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Laudatio auf Rachel Salamander : Physikerin der literarischen Kraft

  • -Aktualisiert am

Die per Literatur Handelnde: Rachel Salamander Bild: picture alliance / Sueddeutsche

Am Sonntag ist Rachel Salamander mit dem Marbacher Schillerpreis ausgezeichnet worden. Er ehrt eine Frau, die die jüdische Kultur in Deutschland wieder heimisch gemacht hat.

          Literaturhandlung“. Das sagt alles. Oder besser: Das tut alles. Hier handelt die Literatur. Sie tut etwas unter dem Dach, auf dem das Ladenschild angeschraubt wurde. Sie tut es, wenn sie in die richtigen Hände fällt. Das Dach war fertig im Jahr 1982, als Rachel Salamander die erste Buchhandlung jüdischer Literatur und Literatur zum Judentum in München eröffnete. Ein Blick von der Straße durchs Fenster, beispielsweise in der Dependance in Berlin, zeigt, wie es aussieht, wenn Bücher aus den richtigen Händen in die richtigen Hände fallen: diese blätternden, lesenden, Buchrücken studierenden und sehr oft auch Auskunft suchenden Menschen, die, selbst wenn sie in Eile sind, in eine Art Zeitlupe geraten, kaum dass sie den Laden betreten.

          Viele Kunden hier reden miteinander „nach Art von Studierenden“ - das ist eine Wendung in Kafkas „Prozess“, dessen gegen alle Wahrscheinlichkeit noch existierendes Manuskript gerade in einer grandiosen Ausstellung in Marbach gezeigt wird. So wirken viele der Besucher der Literaturhandlung. Es gibt hier Bücher, die man in keiner anderen Buchhandlung des Landes findet. Und umgekehrt: Manche Bestseller, die man in jeder anderen Buchhandlung findet, gibt es hier nicht. Die Chefin ist wählerisch. Wer genau hinsieht, erkennt, dass sie mit Büchern genauso umgeht wie mit Menschen. Sie, die mit dem Wort Pablo Nerudas ein „Genie der Freundschaft“ ist, vergisst nie, dass es Feinde gibt.

          Vernetzt mit der Weltliteratur

          Die Literaturhandlung ist von Beginn an auch als Zufluchtsort gedacht gewesen. Wer hier durch die Tür tritt, erkennt: Nirgendwo findet man in einer Buchhandlung mehr Gedichte, Erzählungen, Romane, Sachbücher aus dem Judentum und über das Judentum als hier. Man kann diesen Kanon aber auch anders einordnen: Wohl nirgendwo im Einzugsgebiet des Börsenvereins des deutschen Buchhandels findet man an einem Ort ein solches Sortiment Ermordeter, eine Sammlung von Büchern, deren Autoren verfolgt und umgebracht wurden. Paul Celan hat durch die Wendung vom „Meister aus Deutschland“ das Töten der europäischen Juden auch als Fach beschrieben, das Lehrlinge und Meister hat. Eine Fachbuchhandlung jüdischer Literatur und Literatur zum Judentum ist immer auch eine Fachbuchhandlung des Ermordetworden-Seins.

          Deshalb ist Rachel Salamanders „Literaturhandlung“ wirklich eine Handlung. Sie tut, was Bertolt Brecht am 3. August 1938 in einem Gespräch mit Walter Benjamin, mit „einer Heftigkeit“, wie Benjamin schreibt, „die er selten hat“, formulierte, als es darum ging, ob die „Kinderlieder“ es wert seien, in eine Anthologie aufgenommen zu werden: „In dem Kampf gegen die darf nichts ausgelassen werden. Sie haben nichts Kleines im Sinn. Sie planen auf dreißigtausend Jahre hinaus. Ungeheures. Ungeheure Verbrechen. Sie machen vor nichts halt. Sie schlagen auf alles ein. Jede Zelle zuckt unter ihrem Schlag zusammen. Darum darf keine von uns vergessen werden.“

          Ich begegnete Rachel Salamander erstmals im Jahr 1988, nachdem ich vorher schon von Marcel Reich-Ranicki viel von einer Literaturwissenschaftlerin aus München gehört hatte, über die er - ein Vorgang fast ohne Beispiel - nur mit Respekt redete. Warum, begriff ich in jenem Frühling 1988. Ich traf sie nämlich nicht einfach. Ich musste erst durch einen ziemlich dichten Kreis von Menschen hindurch. Ich sah, es war bei einem Schriftstellerkongress in Lissabon, schon von weitem eine ziemlich große Traube von Menschen, deren Kraftzentrum sie offenbar war. Beim Näherkommen erkannte ich dann, dass die Menschen, die dort mit ihr diskutierten, Czeslaw Milosz und Joseph Brodsky waren, Salman Rushdie (noch vor der Fatwa) und Susan Sontag, Hans Magnus Enzensberger und Michael Krüger. Später merkte ich, dass das typisch war. Rachel Salamander ist vernetzt mit der Weltliteratur, mit der lebenden und der toten, wie nur wenige andere.

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