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Le Clézio in Paris : Kunst oder Handwerk, das ist hier die Frage

Wilson Bigaud, Cérémonie (1973) Bild: Musee du quai Branly/Photo Scala, Florence

Das große Reich des Jean-Marie Gustave Le Clézio: Der Literaturnobelpreisträger beschert dem Louvre als Gastkurator eine ungewöhnliche Schau mit Exponaten aus aller Welt.

          Es ist gut möglich, dass der „Salle de la Chapelle“ der kleinste Ausstellungsraum ist, den der Pariser Louvre zu bieten hat. Er liegt in der ersten Etage des Sully-Flügels und ist nur über eine Reihe verschachtelter Treppenaufgänge zu erreichen, in denen der Gast die nicht abreißenden Besucherströme, die an den Höhepunkten des Museums vorbeiziehen, langsam, aber sicher vollständig hinter sich lässt. In diesen stillen Trakt des Hauses, so scheint es, verliert sich nur selten eine Menschenseele, und umso besser passt der Mann hierher, dem der Louvre in diesem Jahr „carte blanche“ gegeben hat. Nach Patrice Chéreau, Umberto Eco und Pierre Boulez in den vergangenen Jahren hat Jean-Marie Gustave Le Clézio einen Veranstaltungszyklus kuratiert, dessen Thema er selbst gewählt hat: „Les musées sont des mondes“ - Museen sind Welten, oder auch: Die Welt ist ein Museum.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das Herzstück dieser aus Vorträgen, Konzerten und Diskussionen bestehenden Reihe bildet eine Ausstellung in besagtem Saal. In diesem geradezu absurd kleinen, nur etwa vierzig Quadratmeter messenden Raum hat Le Clézio aber alles versammelt, was sein Universum ausmacht, und wer den einundsiebzig Jahre alten französischen Schriftsteller kennt, der weiß, was das bedeutet. Haiti, Afrika, Mexiko und Vanuatu sind die Orte, die den weltumspannenden Rahmen dieser Schau bilden. Jeden einzelnen hat Le Clézio bereist, jeder findet sich in seinem literarischen Werk wieder. Erst vor drei Jahren erschien in Deutschland das Buch „Raga“, in dem er von seiner Reise nach Vanuatu im Südpazifik berichtet.

          Solche Museen habe er nie gemocht

          Dorthin war Le Clézio im Rahmen einer Forschungsreise 2007 aufgebrochen, und dort hatte er auch Charlotte Wèi Matansué kennengelernt, eine Frauenrechtlerin, die jahrelang dafür gekämpft hat, dass die geflochtenen Bastteppiche, welche die Frauen auf den zu Vanuatu gehörenden Pfingstinseln traditionell anfertigen, dort weiter als Währung anerkannt werden, weil es den Frauen in der patriarchalischen Gesellschaft ihrer Heimat nur so gelingt, ein Stück Unabhängigkeit zu bewahren. Nun finden sich einige der von Charlotte Wèi Matansué gefertigten Bastmatten im Louvre wieder - von Le Clézio bewusst zweckentfremdet, werden sie dem Besucher hinter Glas liegend präsentiert. Kurz darauf fällt dessen Blick auf einen dieser typischen Le-Clézio-Sätze, der über einer Vitrine an der Wand geschrieben steht und eigentlich mehr Fragen als Aussagen enthält: „Ici l’on parle d’art, là on parle d’artisanat“ - will sagen: Was ist der Unterschied zwischen Kunst und Handwerk? Und wer entscheidet, was wozu gehört?

          Abwehrzauber: Statue aus Zentralafrika
          Abwehrzauber: Statue aus Zentralafrika : Bild: Musee du quai Branly/Photo Scala, Florence

          In diesen Fragen lässt sich das Anliegen der Schau zusammenfassen. Wie es der Haltung dieses weltläufigen Autors entspricht, der in Nizza geboren wurde und heute nach langen Aufenthalten unter anderem in Thailand, Mexiko und Südkorea in den Vereinigten Staaten, Frankreich und auf Mauritius lebt, fordert Le Clézio die Besucher auf, ihre Wertmaßstäbe in Bezug auf künstlerisches Schaffen von Grund auf zu überdenken. In seinem Katalogtext hat er es angedeutet, in Interviews wurde er deutlicher: Museen, die Werke nur anhäufen und sie hierarchisch präsentieren, so dass manche von ihnen hinter Plexiglas verschwinden, während man andere beinahe berühren kann, diese Museen habe er nie gemocht.

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