon nicht mehr zu übersehen.

Die Erdbeben, die das Vulkanologische Institut der Universität Island seit 1999 vermehrt registriert hatte, waren so schwach, dass sie auf dem Hof kaum zu spüren gewesen sein dürften. Im Herbst 2000 wurden vulkanische Stoffe im Flusswasser gefunden, und im Januar 2002 wurden zwei neue Spalten am Gipfelkrater entdeckt, aus denen schwefeldioxidhaltige Dämpfe aufstiegen. Es dauerte noch eine Weile, bis an Ostern 2009 ein Hypozentrum unter dem Vulkan aktiv wurde. Die Zahl der nun folgenden Erdbeben ging in die Tausende; etliche von ihnen erreichten die Stärke zwei. Auf Thorvaldseyri wurden Messgeräte aufgestellt, die Anfang Februar 2010 erkennen ließen, dass die Vulkanoberfläche sich veränderte: Die Verformung der Erdkruste hatte begonnen, was darauf hindeutete, dass im Inneren des Vulkans Magma einfloss. In den folgenden Wochen wanderten die Erdbebenherde aus einer Tiefe von sieben bis zehn Kilometern bis dicht unter die Erdoberfläche. Allein zwischen dem 3. und dem 5. März 2010 wurden etwa dreitausend Erdbeben registriert. Zwei Wochen später, kurz vor Mitternacht des 20. März, begann die Eruption: Der Eyjafjallajökull spie Feuer.

Wenige Wochen später gingen die Bilder von Ólafur Eggertsson um die Welt: ein Mann, der in einer Wolke aus Vulkanasche vor seinem Haus steht und mit den Tränen kämpft, weil er alles verloren hat und vor den Trümmern seiner Existenz steht. Was seine Familie in hundert Jahren der Natur abgetrotzt hatte, holte die Natur sich nun zurück.

Es war schlimm genug

Der Vulkan hielt die Menschen über Monate im Ungewissen. Es ist schwer zu sagen, wann ein Ausbruch endgültig vorüber ist. Die isländischen Behörden blieben vorsichtig. Eine vollständige Entwarnung gibt es bis heute nicht. Erst acht Monate nach der ersten Eruption wurde die niedrigste Alarmstufe ausgerufen. Seitdem gilt der Vulkan als „unsicher“.

Bis dahin hatte Eyjafjallajökull viele hundert Millionen Kubikmeter flüssiger Lava ausgestoßen, die mit Temperaturen zwischen sechshundert und zwölfhundert Grad aus den Kratern schoss. Der Ausstoß an Eruptivgestein betrug bis zu vierhundert Tonnen in der Sekunde. Wo Lava auf Wasser traf, etwa in Form von Gletschereis, bildeten sich Aschepartikel, die bis zu acht Kilometer hoch in die Atmosphäre geschleudert wurden. Je feiner die Asche, desto höher die Eruptionssäule, je höher die Eruptionssäule, desto weiter kann sich die Asche verbreiten.

Es war nicht so schlimm wie 1783/84, als die große Vulkanspalte des Lakagígar ausbrach und eine weltweite Klimaveränderung verursachte. Aber es war schlimm genug. Fast ganz Europa war vom Ascheregen betroffen, auf der Zugspitze übertraf die Feinstaubkonzentration den Normalwert um das Zwanzigfache. Für mehrere Wochen legte der Eyjafjallajökull den Flugverkehr lahm. Am 15. April 2010 verzeichnet Eurocontrol den Ausfall eines Viertels der üblichen 28 000 Flugverbindungen am Tag. Am Ende des Monats sprach die Europäische Kommission von 100 000 gestrichenen Flügen und etwa zehn Millionen betroffenen Passagieren. Der Schaden für die isländische Volkswirtschaft wird auf bis zu 3,7 Milliarden Euro geschätzt. Das entspricht bei etwa 320 000 Einwohnern einem Betrag von mehr als zehntausend Euro pro Kopf.

Eyjafjallajökull in einem Einmachglas

Ólafur Eggertsson hat seinen Verlust nicht auf Heller und Pfennig berechnet. Drei Mal wurde die Familie evakuiert und musste den Hof verlassen. Drei Mal wusste Ólafur nicht, ob er je würde zurückkehren können. Straßen und Brücken waren zerstört, ebenso das Wasserkraftwerk und die Heißwasserleitung, die von der Thermalquelle zum Haus führte. Auf allen Dächern, auf allen Feldern lag eine hohe, undurchdringliche Ascheschicht. Vulkanasche enthält Fluor. Nach dem gewaltigen Ausbruch des Lakagígar im Jahr 1783 war die Fluorkonzentration auf dem Erdboden so hoch, dass vier Fünftel aller Kühe und Schafe verendeten. Große Teile der Vegetation starben ab, in den Flüssen gingen die Lachse ein. Eine Hungersnot brach aus, die mehr als zwölftausend Menschenleben kostete. Jeder vierte Isländer starb damals an den Folgen des Vulkanausbruchs.

Ólafur wusste nicht, ob er seine Felder und Weiden jemals wieder würde bewirtschaften können, doch die erste Ernte nach dem Ausbruch war gut. Zuvor hatten die Aufräumarbeiten viele Monate gedauert. Aus dem ganzen Land waren freiwillige Helfer gekommen, um mit Schaufeln, Besen und Baggern Hof und Felder von dem schwarzen Niederschlag zu befreien. Irgendwann kam Ólafur auf die Idee, die Asche in kleine Einmachgläser zu füllen und an Touristen zu verkaufen.

Jetzt stapeln sich die Gläser auf den Regalen des Besucherzentrums, das Ólafur und seine Frau Guðný im letzten Sommer am Rand der Ringstraße in Sichtweite des Hofes errichtet haben. Seitdem kamen 23000 Besucher, um Ansichtskarten, T-Shirts, Kerzenhalter aus Lavagestein, Rapsöl oder eines der anderen Produkte des Hofes zu kaufen, die Fotodokumentation zu studieren oder sich im kleinen Kinosaal einen zwanzigminütigen Film mit spektakulären Luftaufnahmen vom Vulkanausbruch anzusehen (www.icelanderupts.is). Für 990 Kronen, umgerechnet etwa 4,50 Euro, kann man ein Einmachglas mit jenem Stoff kaufen, der Europas Flugzeuge wochenlang am Boden hielt. Wer die tiefschwarze Asche von Thorvaldseyri durch seine Finger rinnen lässt, muss an die Geschichte vom Geist in der Flasche denken. Ólafur Eggertsson ist der Mann, der den Eyjafjallajökull in ein Einmachglas gezwungen hat. Wie lange er darin bleiben wird, kann der Mensch nicht wissen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1962, Redakteur im Feuilleton.

Jüngste Beiträge

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr